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Carl Amery (Hrsg.)
Briefe an den Reichtum




München 2005 (Luchterhand); 270 Seiten; ISBN 3-630-87186-0








Während es über die Probleme der Armut jede Menge Diskussionen gibt, ist es dem Reichtum gelungen, inmitten unserer Gesellschaft sozusagen als verschleiertes Idol zu existieren. Dank der PR-Offensive des Kapitalismus, die jede genauere Nachfrage als Sozialneid disqualifiziert, gibt es überraschend wenig zuverlässige Informationen über Art und Umfang des Reichtums. Die Briefe an den Reichtum lüften ein paar Zipfel dieses Schleiers. Die Motivation der Absender ist kein Sozialneid, aber Zorn. Zorn insbesondere, wenn der Brief an offensichtlich gemeinschädliche Adressaten gerichtet ist, dort, wo der Geldreichtum ältere, oft prunkvollere, aber weniger ertragreiche Formen des Reichtums wie etwa den Grundbesitz an den Rand gedrängt hat. Dieser neue Geldreichtum, der flexibelste und unpersönlichste der Geschichte, bildet als „Herz der Finsternis“ den Kern des Buches. Aber um ihn herum ist eine Girlande von „kollateralen“ Adressen angeordnet, von Grundkursen in Geldwirtschaft bis zu Möglichkeiten der Therapie von der Unbill des Reichtums. Damit kann das Gespräch über den Reichtum in einer neuen Atmosphäre fortgeführt werden, ohne Angstgeruch und ohne Ergebenheit.




Es ist schlimm genug, wenn eine verarmte Bevölkerung sich einen Tyrannen sucht, der verspricht, sie aus ihrer Verlorenheit und ihrem Elend zu befreien. Aber selbst in diesem Fall ist noch ein Bezug zum Gemeinwesen erhalten. Ganz schlimm ist es für das Wohl und Wehe des Stadtstaates, wenn die Privatreichen überhand nehmen. Ihnen ist die Polis gleichgültig, wenn sie nur jene Dienste bereitstellt, welche die Ansammlung des Reichtums ermöglichen. Die Privatreichen übernehmen keine Verantwortung für das Gemeinwesen. (Aristoteles, sinngemäß zitiert in Oskar Negt an Heinrich von Pierer)


Carl Amery


geboren 1922, gestorben am 24. Mai 2005, war Mitglied der Gruppe 47, von 1989 bis 1991 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums sowie Mitbegründer der E.-F.-Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie. Amery schrieb Hörspiele, mehrere Romane und wurde vor allen Dingen durch seine kulturkritischen Essays sowie als engagierter Ökologe bekannt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1991 mit dem Literaturpreis der Stadt München.


Inhaltsverzeichnis


Carl Amery
Von deutlicher Rede
Statt eines Vorworts

Grundkurs

Andreas Eschbach
An Max Mustermann
Zeugt Geld? Arbeitet Geld? Rat für einen ziemlich ratlosen neuen Bankkunden

Basilius der Große
Rede an die Reichen

Herz der Finsternis

Harald Schumann
An Mr. Gent
Eine Analyse des Vodafone-Skandals

Oskar Negt
An Heinrich von Pierer
Von der Wirtschaft gegen den Menschen

Freda Meissner-Blau
An den Prinzen Pahlevi
Das Kriminalregister einer jungen Dynastie

Historisches und Kollaterales

Karl Gaier
An die Großgrundbesitzer
Der Todeskuss des Kapitalismus für den Wald

Harald Grill
An Silvio Berlusconi
Ratschläge aus dem Bayerischen Wald an einen Lebenskünstler

Hermann Scheer
An Prof. Dr. Axel Börsch-Supan
Der Platz der „gefälligen Wissenschaft“ in der Welt des Reichtums

Gottfried Fischborn
An Alberto Vilar
Fallstricke des Mäzenatentums

Rupert Neudeck
An Oliver Kahn
Wie ein Millionärs-Entertainer wirklich wichtig werden könnte

Odgen Nash
Geht auf meine Rechnung

Therapien

Hans Olbrich
An einen jungen Freund
Ermutigung zum Abstand

Margrit Kennedy
An eine Erbin
Empfehlung einer höchst praktischen Alternative

Ulrich Duchrow
Ein Briefwechsel zwischen Arm und Reich und seine Folgen
Wie kommt ein Kamel durchs Nadelöhr?

Christian Morgenstern
Die Probe

Carl Amery
An den Bundespräsidenten
Statt eines Nachworts


Die Absender (Zu den Autoren)






Der Brief an den Bundesbräsidenten wurde als Editorial in der GAZETTE Nr. 3 / September 2004 veröffentlicht.

Aufgrund des Briefes kam es zu einer Korrespondenz zwischen dem Bundespräsidenten und dem Autor, die schließlich am 12. November 2004 zu einem Hausbesuch in München führte. Eine Stunde lang wurden die Themen des Offenen Briefes in Form einer Tour d’horizon besprochen. Gleich zu Eingang der Unterhaltung erwähnte Horst Köhler, dass ihn die Rede zum 8. Mai 2005 bereits intensiv beschäftige. Der Schlagschatten von Vorgängern, die zu diesem Gedenktermin geschichtlich Bedeutsames formuliert hatten, stand sozusagen im Raum. Da der Autor es für nützlich hielt, das Gespräch weiterzuführen, überreicht er in der GAZETTE Nr. 5 / März 2005 dem Bundespräsidenten den, wie er glaubt, heute notwendigen Textvorschlag:

Carl Amery: Eine andere Welt ist nötigVorschlag für eine Rede zum 8. Mai 2005


Leseprobe


Carl Amery
Von deutlicher Rede
Statt eines Vorworts






Die Absicht dieses Buches ist schlicht Aufklärung; Aufklärung über Tatbestände des Reichtums, die für das Weiterleben der Menschheit so wichtig, so krisenhaft wichtig sind wie nie zuvor.

Dabei ist allen, auch den Autorinnen und Autoren der folgenden Texte, hinlänglich klar, dass solche Aufklärung nur in sehr begrenztem Maße möglich ist. Zwar ist es dem Reichtum gelungen, sich und seine Wachstumsmethoden seit der Implosion des Sowjetsystems für schlechthin naturwüchsig zu erklären; dennoch haftet ihm, ob er dies bewusst will oder nicht, der zwanghafte Drang zur Verschleierung an. Statistische Reichtums-Erhebungen werden, wenn sie ehrlich sind, immer von verschämten Fußnoten begleitet, die solche Verschleierung wenigstens teilweise zugeben; vor allem die Schleppe von Privilegien, die der Reichtum mitschleift, lässt sich gar nicht in Einzelstränge aufdröseln. Ein Ahnherr der deutschen Soziologie, Georg Simmel, weist auf die hübsche Doppelbedeutung des Wortes »Vermögen« hin: Allein das Bewusstsein, etwas über das Übliche hinaus zu »vermögen«, nennt er ein superadditum, also ein Obendrein-Geschenktes, das eben nur dem Reichen vergönnt ist und seinen Lebens-Spielraum erweitert. Und das entzieht sich (zusammen mit kostenlosem Dienstwagen, Opern-Abonnement, Golfclubgebühren, Hotelrechnungen et cetera) jeder exakten Erfassung.

Wenn man alte Geschichten liest, etwa die des Ersten Testaments, sah der Reichtum zunächst gar nicht so übel aus; spiegelte, wenn man will, den Reichtum der nicht-menschlichen Schöpfung wider, deren Buntheit und Fülle (nach Thomas von Aquin) das Gutsein des Schöpfers bekundet. Die lebendige Welt war zunächst Allmende, Allgemeingut, Commons; und der Reichtum der Patriarchen nahm ja wenig oder nichts von diesen allgemein geschenkten Ressourcen der Erde weg. Die Weinberge, die Äcker, die Herden von Schafen, Rindern und Kamelen, der kostbare Hausrat versperrten den Anderen, die noch keine Armen waren, nicht den Zugang zum würdigen Leben. Zudem war vom Reichen das gefordert, was im deutschen Mittelalter Milte, im französischen largesse hieß: Großmut. Durchaus überlegte, aber nicht kalkulierende Freigebigkeit. Und so konnte sich der Reiche ohne Risiko mitten auf den Marktplatz begeben, ein geachteter Mann, ein Streitschlichter, Nothelfer und Friedenstifter: »Gerechtigkeit war das Kleid, das ich anzog, und mein Recht war mir Mantel und Kopfbund. Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Fuß. Ich war der Vater der Armen, und der Sache des Unbekannten nahm ich mich an« (Hiob 29,14-16).

(Hier spricht natürlich ein Reicher über sich selber, es wäre zu fragen, ob die Armen auf den Plätzen seine Selbsteinschätzung teilten.)

Aber schon in biblischen Zeiten setzt die Kritik der Propheten an den Praktiken der Reichen ein; eine Kritik, die ihnen heute bestimmt das Etikett des Sozialneidhammels eintragen würde: Einer neuen Wirtschaftsweise geht es nicht mehr um das Lebens-Mittel, sondern um die schlechte Unendlichkeit der Akkumulation. Erst damit, mit der Aufreihung von Häusern und Äckern und Weinbergen, mit der Zurückdrängung des Gemeineigentums, der Privatisierung des Zugangs zu gottgegebenen Ressourcen, wird der Reichtum zum Dämon, der Anbetung fordert und erhält – zu Mammon.

Den Tatbestand, den die Propheten (und in ihrer Tradition Jesus von Nazaret, die Apostel und Kirchenväter) mit Donnerworten attackieren, definiert der Grieche, der große Aristoteles, kühl und klar. Er unterscheidet zwei Arten des Wirtschaftens: zunächst und vor allem die Beschaffung des Lebens-Mittels für den Oikos, den Großhaushalt oder die geschlossene Gemeinde – aber als Zweites, als etwas ganz anderes, das Wirtschaften um des Gewinnes, der Anhäufung von Schätzen willen. Und nur die erste Art, die Sorge um den Oikos, verdient bei ihm den Namen der Oikonomiké. Die andere nennt er Kapeliké, »Handelschaft«.

Ganz wesentlich für den siegreichen Vormarsch dieser Handelschaft war natürlich die wohl zwiespältigste Erfindung der Menschheit: das Geld. Und hier erst, in der immer gewaltigeren Enthüllung der Macht des Geldes, beginnt die Problematik, der wir hier und heute unterworfen sind.

Doch als Zwischenschritt aus der Naturalwirtschaft hin zur Welt der Zentralbanken und des Internationalen Währungsfonds gab es ein Objekt der Begierde, ein Objekt, dem die schweißtreibende Gewinnhäufung diente: den Schatz.

Es ist ziemlich klar, dass die ersten Schatzbildungen religiös bedingt waren – sie entstanden in Tempeln und um sie herum. Und das Mythische ist in der Erinnerung der Völker noch immer mit ihm verbunden. Was ein richtiger Schatz ist, der ist geheim, verborgen, verschlüsselt – und damit immer auch gefahrenträchtig. Er ist, im Gegensatz zu unseren fortschrittlichen Reichtums-Abstraktionen, sinnlich, konkret, voll Glanz und Schimmer. Die Binnenwährung der Schatzwelt und ihrer Begierden ist natürlich das Gold. In dem Maße, in dem sich der Reichtum (und die Begierde nach Reichtum) vom erlebbaren Schauder des Goldes löst, begibt sich der Begriff des Schatzes in die Trostlosigkeit der Bilanzen – und wird zur knochentrockenen Rennstrecke der Dezimalstellen.

Die Geschichte zeigt uns ziemlich genau die Zeit des Übergangs vom Schatz- zum Rendite-Denken an: Es war die Zeit der Entdeckung und der Eroberung des (später lateinischen) Amerika durch Spanier und Portugiesen. Die Phantasie der Eroberer war zunächst komplett vom Schatz-Gold gefangengenommen – EI Dorado, der goldbedeckte König und/oder Götze in den Tiefen des Urwalds oder den Felsen des Altiplano, formte sich zur magischen Verheißung, der die unglaublichen Vollstrecker in ihren Sturmhauben und Harnischen durch tausend Höllen und Schlächtereien zustrebten. Dass sie mit der Erfüllung ihrer Träume das Königreich Spanien in eine ruinöse Inflation stürzen würden, war ihnen völlig unzugänglich, eine Sache des sorgenden Kalküls – und mit Kalkül hatte ihr Traum nichts zu tun.

Schatzdenken und Schatzgier hielten sich lang, bis in unsere Zeit. Es entstand der Charakter des Geizhalses, des tragikomischen Opfers seiner gerafften Habe. Und in »Faust II« fußt der mephistophelische Plan des Papiergelds, mit dem der Teufel dem Kaiser aus der Pleite hilft, auf dem Konstrukt, dass dieses Papier lediglich ein Wechsel auf die verborgenen Schätze des Reiches sei. (Beleihung von Bodenschätzen als Kreditdeckung war im 18. Jahrhundert die fiktive Grundlage der französischen Finanzblase, die der Schotte John Law auslöste. Die Monarchie sollte sich nicht mehr von diesem Schock erholen. Von ihr war Goethe offensichtlich inspiriert.)

Aber zurück in die Neue Welt diesseits und jenseits des Atlantik – die ja nicht nur eine Welt der Entdecker, sondern auch der Erfinder war. Beide, die Erfinder wie die Entdecker, fanden rasch genug heraus, dass gegenwärtiger wie künftiger Reichtum immer noch auf Ressourcen beruht, die sich durch die neuen Kontinente ins scheinbar Unendliche vermehrten; und der Zugriff auf diese Ressourcen setzte nun so machtvoll ein wie nie zuvor in der Geschichte.

Vorbereitet war er finanztechnisch. Das Geld, diese angenehme Erfindung des Altertums, wurde immer eleganter gehandhabt; im Italien des Spätmittelalters und der Renaissance entfaltete es erst seine ganze Raffinesse, führte hinein in die Sprache und die Usancen des modernen Bankwesens (einschließlich des Zinseszinssystems, das nun als tiefschwarze Wetterwand am Horizont der Lebenswelt steht).

Mit diesem Aufstieg vollzog sich eine paradoxe Wandlung: Der Reichtum zieht sich einerseits immer mehr von sinnlichen Bezügen zurück, verzichtet auf die Pracht der alten Münzprägungen, landet schließlich als reiner Zahlenwust in den elektronischen Speichern der Hochfinanz. Aber gerade auf der Reise in die Abstraktion legt er sich neue Funktionen, neue Verwendungszwecke und logischerweise auch neue Masken zu. Der Wiener Denker Alfred Racek, der eine höchst anregende »Befreiungsphilosophie des Geldes« geschrieben hat, unterscheidet auf Anhieb fünf verschiedene Funktionen, von A bis E, vom einfachen Tauschmittel bis zum Statusmesser – wahrscheinlich gibt es mehr.

Hat man erst einmal diese Vielheit der Funktionen begriffen, öffnen sich so manche Absurditäten der wirtschaftlichen Praxis dem Verständnis, wenn auch nicht der Sympathie. So kann man zum Beispiel die Entrüstung nachfühlen (oder wenigstens nachkombinieren), die hundertfach überbezahlte Topmanager angesichts der öffentlichen Kritik empfinden oder doch zu empfinden vorgeben. Das Geld, sechs- bis achtstellig, das sie sich gegenseitig im Zuge irgendwelcher Konzern-Neugruppierungen zuschieben, ist eben Geld E (vielleicht schon Geld F); Statusgeld, Indikator auf der Skala der innerelitären Fremd- und Selbsteinschätzung, zu tragen und zu zeigen statt der leider abgeschafften feudalen Titel und Orden. (Allerdings muss man zugeben, dass auch dort, wo es solche Ehrungen noch gibt, wie etwa in Großbritannien mit seinen alljährlichen Adelslisten, der Hunger nach Statusgeld nicht geringer zu sein scheint.) Dass in der gleichen Währung bescheidenere Zeitgenossen ihre Semmeln und Unterhosen kaufen müssen, ist den Geld-E-Bewegern zwar theoretisch bekannt, spielt aber für ihre Selbstdefinition keine Rolle.

Mit der zunehmenden Monetarisierung des Reichtums treten sofort kollaterale Krisen auf. Die vielleicht wichtigste ist die Krise des Bodens: der Wälder und der Landwirtschaft. Durch Jahrtausende hatte sich der Reichtum aus den Schätzen der Erde, vor allem der Bodenrente, vollgesogen, hatte die Urproduktion des Land- und Waldbaus als seine selbstverständliche Nährmutter betrachtet. Heute gibt es, außerhalb des wachsenden Elends der rückständigen Subsistenzkulturen, keine Volks- oder Großraumwirtschaft mehr, in welcher der verbleibende Anteil an bäuerlicher Existenz nicht zum ernsten und sehr teuren Problemfall geworden ist. Der EU-Agrarmarkt ist nur ein Beispiel; die Subventionen für die US-amerikanischen Farmer sind nicht weniger massiv. Und für den Waldbau gilt dies genauso. In dem Augenblick, wo Rentabilität das entscheidende Kriterium für wirtschaftliche Entschlüsse wird, ist das Handicap des einzig natürlichen Wachstums klar: Seine Rendite beträgt einfach nicht mehr als plusminus ein Prozent. Das genügt nicht für die Finanzierung der Produktion. Bekanntlich hilft sich die kapitalistische Landwirtschaft nicht nur durch Subventionen, sondern auch durch den zusätzlichen Verbrauch gewaltiger Mengen von Erdöl und anderen Chemikalien, der den Ruin der Subsistenzbauern und der Bodenfruchtbarkeit unweigerlich nach sich zieht.

Rentabler erscheint da bei weitem die Industrieproduktion; deren Rohstoffe sind billiger zu haben, werden in der Regel nach dem Safeknackerprinzip eingeholt und kosten dann nur das Einbruchswerkzeug und das Schmiergeld für den jeweiligen politischen Hausmeister. Wird das Safeknacken zu lohnintensiv, wie etwa das Bergen der Kohle aus tiefen Minen, umgeht man das Problem brutal durch das Wegsprengen ganzer Berggipfel, wie zur Zeit in den Appalachen. Das rechnet sich; die eingesparten Bergleute fallen ins Elend, die Landschaft ist futsch, aber die Firma bleibt gesund und wird noch gesünder, die Aktien steigen. Die sozialen wie die biosphärischen und kulturellen Verluste tauchen in den Bilanzen des Reichtums nicht auf; und sein wichtigstes Ziel in der Politik ist es, dass es dabei bleibt und dass es nicht zu ungebührlichen ertragsmindernden Auflagen kommt.

Dies kann immer erfolgreicher betrieben werden, weil die globale Konzentration erlaubt, nationale und regionale politische Mächte gegeneinander auszuspielen. Patriotische oder heimatliche Bande werden immer unwesentlicher, es regiert eine Internationale des korporativen Reichtums. Und die Welt wird ärmer.

Selbst die Reichen in dieser Welt werden ärmer, auch wenn sie es noch nicht merken sollten. Der Midas-Effekt, die Konversion alles Lebendigen zu Schatzgold, operiert zunächst psychologisch: Man hält sich Aufregungen vom Leibe, vor allem soziale und kulturelle. In der Welt, beileibe nicht nur in Amerika, vermehren sich ständig die Ghettos der Wohlhabenden; je nach Sozialklima mehr oder weniger wirksam abgeschottet. In Kalifornien, in Palermo, in São Paulo, auf den Philippinen und an der Côte d'Azur wachsen Mauern und Stacheldrahtkränze, patrouillieren Privatpolizisten, halten nicht nur die Erbitterung der Armen fern, sondern erzeugen unfehlbar in den Eingeschlossenen ein Gefangenen-Syndrom. Die privilegierten Schulkinder aus den Ghettos werden in bewachten Omnibussen herumgefahren, erleben ihre Heimatstadt oder, ihre Landschaft als flüchtige Touristen. Und dieser Zustand des Daseins hinterm Zaun ist natürlich nur die kollektive Version einer individuellen Befindlichkeit.

Sollen wir deshalb, wie das ja des Öfteren vorgeschlagen wird, die armen Reichen bemitleiden? Sollen wir ihnen Einzel- und Gruppentherapie verschreiben? Nun, die Weisheit der Jahrhunderte enthält genug Material für kritische Selbstprüfung, und es gilt vor allem der Satz, dass die Tore der Hölle, auch der elegantesten Ghetto-Hölle, von innen versperrt sind. Wer wirklich raus möchte, kommt raus. Das fällt (oder fiele) oft recht schwer, Mammon ist ein strenger Gott. Schwerreiche neigen dazu, schon zwei Prozent Steuererhöhung als Bobbahn ins Armenhaus zu empfinden. Dennoch: Es ist ihr Bier, nicht das unsere, das dank der Operationen des Reichtums zirka dreißig Prozent Zinsen im Preis enthält.

Wie das kommt? Es ist einfach genug: Leute, die mehr Geld haben, als sie brauchen, geben es weg an Leute, die es dringend brauchen, aber sie verlangen Miete dafür. Diese Miete wird aufgrund der Zinseszinsformel berechnet, was darauf hinausläuft, dass die Summe der Rückzahlung, vor allem im Ratenfall, wesentlich höher ist als die ursprünglich ausgezahlte. Auf diese Weise stottern zum Beispiel arme Länder Kredite ab, die sie rein rechnerisch längst bezahlt haben, die aber noch in voller (oder mehrfacher) Höhe auf ihren Schuldscheinen stehen. (Der Mechanismus wird anschließend von Andreas Eschbach eingehend erklärt.)

Wesentlich ist auch, dass von einer bestimmten Vermögensgröße ab der Reichtum, der immer so jämmerlich über hohe Steuern stöhnt, längst keine mehr zahlt, sondern aus den Etats der Polis zusätzlich vermehrt wird. Jeder Staats- und Gemeindehaushalt enthält heute riesige Schuldenmengen, die, wie man so schön sagt, bedient werden müssen. Mit anderen Worten: Sie müssen abgezinst werden. Das Geld für diesen Schuldendienst wird jedoch durch Steuern aufgebracht – durch Einkommen-, Lohn- und Verbrauchsteuern. Der Prozentanteil der Lohn- und Verbrauchsteuern am gesamten Aufkommen steigt ständig, während der Anteil vor allem der höheren Einkommensteuern ständig sinkt. Mit anderen Worten: Leute, die von ihrer Hände oder ihrer Köpfe Arbeit leben, zahlen den Reichen, so sie nur schlau genug waren, Bundesschätze oder Gemeinde-Anleihen zu erwerben, Jahr für Jahr die entsprechenden Zinsen.

Bei einem solchen System ist es nicht nur möglich, dass sich die Schere zwischen Armut und Reichtum immer weiter öffnet – es ist unvermeidlich. Aus den zweihundertzwanzig Leuten, die heute reicher sind als die gesamte ärmere Hälfte der Menschheit, werden also eventuell hundert, oder fünfzig, oder auch nur fünfzehn werden. Dies und die laufende Plünderung des Planeten kritiklos hinzunehmen und Leuten, welche solche Entwicklungen verbrecherisch nennen, Sozialneid vorzuwerfen zeugt von einer kollektiven Begriffsstutzigkeit, die wir uns nicht leisten können. Es muss also etwas deutlicher geredet werden. Darum haben wir uns in diesem Band bemüht.

Im Übrigen meint der Herausgeber, dass keiner der Beiträge init sozialneidischer Feder geschrieben wurde – keine Autorin, kein Autor vermittelt etwa den Eindruck, unbedingt auf die Schätze des jeweiligen Untersuchungsgegenstandes scharf zu sein. Wein schmeckt auch aus Acht-Euro-Flaschen, und die Konversation dürfte fast überall anregender sein als an den Tischen der Reichen. Was gelegentlich zu spüren ist, ist Wut, aber die ist dem Thema immer höchst angemessen. Schon Balzac hat bemerkt, dass den wahrhaft großen Vermögen ein großes Verbrechen zugrunde liegt, da genügt Kammerton nicht zur passenden Darstellung. Insgesamt aber, so scheint es, herrscht der Ton der Gelassenheit vor.

Die wütendste Rede ist wohl die des Kirchenvaters Basilius; dafür markieren die Gedichte von Christian Morgenstern und Ogden Nash den Übergang von der Gelassenheit in die Heiterkeit.


Siehe auch:


Carl Amery: Das Ende der Vorsehung – Die gnadenlosen Folgen des Christentums (1972)



Carl Amery: Natur als Politik – Die ökologische Chance des Menschen (1976)



Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends – Von Leben, Tod und Würde (1994)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 22.2.2001



Carl Amery: Global ExitDie Kirchen und der Totale Markt (2002)



Carl Amery: Arbeit an der ZukunftEssays (2007)



Carl Amery – Der Poet für die Erde. Ein Nachruf von Claus Biegert