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Gunnar Heinsohn / Otto Steiger
Eigentum, Zins und Geld

Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft


Reinbek bei Hamburg 1996 (Rowohlt); 544 Seiten; ISBN: 3-498-02933-9






Die Behauptung, daß die Wirtschaftswissenschaft auf einige zentrale Fragen keine Antwort weiß, wird angesichts des desolaten Zustands der Weltwirtschaft und der meisten nationalen Volkswirtschaften kaum auf Widerspruch stoßen. Gunnar Heinsohn und Otto Steiger beschränken sich jedoch nicht auf eine Detailkritik, sie fordern eine «Radikalkur». Die Autoren zeigen, daß die «ungelösten Rätsel» nicht lediglich blinde Flecken in einer sonst zutreffenden Lehre markieren, sondern daß die Ratlosigkeit der Ökonomen unvermeidlich ist, weil sie die Grundelemente des Wirtschaftens bis heute nicht verstanden haben. Eine Theorie, die den Namen «ökonomische» wirklich verdient, gibt es noch gar nicht.

Die Autoren zeigen, daß die Grundannahmen der Ökonomen, von Adam Smith bis Karl Marx, von John Maynard Keynes bis Milton Friedman, im Widerspruch zur ökonomischen Wirklichkeit stehen. Seit Adam Smith, dem «Vater der Nationalökonomie», steht das Tauschen, das schon die wirtschaftliche Organisation einer (fiktiven) Urgesellschaft geprägt haben soll, am Beginn der Ableitung ökonomischer Phänomene. Diesem Grundsatz blieben auch seine Nachfolger treu – mit der Konsequenz, daß entscheidende Funktionsbedingungen unseres auf Eigentum basierenden Wirtschaftssystems unergründbar bleiben. So hat bis heute noch kein Vertreter der herrschenden Lehren überzeugend erklären können, daß und wie der Gütertausch überhaupt Geld hervorbringt bzw. wie aus einer Tauschwirtschaft eine Geldwirtschaft entsteht.

Heinsohn und Steiger fordern einen Paradigmenwechsel: Nicht der Tausch, sondern das Eigentum ist der Ursprung allen Wirtschaftens; Zins und Geld sind seine erstgeborenen Abkömmlinge, Belasten und Verpfänden seine wesentlichen güterunabhängigen Operationen, die wie ein Perpetuum mobile eine dauernde Revolutionierung der Güterwelt erzwingen. Wo Eigentum fehlt oder abgeschafft wird, gibt es keine Ökonomie, sondern nur Produktion.

Die immer wieder vergeblich angemahnte Erklärung von Zins und Geld wird deshalb als Eigentumstheorie des Zinses und des Geldes zum Herzstück ihres Buches. Von diesem Zentrum aus werden auch andere, bisher dunkel gebliebene Grundbegriffe wie Wert, Preis und Markt, Kapital und Profit, technischer Fortschritt, Akkumutation und Krise in gesonderten Kapiteln verständlich gemacht. Es geht den Autoren dabei um nichts Geringeres, als erstmals zu erklären und theoretisch zu fundieren, wie unsere Wirtschaft wirklich funktioniert.


Gunnar Heinsohn


geb. 1943, Dr. phil., Dr. rer. pol., Historiker, Ökonom und Soziologe, ist seit 1984 Professor an der Universität Bremen und leitet dort seit 1993 das Raphael-Lemkin-Institut für Xenophobie- und Genozidforschung. Zahlreiche Buchveröffentlichungen.




Otto Steiger


geb. 1938, Fil. Dr., ist seit 1973 Professor für Makroökonomik an der Universität Bremen. Von 1988 bis 1992 war er Vorschlagsberechtigter bei der Schwedischen Akademie der Wissenschaften für die Verleihung der Nobelpreise in den ökonomischen Wissenschaften. Zahlreiche Buchveröffentlichengen im In- und Ausland.


Inhaltsverzeichnis


Zur Entstehung des Buches






Vorrede






A.

Das Kapitel vom Tauschparadigma:
Geld-, Zins- und Eigentumsprobleme der neoklassischen Wirtschaftslehre







1.

Geldwirtschaft als Tauschwirtschaft mit Geldgebrauch



2.

Das neoklassische zeitfreie Güteraustauschmodell: Geld als bloße Recheneinheit.




2a.

Das Modell ohne Produktion: Bestimmung der optimalen Verbrauchspläne




2b.

Das Modell mit Produktion: Bestimmung der optimalen Verbrauchs- und Produktionspläne



3.

Das neoklassische Güteraustauschmodell mit Zeit: Die Bestimmung des Zinses



4.

Die neoklassische Suche nach dem Grund des Geldgebrauchs: Die „property rights“ und die Transaktionskosten.




4a.

Die Analyse der Institutionen einer Tauschwirtschaft mit Geldgebrauch




4b.

Die Ableitung des Geldes als Transaktionskosten reduzierendes Tauschmittel




4c.

Die Herleitung von Geldzins, Geschäftsbanken und Zentralbank als weitere Innovationen zur Reduktion der Transaktionskosten



5.

Zusammenfassung







B.

Das Kapitel vom Eigentum:
Eigentum als Gegenposition zum Besitz







1.

Die theoretische Konfusion über Eigentum und Besitz



2.

Die Unauffindbarkeit von Eigentum in Stammes- und Befehlsgesellschaft



3.

Die Ratlosigkeit über die Entstehung der realen Eigentumswirtschaft in Antike und Neuzeit



4.

Die Eigentumsprämie: Die Potenz der Belastbarkeit und Verpfändbarkeit



5.

Zusammenfassung







C.

Das Kapitel vom Zins:
Die Eigentumsprämie als Schlüsselgröße für das Wirtschaften







1.

Das Übersehen des Zusammenhangs von Zins und Eigentum im „Chaos der Zinstheorien“



2.

Die vergebliche Suche nach dem Zins in eigentumslosen Gesellschaften.




2a.

Die Unauffindbarkeit des Zinses in der Stammesgesellschaft: Die Bedeutung von Gegengeschenken und Exogamie




2b.

Die Unauffindbarkeit des Zinses in der Befehlsgesellschaft: Die Bedeutung von Abgabepflichten und Zuteilungen



3.

Die Eigentumstheorie des Zinses.




3a.

Die Entdeckung eines immateriellen Ertrags als Liquiditätsprämie durch Keynes




3b.

Die Fundierung des Zinses durch die Eigentumsprämie



4.

Die unmögliche Verknüpfung von Liquiditätsprämie und Zins mit einer Geldhaltung.




4a.

Liquiditätspräferenz, Geldnachfrage und Zins bei Keynes




4b.

Liquiditätspräferenz, Geldangebot und Zins bei den Monetärkeynesianern



5.

Zusammenfassung







D.

Das Kapitel vom Geld:
Eigentumsbelastung und Eigentumsverpfändung im Kreditkontrakt







1.

Das auf Gläubiger-Schuldner-Kontrakte und nicht auf Gütertausch bezogene Geld



2.

Belastung und Verpfändung, Geld und Kredit.




2a.

Eigentumsbestände versus Güterbestände bei der Emission und Kreditierung von Geld: Das Mißverständnis der real-bills-Kontroverse




2b.

Die Unmöglichkeit eines Warengeldes: Das Geheimnis der Silber-Gersten-Kontrakte




2c.

Die Geburt der Bank aus dem stärksten privaten Gläubiger




2d.

Die Geburt des eigentlichen Geldes aus Belastung von Eigentum – Die unabdingbare Sicherung der Geldemission durch Eigentum auch im modernen, zweistufigen Bankensystem



3.

Die Überzeugungen vom Primat der Marktverfassung bzw. der Geldverfassung und das Fiasko der Transformation vom Sozialismus zur Eigentumsökonomie



4.

Zusammenfassung







E.

Das Kapitel vom Markt:
Wert, Preis, Ware und Konkurrenz







1.

Die Suche nach dem Markt als Tauschplatz mit Geldgebrauch.




1a.

Die Unauffindbarkeit von Marktoperationen in Stamm und Befehlsgesellschaft




1b.

Hicks‘ verblüffende Entdeckung des Markttausches in Nichteigentumsgesellschaften



2.

Die Eigentumstheorie des Marktes.




2a.

Klassische, neoklassische und monetärkeynesianische Werttheorie als jeweils grundlegende Interpretation des Wirtschaftens




2b.

Die Eigentumstheorie des Wertes




2c.

Hierarchie von Märkten versus Einheit des Marktgeschehens




2d.

Die Eigentumstheorie von Marktkonkurrenz, Warenmarkt und Bewertung



3.

Zusammenfassung







F.

Das Kapitel von der Akkumulation:
Kapital, freie Lohnarbeit und technischer Fortschritt







1.

Die „ursprüngliche“ Akkumulation der Klassik



2.

Die Überflüssigkeit einer ursprünglichen Akkumulation für Entstehung und Dynamik der Eigentumsökonomie



3.

Das Rätsel des Strebens nach Akkumulation und des Profits auf Kapital



4.

Der Zwang zur Innovation in der Eigentumsgesellschaft.




4a.

Die Bedeutung der freien Lohnarbeit für den technischen Fortschritt




4b.

Geldlöhne und Zinsen, Verringerung der Lohngeldsumme und Produktivitätssteigerung



5.

Die herrschende Ratlosigkeit vor dem technischen Fortschritt.




5a.

Residualfaktor und technischer Fortschritt in der neoklassischen Wachstumstheorie




5b.

„Property rights“ und technischer Fortschritt



6.

Die Eigentumstheorie der Akkumulation



7.

Zusammenfassung







G.

Das Kapitel von der Krise:
Konjunkturzyklen, Depression und Arbeitslosigkeit







1.

Die Unmöglichkeit der Krise in den tauschtheoretischen Ansätzen von Klassik, Neoklassik und Neokeynesianismus.




1a.

Die tauschtheoretische Unmöglichkeit der Krise in der Klassik




1b.

Marx‘ Kritik der Krisenverleugnung der Klassik




1c.

Die tauschtheoretische Unmöglichkeit der Krise in der Neoklassik und im Neokeynesianismus



2.

Die geldtheoretischen Ansätze einer Krisen- und Arbeitslosigkeitstheorie bei Keynes und den Monetärkeynesianern



3.

Die Eigentumstheorie der Krise



4.

Zusammenfassung







H.

Das Kapitel von der Wirtschaftsverfassung:
Herrschaftsverfassung, Marktverfassung, Geldverfassung und Eigentumsverfassung







1.

Das ökonomische System als Kapitalismus oder Herrschaftswirtschaft in der Klassik



2.

Das ökonomische System als Marktwirtschaft in der Neoklassik



3.

Das ökonomische System als Geldwirtschaft im Monetärkeynesianismus



4.

Das ökonomische System als Eigentumswirtschaft



5.

Zusammenfassung







Anhang




Abstract




Anmerkungen




Literaturverzeichnis




Personen- und Sachregister


Leseprobe


Zur Entstehung des Buches






Eigentum, Zins und Geld beschließt ein Forschungsprojekt, das Ende der siebziger Jahre begann und seitdem in gut siebzig Publikationen zur Diskussion gestellt wurde. Ein thesenartiger Überblick nebst Bibliographie bis Ende der achtziger Jahre findet sich in unserer Arbeit „Privateigentum und Zins, Bevölkerung und Hexen, Religion und Judenhaß“, die für das gleichnamige Symposion vom 8. Juni 1990 am „Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung“ der Freien Universität Berlin geschrieben wurde. Die wichtigsten Neuerungen der letzten beiden Jahre ergaben sich aus der strikten Unterscheidung von Besitz, der genutzt wird, und Eigentum, dessen Belastbarkeit das Wirtschaften hervorbringt.






Die im Oktober 1992 begonnene Erstfassung des Manuskriptes für dieses Buch trug den Titel „Das Geheimnis des Zinses“ und lag für erste Kritiken am 12. Februar 1993 vor. Der zweite Entwurf vom 17. Mai 1993 erhielt den Titel „Der Zins: Grundlegung der Wirtschaftstheorie“, der auch im dritten Entwurf vom 10. September 1993 beibehalten wurde. Seit dem vierten Entwurf vom 1. Juni 1994 lautet der Titel „Eigentum, Zins und Geld: Grundlegung der Wirtschaftstheorie“. Für die Publikation – insgesamt der neunte Entwurf – ist auf Wunsch des Verlages der Untertitel zu „Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft“ abgewandelt worden. Wir hätten mittlerweile sogar mit einem wiederum anderen Titel – nämlich „Die Eigentumsprämie: Grundlage des Wirtschaftens“ gut leben können.






Fast gleichzeitig mit unserer Arbeit ist an der Freien Universität Berlin der von Hajo Riese begründete Monetärkeynesianismus entwickelt worden. Zwischen Bremen und Berlin gab und gibt es neben für uns fruchtbaren Berührungen unüberwundene Gegensätze, die hier nicht verschwiegen werden, sondern einen guten Teil der durchaus mit Absicht gepflegten Kontroverse ausmachen. Es versteht sich von selbst, daß darin Ehrerbietung zum Ausdruck kommt.






Zu danken haben wir auch den Studenten und Studentinnen aus zwei Seminaren im Sommersemester 1993 und im Wintersemester 1993/94 an der Universität Bremen, die mit Rohfassungen des vorliegenden Buches traktiert wurden und dabei die gewohnten Lehrbücher entbehren mußten.






Darüber hinaus danken wir allen Kollegen, die sich der Mühe unterzogen haben, das Manuskript durchzusehen: Rolf Behrens (Bremen), Augusto Graziani (Neapel), Thomas Guggenheim (Genf), Harald Haas (Trier), Uwe Kathmann (Wuppertal), Hans-Ulrich Niemitz (Leipzig), Jürgen Räuschel (Witzenhausen), Helmut Reichelt (Bremen), Tomas Riha (Brisbane) und Otto A. Strecker (Frankfurt am Main).






Für ausführliche Kritiken, die uns zu Präzisierungen, Überarbeitungen und Erweiterungen angeregt haben, danken wir Uwe Bergemann (Bremen), Karl Betz (Berlin), Hans Christoph Binswanger (St. Gallen), Ulf Heinsohn (Berlin), Martin Held (Tutzing), Hansjörg Klausinger (Wien), Carsten Köllmann (Bremen), Fredmund Malik (St. Gallen), Paul C. Martin (Hamburg), C. Wolfgang Neumann (Bremen), Hajo Riese (Berlin), Tobias Roy (Berlin), Johannes Schmidt (St. Gallen), Heinz-Peter Spahn (Hohenheim), Hans-Joachim Stadermann (Berlin), Wolfgang Theil (Berlin) und Hans-Michael Trautwein (Hohenheim).






Für die Anfertigung von Literaturliste und Register konnte Carsten Köllmann (Bremen) gewonnen werden. Bei der Schlußkorrektur hat Ariane Rouff (Bremen) geholfen. Karin Steiger wußte die Autoren dreieinhalb Jahre lang mit ihrer großzügigen Gastfreiheit zu erfreuen. Ferdinand und Tineke Steiger haben die Arbeit während dieser Zeit mit kindlicher Neugier begleitet, Stephan Schulenberg und Matti Lundmark mit jugendlicher Distanz.






Gunnar Heinsohn und Otto Steiger



Bremen, den 1. Mai 1996









Vorrede






»…eine sehr schwierige Frage, wie denn irgend jemand überhaupt irgendeinen Gegenstand als Eigentum besitzen könne« John Locke, 1690






Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft als Untertitel dieser Abhandlung zu wählen bedeutet nicht, daß hier ein Rest an Fragen beantwortet werden soll, der einer insgesamt erfolgreichen Wirtschaftstheorie bisher noch dunkel geblieben wäre. Vielmehr treten wir mit der Behauptung vor die Öffentlichkeit, daß die Grundelemente des Wirtschaftens bis heute nicht verstanden sind. Eine wissenschaftliche Lehre, die den Namen ökonomische Theorie verdienen würde, gibt es noch nicht. Ihre Grundlegung wird hiermit versucht.






Den Begriff „Eigentum“ im Obertitel Eigentum, Zins und Geld an den Anfang zu setzen besagt, daß es zu einer befriedigenden Wirtschaftstheorie niemals gekommen ist, weil die Ökonomen sich von Aristoteles (384 bis 322 v. u. Z.) bis heute auf Tauschoperationen als Kern allen Wirtschaftens fixiert haben. Dadurch mußten sie in der zum Besitz gehörenden Güter- oder Ressourcensphäre verharren und konnten dabei den immateriellen Ertrag des Eigentums, belastbar und verpfändbar zu sein, nicht erfassen. Diese Eigentumsprämie ist es nun, gegen deren Aufgabe im Kreditkontrakt das Wirtschaften mit Zins und Geld konstituiert wird. Sie ist niemals zum Thema geworden. Alle ökonomischen Schulen haben sich gegenüber dem Eigentum wie ein Fisch verhalten, der die elementare Bedeutung des Wassers erst versteht, nachdem er es verlassen hat.






Das freimütig eingeräumte Scheitern der dominierenden Theoriegebäude bei der angemessenen Gewichtung und überzeugenden Herleitung von Zins und Geld ist dem Verfangensein in der Gütersphäre geschuldet. Die unlösliche Verkettung von Zins und Geld mit der Blockierung, das heißt dem Belasten und Verpfänden von Eigentum mußte aus dem Blickwinkel des Tauschparadigmas von Gütern übersehen werden. Entscheidend an diesen Eigentumsoperationen wirkt, daß sie als ökonomische Akte jenseits und vor der Gütersphäre erfolgen. Die genuin ökonomischen Vorgänge erfolgen mithin als abstrakte und güterunabhängige Operationen, deren Verständnis die Gütersphäre selbst erst einer ökonomischen Analyse zugänglich macht.






Die Theorien haben sich bisher also nicht mit dem Wirtschaften beschäftigt, sondern mit der Produktion, Distribution und Konsumtion sowie dem Verleihen von Gütern. Produziert, verteilt, konsumiert und verliehen wird immer, Wirtschaften hingegen hebt erst an, wenn es Eigentümer sind, die Kreditverträge eingehen und dabei nicht etwa Güter weggeben, sondern Eigentum für Belastung und Verpfändung heranziehen. Als Ergebnis dieses Vorgangs werden selbstredend auch Güter produziert, verteilt und konsumiert – niemals aber werden Güter verliehen.






Bereits vor über sechzig Jahren hatte John Maynard Keynes (1883-1946) die herrschende Wirtschaftstheorie verworfen, weil in ihr eine zureichende Erklärung des Zinses und daher auch des Geldes fehlte. Obwohl auch Keynes gegenüber dem Eigentum begriffslos und deshalb eine neue Wirtschaftstheorie, die diesen Namen verdient, schuldig geblieben ist, hat er doch mit der Ahnung des Genies eine entscheidende Größe des Wirtschaftens ins Zentrum seiner Forschung gestellt. Auf die Frage einnes Reporters der BBC im Jahre 1934, als seine erst zwei Jahre später erscheinende „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ von Eingeweihten schon heftig umraunt wurde, worin die bisherigen Gedanken über Wirtschaft denn ihren entscheidenden Fehler hätten, antwortete Keynes: „Ich bin überzeugt, daß es im ... orthodoxen Denken ... einen fatalen Fehler gibt; dieser Fehler ist vor allem auf das Scheitern der klassischen Schule [das heißt Klassik und Neoklassik] zurückzuführen, eine befriedigende Zinstheorie zu entwickeln.“






Im Jahre 1996 ein Buch mit dem Titel Eigentum, Zins und Geld – Ungelöste Rätsel der Wirtschaftswissenschaft vorzulegen impliziert selbstredend die Behauptung, daß auch Keynes am Wesentlichen gescheitert ist. Auf der Suche nach dem entscheidenden Fehler aller bisherigen Versuche, eine Wirtschaftstheorie zu formulieren, werden wir zeigen, daß die Ökonomen bloß Geschichte getrieben haben, wo sie theoretisch hätten arbeiten sollen. Überdies haben ihre historischen Vorstellungen mit dem Lauf der Welt nichts, mit dem irrlichternden Zauber evolutionistischer oder gar teleologischer Ideen jedoch alles zu tun.






Wir stehen mit dieser Untersuchung deshalb vor zwei Aufgaben. Wir müssen einerseits die Theorie der Wirtschaft schreiben und andererseits deutlich machen, daß der Mensch nicht ewig gleichen Grundprinzipien des Wirtschaftens folgt. Die Menschheit kennt nicht nur eine, sondern drei gesellschaftliche Grundstrukturen, die für die materielle – im Unterschied zur biologischen – Reproduktion bedeutend sind. An ihnen ist erst zu zeigen, inwieweit diese Reproduktion ökonomisch oder eben anders bestimmt ist bzw. was den Begriff der Wirtschaft konstituiert. Diese drei Grundstrukturen sind (1) die Solidargesellschaft des Stammes, (2) die Befehlsgesellschaft des Feudalismus und Realsozialismus sowie (3) die Eigentumsgesellschaft der Freien. Jede dieser Strukturen unterliegt eigenen Gesetzen, wobei die beiden ersten den Gesetzen von Sitte bzw. Befehl folgen. Allein die Gesetze der Eigentumsgesellschaft können durch das erschlossen werden, was als ökonomische Theorie zu bezeichnen ist.






Die Differenz zwischen Stamm und Feudalismus einerseits und Eigentumsgesellschaft andererseits ist prinzipieller und nicht gradueller Natur. Stämme sowie Feudalismus und Sozialismus kennen kein Eigentum, sondern lediglich Besitz, also die bloße Nutzung von oder Verfügung über Ressourcen. Solidar- und Befehlsgesellschaft verharren daher per Sitte bzw. Befehl in einer bloßen Beherrschung von Ressourcen zur materiellen Reproduktion. Diese erschöpft sich in Anweisungen zur Produktion (einschließlich Vorratshaltung und gegebenenfalls Akkumulation), Distribution und Konsumtion, die zu Transaktionen von Gütern, nicht aber ihrer Ökonomisierung führen. Das Verständnis der Besitzgesellschaften benötigt deshalb keine Theorie über das Wirtschaften. Für diese Systeme reicht eine soziologische Analyse aus, um die Auswirkungen unterschiedlicher Herrschaftsmechanismen auf die Ressourcennutzung zu erklären.






Dem Blick auf einen lediglich herrschaftsmäßigen Umgang mit Ressourcen bleibt das Wesentliche der Eigentumsgesellschaft verborgen. Es ist dieses eingeengte Schauen auf die Gütersphäre, das die Erarbeitung einer Theorie der Wirtschaft erschwert hat. Die Eigentumsgesellschaft bedient sich nicht mehr der überkommenen Instrumente von Herrschaft für die Regelung der Ressourcennutzung. Sie schützt vor allem das Eigentum als Rechtstitel und den Eigentümer als Träger dieses Titels, dem der Besitz – das Verfügungsrecht über die Nutzung also – nun unterworfen ist. Sie schützt damit unvermeidlich auch das Recht auf Vollstreckung in das Eigentum eines Schuldners, der seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist und dadurch das Eigentum des Gläubigers vermindert hat. Damit ist die Eigentumsrechtsordnung ausdrücklich blind für die Welt der Güter und für die persönlichen Privilegien der traditionellen Gesellschaften. Wer innerhalb der Eigentumsgesellschaft weiterhin mit überkommenen Herrschaftsmitteln an Ressourcen heran will, vergreift sich nunmehr an Eigentum und nicht an den Loyalitätsbeziehungen von Blutsverwandtschaft oder Gefolgschaft. Die Eigentumsschutzgesetze treffen ihn deshalb ohne Rücksicht auf herkömmlich geregelte Verfügungen über Ressourcen. Erst die Ausschaltung eines herrschaftlichen Zugangs zu Gütern erzwingt das Wirtschaften als Konsequenzen des Eigentums. Die wichtigsten Eigentumsoperationen erwachsen aus dem Zwang, ein ökonomisches Verlieren von Eigentum zu verhindern. Diese ökonomische Verteidigung von Eigentum vollzieht sich jenseits der hoheitlichen Operationen, mit denen ein krimineller Verlust von Eigentum abgewehrt wird.






Die ganz unstofflichen Operationen der freien Verkaufbarkeit, vor allem aber der freien Belastbarkeit und Verpfändbarkeit von Eigentum im Kreditkontrakt liefern einer angemessenen Theorie des Wirtschaftens erst ihren Stoff. Alle drei Eigenschaften kommen ohne jede Rücksicht auf die Besitzseite des Eigentums zum Einsatz. Sie sind die Prämie des Eigentums und können von einer Wissenschaft, die vorwiegend auf die Nutzung von Ressourcen schaut, nicht erschlossen werden. Eigentum ist ein abstraktes Ding. Man kann es nicht sehen, riechen, schmecken oder anfassen. Was immer bei solchen Operationen verspürt wird, ist Besitz. Eigentum steht für einen Rechtstitel. Wann immer wir von Eigentum reden, ist dieser Titel gemeint.






Die Eigentumsoperationen sorgen – so unsere weitere These – dafür, daß es überhaupt erst zur Bewirtschaftung von Ressourcen kommt, also auch die durch Sitte oder Herrschaft gefesselte Nutzung des Besitzes gelockert wird. Erst in der Beziehung zu Eigentümern entstehen – in Stamm und Feudalismus fehlende – Besitzoperationen wie Pacht, Miete oder Leasing, denen eigentümlich ist, daß die Rechte zu ihrer Nutzung erst durch besondere Leistungen (Pacht- und Mietzahlungen) an die Eigentümer erlangt werden können. Diese Operationen bleiben jedoch dem Eigentum nachgeordnet, erwachsen gerade aus seinen gänzlich güterneutralen Verwendungen und bleiben deshalb auch für die Wirtschaftstheorie nachrangig.






In den bisherigen Wirtschaftstheorien werden Aktivitäten aus den drei Reproduktionsformen der Solidar-, der Befehls- und der Eigentumsgesellschaft vermischt und sogar in ein evolutionäres Kontinuum gebracht. Wir hingegen haben zu klären, welcher Begriff in welcher Gesellschaft seinen angemessenen Ort findet und ob er von dort nur um den Preis theoretischer Konfusion in eine andere Gesellschaft verpflanzt werden kann. Besitz als in der Tat universale Größe gibt es in allen drei Gesellschaften, während Eigentum in Stamm und Feudalismus fehlt, also der Eigentumsgesellschaft vorbehalten ist, wo es den Besitz – anders als in den Nichteigentumsgesellschaften – in die Ökonomie zwingt.






(…)


Siehe auch


Bernd Senf: Die kopernikanische Wende in der Ökonomie? (Rezension, PDF)