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Carl Amery
Global Exit

Die Kirchen und der Totale Markt

München 2002 (Luchterhand); 239 Seiten; ISBN 3-630-88004-5








Carl Amery, der jahrzehntelang die politische Diskussion in der BRD entscheidend mitgeprägt hat, setzt sich seit Jahren mit der Frage auseinander, wie die Erde als von Menschen bewohnbare Biosphäre überleben kann, wie wir für unsere Nachkommen wieder eine Lebensperspektive zurückgewinnen können.




Es ist vorauszusehen, sagt er in dieser Streitschrift, daß unsere Lebenswelt im Laufe des anhebenden Jahrtausends zusammenbrechen und unbewohnbar werden wird. Dieser Prozeß wird beschleunigt und unumkehrbar gemacht durch den Sieg des Totalen Marktes, der auf dem Zenit seiner Macht und Wirksamkeit alle natürlichen Ressourcen verzehrt und sich als alternativlos darstellt. Alternativlosigkeit ist das Zeichen von Allmacht. Allmacht ist das Kennzeichen einer Ideologie bzw. Religion. Während wir glauben, daß unsere Gesellschaft ein bunter Flickenteppich von Werten und Kulturen ist, existiert sie in Wahrheit unter der Kuppel der Religion des alles bestimmenden Totalen Marktes.




Im zweiten Teil seiner Analyse sagt Carl Amery, daß die Kirchen der Christenheit sehr bald in völlige Bedeutungslosigkeit absinken werden und daß sie nur durch die Übernahme des zivilisatorischen Auftrags, an nachhaltigen, biosphärisch verantworteten Kulturen zu arbeiten, ihre Vitalität und ihre heilsgeschichtliche Bedeutung zurückgewinnen können. Folglich sieht er für die historischen Kirchen der Christenheit im 21. Jahrhundert einen einzigen zentralen zivilisatorischen Auftrag, nämlich den Kampf gegen die Religion des Totalen Marktes aufzunehmen und für eine bewohnbare Zukunftsgesellschaft zu wirken. Die lateinamerikanische Befreiungskirche könnte ein Beispiel sein für den Exodus aus dem „Sklavenhaus des globalen Kapitalismus“.


Carl Amery


geboren 1922, gestorben am 24. Mai 2005, war Mitglied der Gruppe 47, von 1989 bis 1991 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums sowie Mitbegründer der E.-F.-Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie. Amery schrieb Hörspiele, mehrere Romane und wurde vor allen Dingen durch seine kulturkritischen Essays sowie als engagierter Ökologe bekannt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1991 mit dem Literaturpreis der Stadt München.


Inhaltsverzeichnis


Grundriß






I. Die Reichsreligion



1. Zeit-Raum des Totalen Marktes – 2. Ohnmacht und Allmacht – 3. Hausmeister und Müllkutscher – 4. Die Magd des Herrn – 5. Seelsorge und Seelenentsorgung



Fazit






II. Christen im Pantheon



1. Amarillo, Texas: der eine Mexikaner – 2. Raum-Zeit der Christentümer – 3. Glück im Container – 4. Die Erblast oder: Kleider machen Leute – 5. Die gute Meinung – 6. Die wahre Lage: Exempel? Exil? Exodus? - 7. Kriterien der Befähigung – 8. Exkurs: Los hijos de la chingada



Fazit






III. Das Notwendige – Wort und Tat



1. Zweckmäßig: Kreuzzug / Auszug – 2. Hindernisse weltlicher, akademischer und geistlicher Art – 3. Ziele und Ressourcen – 4. Die Füße des Idols (I) – 5. Die Füße des Idols (II) – 6. Und die Politik?






Fazit



1. Exitus? – 2. Exodus! – 3. Exit






Nachwort


Leseprobe


Grundriß






Es ist vorauszusehen, daß die Lebenswelt, wie wir sie kennen und bewohnen, im Laufe des anhebenden Jahrtausends zusammenbrechen und unbewohnbar werden wird.






Es ist vorauszusehen, daß die Kirchen der Christenheit sehr bald, vielleicht im Laufe dieses Jahrhunderts, in völlige Bedeutungslosigkeit absinken werden.






Es soll gezeigt werden, daß diese beiden Aussichten, wenn zusammengeführt und ineinander gespiegelt, eine gewaltige Pflicht enthüllen – und eine gewaltige Chance gebären.









I. Die Reichsreligion / 1. Zeit-Raum des Totalen Marktes






Unsere Lebenswelt könnte untergehen. Dies wäre die Folge unserer Fortschritte in der Naturbeherrschung und unserer Unfähigkeit (oder Unwilligkeit), diese Fortschritte lebensgerecht zu ordnen und zu überwachen.






Daß es dazu kommen kann, ist nicht unlogisch. Aber daß es dazu kommen muß, ist nicht zwingend.






Homo sapiens sapiens, erst vor kurzem in die Lebenswelt entbunden, begriff diese als Gefahr und Beute. Was er zum Überleben benötigte, fand er zur Not in seinem Kopf und in den Sinnen vor, und er folgte (was blieb ihm anderes übrig?) zunächst dem Programm alles Lebendigen, gespeichert im limbischen Reptiliengehirn: Nähre dich redlich oder unredlich, hol dir, was du schnappen kannst, multipliziere dich, mach‘s dir so bequem, wie‘s dir die Welt erlaubt, mit den dir erreichbaren Ressourcen. (So weiß es schon und so handelt, viel tiefer unten auf der Skala des Lebendigen, das Programm der Bierhefe: Sein folgerichtiger Endpunkt, kulturell vom Brauer herbeigeführt, ist der Erstickungstod in den eigenen Exkrementen. Causa finalis, Endziel: Das könnten wir durchaus erleben.)






Homo sapiens – homo demens






Daneben aber, vielmehr darüber, das eigentliche Humane – und das ist nicht die Einbrecher- und Diebesgeschicklichkeit des homo oeconomicus: Kisten aufeinanderstapeln, um an die Bananen zu kommen, dergleichen schafft Vetter Schimpanse allemal. Das spezielle Humane, die wirkliche Differenz zur Zoologie, das ist die Reflexion der eigenen Lust und Pein, der Blick auf die Schatten an der Höhlenwand – und der Versuch, dies alles (das Fressen, das Gefressenwerden, den Auf- und Untergang der Sonne, das Traumgespräch mit dem verstorbenen Vater, die Angst vor den tausend Augen von den nahen Hügeln, den unentrinnbaren Tod) zum verständlich-verständigen Muster zu ordnen – to establish order out of noise. So entstehen Epen und Kathedralen, so entstehen aber auch Wahnsinnssysteme und Wahnsinnstaten der verschiedensten Art und Schattierung, der homo sapiens ist unvermeidlich und von Anfang an auch der homo demens, der Verrückte in Zeit und Raum.






Daraus erwuchsen Kulturen, gräßliche und wundervolle; und damit war wundervoll und gräßlich zu leben – und zu sterben. Denn zur allgemeinen Krise des Lebendigen führten sie deshalb nicht, weil der Tod noch zu mächtig war, die unentbehrliche Verkehrsform des Lebens: Wirbelt die Spirale des Angriffs, der Jagd nach Glück und Ressourcen, zu weit in schlechte Unendlichkeit, dann zieht sie die zentripetale Kraft von Not und Tod an die festigende Achse zurück. Viel Grün, und die Schneehasen vervielfachen sich; viel Schneehasen, und die Zahl der Polarfüchse explodiert – bis das Gras verwelkt, die Hasen gefressen, die Füchse dezimiert sind. Gab es eine verheerende Pest, dann starb die Hälfte der Leute, die Rodungsflächen erholten sich, und die Löhne der Dienstboten stiegen. Die piekfeine, die hochmoderne, die Globalkrise: die besorgte uns der homo oeconomicus, der im Bierhefe- und Schimpansenprogramm nicht nur verharrte, sondern es zum Motor des Fortschritts verklärte; immer mehr von seinen höheren Fähigkeiten (zuletzt den ganzen Produktionsfaktor Wissenschaft) investierte er in den stets weiteren Ausgriff der Gierspirale, den (letztenendes tragikomischen) Erfolg der Panikflucht vor Not und Tod, weg von der Todesachse, die er nicht als Stabilisierung, sondern als Verhöhnung, als Beleidigung, als unbedingt zu beseitigenden Grundfehler der Existenz begreift (vielmehr: zu begreifen vorzieht).






Opportunismus im Treppenhaus: Genesis des Kapitalismus






Die großen alten Systeme des Höheren, der Ethik, der Philosophie und Theologie, geben dazu nicht viel her. Sie haben die schlauen Basteleien mit Kot, Eisen und Dynamit, mit Nachschlüssel und Genomen nie als zentralen Gegenstand ihrer Betrachtung gesehen, sie haben keinen Geschmack daran. Sie bewerten, entwerten das alles als notwendige Lästigkeiten, als die – möglichst diskrete – Anfuhr der Lebensmittel durch den Lieferanteneingang ins Parterre des Zivilisationsgebäudes; in den oberen Stockwerken werden ausschließlich höhere Werte gepflegt und Sternbilder ausgespäht. Wenn grabschender Opportunismus diesem Streben zu offensichtlich lästig wird, wenn er zuviel Krach im Parterre macht, blickt man unwillig durchs Treppenhaus hinunter und mahnt zum „rechten Gebrauch“ der Ressourcen, was den Opportunisten weiter nicht stört. Spätestens seit Francis Bacon, Adam Smith und Karl Marx hat er ohnehin seine eigenen philosophischen Büchsenspanner gefunden.






So konnte sich denn der Kapitalismus als „Parasit des Christentums“, oft genug in religiöse Vorwände vermummt, unbehelligt von witternden Inquisitoren durch Jahrhunderte nähren und stärken, bis er als die eine unsinnige, aber übermächtige Weltsicht und Weltordnung hervortrat, als wichtigste Quelle und Garantie zivilisatorischer Verblendung – bis hin zur Unfähigkeit, die Verblendung und ihre Gefahren überhaupt ernsthaft zu reflektieren.






Diese Weltsicht und Welt-(un-)ordnung formte sich also seit Jahrhunderten. Manche erblicken ihre Keime schon im Papst-Kaiser-Streit des 11. Jahrhunderts, der im Abendland die große Scheidung von „sakral“ und „profan“ einleitete, zumindest aber im Konflikt zwischen dem Vatikan und Barbarossa, der zeitlich nicht zufällig mit dem kometenhaften Aufstieg der italienischen Stadtstaaten zusammenfiel. Wirtschaftsherrscherlicher Kolonialismus wird als System nach dem Zusammenbruch von Byzanz im IV. Kreuzzug (1204) sichtbar und wirksam; vor allem Venedig und Genua schnappen sich die Gewürzinseln der Ägäis, und das Italienische liefert alle wesentlichen Fachausdrücke der Bankersprache. Was noch fehlt, ist die große Liquidität – und der erbarmungslose Erwerbsfleiß. Erstere liefern dann Spanier und Portugiesen (nebst ihren Schmarotzern, den mehr oder weniger lizensierten nordeuropäischen Piraten und den Amsterdamer Bankern), letzteren die sogenannte protestantische Ethik des tätigen Bürgertums. (Sie wird historisch genauer zu bestimmen sein.) das alles nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf, den schließlich hymnisch Marx‘ Kommunistisches Manifest beschreibt, und erwirbt im Laufe des 20. Jahrhunderts alle Züge einer weltweit herrschenden Religion.






(...)


Siehe auch:


Carl Amery: Das Ende der Vorsehung – Die gnadenlosen Folgen des Christentums (1972)



Carl Amery: Natur als Politik – Die ökologische Chance des Menschen (1976)



Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends – Von Leben, Tod und Würde (1994)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 22.2.2001



Carl Amery (Hrsg.): Briefe an den Reichtum – mit einem Brief an den Bundesbräsidenten (2005)



Carl Amery: Eine andere Welt ist nötig – Vorschlag für eine Rede zum 8. Mai 2005



Carl Amery: Arbeit an der ZukunftEssays (2007)



Carl Amery – Der Poet für die Erde. Ein Nachruf von Claus Biegert


English


http://portland.indymedia.org/en/2002/10/30652.shtml