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Claudia Kemfert
Mondays for Future

Freitag demonstrieren. Am Wochenende diskutieren. Ab Montag anpacken und umsetzen.


Hamburg 2020 (Murmann); 200 Seiten; ISBN 978-3-86774-644-1






Dieses Buch räumt auf - und zwar rigoros. Von Klimaskepsis bis Ökodiktatur, von CO2-Steuer bis Emissionshandel greift die renommierte Klima-Ökonomin alle Facetten der Debatte auf. Für über 120 Fragen und Problemstellungen gibt sie fundiert und für jeden nachvollziehbar die Antworten, die uns konkret weiterhelfen. Hinzu kommen über 50 Handlungsempfehlungen, die sofort umsetzbar sind. Ziel sind viele neue Klimaverträge, die in unterschiedlichster Weise entstehen und alle Generationen beteiligen, auch die der Zukunft. (Klappentext)

»Fridays for Future« ist der Inbegriff einer globalen Klimaschutz-Bewegung. Aus einer Aktion der schwedischen Schülerin Greta Thunberg hat sich in kurzer Zeit eine weltweite Bewegung entwickelt. Klimaschutz steht ganz oben auf der Agenda, egal ob in Wirtschaft oder Wissenschaft, in Ministerien oder Medien. Ein großer Verdienst. Doch was tun? Statt konstruktiver Lösungen gibt es immer aggressivere Diskussionen. Alle wissen es besser, alle haben die Wahrheit für sich gepachtet. Das bringt uns nicht weiter. Jetzt heißt es loslegen – und die renommierte Wissenschaftlerin und Bestsellerautorin Claudia Kemfert erklärt wie. In rund 120 Fragen und Antworten erläutert die erfahrene Autorin Fakten und Zusammenhänge der Klimadebatte und greift von Klimaskepsis bis Ökodiktatur, von CO2-Steuer bis Emissionshandel alle Facetten der Debatte auf. Ergänzend zeigen über 50 Handlungsempfehlungen, wie und wo Unternehmer, Politiker und Bürger den Wandel konkret umsetzen können. Denn es kommt jetzt auf jeden von uns an. (
Verlags-Webseite)

»Dieses Buch ist kein Erinnerungsalbum, das nostalgisch die schöne Vergangenheit festhält, auch kein Gedächtniswerk, das mahnt, damit etwas nie wieder passiert. Dieses Buch schildert nicht in leuchtenden Farben die wunderbare Zukunft. Es malt auch nicht in dunkelsten Farben das Szenario eines baldigen Weltuntergangs. Es ist das Buch, das Montagvormittag aufgeschlagen wird, wenn alle wieder die Arbeit aufnehmen. Es soll den Menschen dienen, die jetzt die Ärmel aufkrempeln und loslegen wollen. Denn es gibt viel zu tun. Wir müssen Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen, Bewährtes fortführen, aber auch Experimente wagen. Dafür brauchen wir Grundlagen, Wissen, Fakten, Erkenntnisse und jede Menge Kraft.« (Claudia Kemfert)

Diskussionsbedarf sehe ich in Zusammenhang mit Claudia Kemferts Einschätzung des Wirtschaftswachstums in Kapitel 42: „Wir haben kein Wachstums-, sondern ein Verteilungsproblem“. (…) Ich bin davon überzeugt, dass sich Wachstum und Ressourcenverbrauch entkoppeln lassen. Auch der Klimawandel ist nicht die Folge eines ungebremsten Wachstums, sondern eines Wachstums auf Basis fossiler Energien. Eigentlich ist Wachstum etwas wunderbares: Nicht nur in der Kindheit wachsen wir, sondern unser ganzes Leben lang. Leben ist Wachstum. Menschen, Tiere und Pflanzen sind Teil eines ewigen Kreislaufs aus Werden und Vergehen. […] Wäre das Wirtschaftswachstum ähnlich organisiert, würden wir uns darüber freuen.“ (S.65). Leider ist unsere Wirtschaft eben kein ausgewogenes Kreislaufsystem, sondern eines, in dem eine positive Rückkopplung dominiert – auch dann, wenn wir alle fossile Energie durch erneuerbare ersetzen. Es bleibt das Verteilungsproblem, das von Claudia Kemfert allerdings nicht näher erklärt wird, auch nicht auf ihrer Webseite (www.claudiakemfert.de/warum-wir-wachstum-fuer-wohlstand-brauchen); dort werden zwar „falsche Spielregeln“ angedeutet, aber nicht erklärt. (Ernst Weeber)

P.S. Auf meine diesbezügliche Kritik per Leserbrief antwortet mir Frau Kemfert u.a.: „Aus meiner Sicht geht es vor allem um die Herstellung eines – ökonomischen und ökologischen – Gleichgewichts. Die Volkswirtschaftslehre muss sich (…) als Kreislaufwirtschaft verstehen, indem alle Komponenten, nicht nur die ökonomischen, einbezogen werden. Wir benötigen aus meiner Sicht ein Wirtschaften, welches nachhaltig und gemeinwohlorientiert ist, nicht zu Lasten der Natur, des Klimas und zukünftiger Generationen. Das jetzige, auf Kosten der zukünftigen Generationen basierende und nicht-nachhaltige Wirtschaftswachstum ist in der Tat sehr schädlich und muss sofort aufhören.“


Claudia Kemfert


geboren 1968, ist die bekannteste deutsche Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien, unter anderem war sie Beraterin des ehemaligen EU-Präsidenten José Manuel Barroso. Claudia Kemfert wurde 2016 in den Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) berufen und ist seit diesem Jahr auch Mitglied im Präsidium der deutschen Gesellschaft des Club of Rome. Zuletzt erschien von ihr 2017 »Das fossile Imperium schlägt zurück. Warum wir die Energiewende jetzt verteidigen müssen«.


Inhaltsverzeichnis


Montag – Auftakt zur Zukunft

Klima Konferenzen Kompromisse
1 Wie fangen wir an?
2 Wie lange ist das Phänomen »menschengemachter Klimawandel« tatsächlich bekannt?
3 Warum setzen sich diese wissenschaftlichen Erkenntnisse nur so langsam durch?
4 Wieso ist seit der Entdeckung des menschengemachten Klimawandels politisch nichts passiert?
5 Was passierte in Kyoto?
6 Warum haben die in Kyoto vereinbarten Spielregeln nichts gebracht?
7 Was wurde aus den anderen Beschlüssen von Rio, etwa der Agenda 21?
8 Was bewirkte die Lokale Agenda 21 in Deutschland?
9 Und was wurde aus dem »Übereinkommen über die biologische Vielfalt«?
10 Gab es noch weitere Konferenzen?
11 Wie lange hielten die Millenniumsziele (MDG)?
12 Wie wurden die MDG zu SDG?
13 Bei der Agenda 2030 ist Klimaschutz nur ein Punkt unter vielen?
14 Was passierte auf der Klimakonferenz in Paris?
15 Hielt das Pariser Klimaabkommen, was es versprochen hatte?
16 Wie steht es um Deutschlands Zielerreichung?
17 Dann geht es bei Fridays for Future also um mehr als ums Klima?
18 Okay. Aber ist das der Fortschritt der letzten 40 Jahre?
19 Ist das Tempo der Politik nicht viel zu langsam?
20 Welche Fortschritte machte die Wissenschaft?
21 Sind Konferenzen und Verträge nicht sinnlos, wenn die großen Länder nicht mitmachen?
22 Das scheinen die großen Länder aber anders zu sehen, oder?
23 Warum sperren sich manche Länder gegen die globale Klimapolitik?
24 Gibt es Grund zur Panik?

Wissen Skepsis Leugnung
25 Sind die Berichte über einen Klimakollaps reine Hysterie?
26 Welche Rolle spielt »Klimaskepsis«? Und warum ist sie so erfolgreich?
27 Ist Klimaleugnung eine PR-Strategie der fossilen Industrie?
28 Gibt es auch Klimaleugnung jenseits der fossilen Industrie?
29 Wie können wir Klimaleugnung enttarnen?

Demos Demokratie Diktatur
30 Was haben die Freitagsdemos gebracht?
31 Wie schlimm ist Greenwashing?
32 Gibt es auch Greenwashing in der Politik?
33 Es wurde doch schon so viel demonstriert. Hat das je was genutzt?
34 Inwiefern nutzen und schüren Klimaleugner das Misstrauen gegen Politik?
35 Ist Demokratie für Klimaschutz zu schwach? Brauchen wir eine Ökodiktatur?
36 Warum ist eine »gelenkte Demokratie« wie China so erfolgreich im Klimaschutz?

Markt Konsum Deal
37 Können wir Klimaschutz nicht einfach dem »freien Markt« überlassen?
38 Was sagen Ökonomen zum Klimawandel?
39 Was gibt es für Ideen, unsere Wirtschaft neu zu organisieren?
40 Kann individueller Konsumverzicht den Klimawandel stoppen?
41 Effizienz, Suffizienz und Konsistenz: Was ist die richtige Strategie?
42 Brauchen wir überhaupt Wirtschaftswachstum?
43 Was hat es mit dem »Green New Deal« auf sich?
44 Profitiert die Finanzwelt nicht von der fossilen Welt?
45 Ist es verlogen, wenn Investmentfirmen plötzlich Klimaschutz fordern?
46 Was könnte bei einem »Carbon Bubble Crash« passieren?
47 Inwiefern ist »Green Finance« eine Chance für den Klimaschutz?
48 Also rettet der Finanzmarkt doch das Klima?
49 Wie funktioniert der Green Deal der EU?
50 Also entwickelt die EU eine Art Spielregeln für die Finanzmärkte?

Parteien Profis Beteiligung
51 Sind verbindliche Klimagesetze etwas anderes als Ökodiktatur?
52 Soll ich etwa in eine Partei eintreten oder Lobbyismus betreiben?
53 Lässt sich zwischen gutem und schlechtem Lobbyismus trennen?
54 Was für Arten von Interessengruppen gibt es beim Klimaschutz?
55 Müssen wir immer so viel diskutieren?
56 Sollten nicht einfach »Profis« entscheiden?
57 Wie könnte eine Bürgerbeteiligung konkret aussehen?
58 Wie könnte eine »Ökokratie« funktionieren?

Vertrag Verhandlung Präambel
59 Wie wichtig ist ein Vertrag?
60 Zeigt das #Adani-Beispiel nicht gerade, dass Verträge nutzlos sind?
61 Ist das Aushandeln von Verträgen nicht zu förmlich und kompliziert?
62 Inwiefern helfen Verträge und Gesetze gegen den Klimawandel?
63 Wie viele Verträge sollen wir denn noch machen?
64 Wie fangen wir den generationengerechten Vertrag an?
65 Wie bringen wir die Vertragspartner an den Verhandlungstisch?
66 Ist ein neues Gremium ein gutes Verhandlungsergebnis?
67 Inwiefern ist ein Beirat wichtig für den großen Klimavertrag?
68 Wie sieht die Präambel von Rio20+ und wie die von Paris aus?
69 Was tun wir, wenn jemand die Präambel nicht unterschreibt?

Ziele Zahlen Zeugnisse
70 Was ist das Ziel?
71 Ist das Jahr 2050 unser zeitliches Ziel?
72 Kann bis 2030 nicht noch ganz viel anderes passieren?
73 Wie weit reicht unsere Zielperspektive?
74 Wie lässt sich »Agiles Management« auf das Klimathema anwenden?
75 Wie formulieren wir unsere Ziele und Zwischenziele?
76 Gibt es Unternehmen, die sich schon Klimaziele gesetzt haben?
77 Gibt es Unternehmen, die Klimaziele ernsthaft verfolgen?
78 Wie bekommen wir Transparenz über unsere Emissionen?
79 Gibt es Klarheit bei den deutschen 2030-Zielen?
80 Wie können wir Fortschritte messen und sichern?
81 Wie wichtig ist die Dokumentation aller Aktivitäten?

Verantworten Steuern Regeln
82 Wer ist wofür verantwortlich?
83 Welche Folgen hat es, dass die deutschen Klimaziele unklar formuliert sind?
84 Warum wird das CO2-Budget nicht offen thematisiert?
85 Lehnt die Bevölkerung Umwelt- und Klimaschutz wirklich ab?
86 Wie könnten wir unsere Klimapolitik besser steuern?
87 Wer könnte die bestehenden Widersprüche aufdecken?
88 Wie könnten wir die Beiräte verbessern?
89 Wie könnte ein Rat für Generationengerechtigkeit aussehen?
90 Ist die Kohlekommission ein Musterbeispiel der Problemlösung?
91 Welche Rolle spielt das Umweltministerium?
92 Wer ist tatsächlich für die Umsetzung zuständig?
93 Und all dieses Klein-Klein soll unser Klima retten?
94 Wer übernimmt die Verantwortung?
95 Was passiert, wenn sich jemand nicht an die Vereinbarungen hält?
96 Was ist die Alternative zu Strafen und Sanktionen?
97 Können wir also auf Verbote und Gesetze verzichten?
98 Was könnte im Verkehrssektor gesetzlich geregelt werden?
99 Was könnte im Gebäudesektor gesetzlich geregelt werden?
100 Was könnte im Sektor Landwirtschaft gesetzlich geregelt werden?

Geld Preise Kosten
101 Wäre es nicht am billigsten, CO2 einfach zu verbieten?
102 Wozu brauchen wir Kostentransparenz?
103 Wir subventionieren CO2 heute noch? Ernsthaft?
104 Was heißt »gesamte Kostenwahrheit«?
105 Wäre alles gut, wenn wir ab sofort die wahren Kosten bezahlen?
106 Lässt sich das mit einer CO2-Bepreisung lösen?
107 Wie funktioniert die »Mengenlösung Emissionshandel«?
108 Gibt es denn schon einen CO2-Emissionshandel?
109 Könnte man den Emissionshandel nicht einfach ausweiten?
110 Wie funktioniert die »Preislösung CO2-Steuer«?
111 Was steht im deutschen Klimapaket: Emissionshandel oder Steuer?
112 Was wäre ein angemessener CO2-Preis mit echter Hebelwirkung?

Widersprüche Konflikte teuflische Details
113 Ist Klimaschutz unsozial und nur etwas für Reiche?
114 Wie ginge eine sozial verträgliche Energiewende?
115 Gibt es so etwas wie klimafreundliche Produktion?
116 Wie können wir Unternehmen bei der Umstellung entlasten?
117 Welche negativen Auswirkungen könnte Klimaschutz haben?
118 Müssen wir nebenbei auch noch alle anderen Probleme lösen?
119 Was tun wir, wenn zwei Nachhaltigkeitsziele kollidieren?
120 Können Gesetzesdetails wirklich große Wirkung entfalten?
121 Welches Detail aus dem Windenergiegesetz könnte eine solche Wirkung haben?

Kipppunkt heute – Vision 2050
122 Hat Klimaschutz angesichts des Widerstands überhaupt noch Sinn?
123 Welche Vision 2050 könnte uns antreiben?

Was tun?
53 Aufgaben für den Anfang

Anhang
Danksagung
Über die Autorin
Impressum


Anmerkungen


Das Buch enthält 501 Hinweise auf Fußnoten mit Links, Texten und Hinweisen. Nachzulesen sind diese aber nicht im Buch selbst, sondern – weil sie ständig aktualisiert werden – nur im Internet. Aufzufinden sind sie unter www.mondaysforfuture.netder Website zum Buch.
Hier der Direktzugang:
Anmerkungen (PDF)


Leseprobe


siehe Verlags-Webseite: https://www.book2look.com/book/EIJpU4L5k6






Montag – Auftakt zur Zukunft

Es ist Montag. Am Freitag wurde demonstriert, am Samstag die Stärke der Bewegung gefeiert, am Sonntag wurden schöne Reden geschwungen. Jetzt beginnt die nächste Woche. Jetzt kommt das Team, das die Arbeit aufnimmt.

Vor uns liegen die Hinterlassenschaften der letzten Wochen, Monate und Jahre. Ein schier heilloses Durcheinander wie nach jeder großen Party: Lebensmittel, die zum Teil angebissen und verdorben, zum Teil aber noch frisch und genießbar sind. Leere, halbvolle und volle Flaschen. Dreckiges und sauberes Geschirr. Dazwischen ein Sammelsurium an Geräten, Handys, Schlüssel, Kabel, Stecker, Datensticks und vereinzelt leere CD-Hüllen – defekt, nutzlos oder einfach vergessen? Bunte Haftzettel mit Notizen an den Wänden, zusammengeknüllte Ideenpapiere auf dem Boden, fleckige Broschüren, zerfledderte Bücher mit Lesezeichen und Markierungen. Schals, Jacken, Regenschirme und ein alter Fahrradhelm.

Kurz: jede Menge Zeug. Ist davon irgendetwas noch zu gebrauchen?

Nun heißt es also aufräumen. Es soll nicht einfach alles in den Container gestopft und zur Müllverbrennung gefahren werden. Der Anspruch: das Brauchbare herausfiltern aus dem, was in der letzten Zeit gedacht, geredet und gestritten wurde. Das Ziel: aus der Begeisterung und der Wut eine Energie gewinnen, die sich nutzen lässt. Das Ergebnis: dieses Buch.

Dieses Buch ist kein Erinnerungsalbum, das nostalgisch die schöne Vergangenheit festhält, auch kein Gedächtniswerk, das mahnt, damit etwas nie wieder passiert. Dieses Buch schildert nicht in leuchtenden Farben die wunderbare Zukunft. Es malt auch nicht in dunkelsten Farben das Szenario eines baldigen Weltuntergangs.

Es ist das Buch, das Montagvormittag aufgeschlagen wird, wenn alle wieder die Arbeit aufnehmen. Es soll den Menschen dienen, die jetzt die Ärmel aufkrempeln und loslegen wollen. Denn es gibt viel zu tun. Wir müssen Entscheidungen treffen, Prioritäten setzen, Bewährtes fortführen, aber auch Experimente wagen. Dafür brauchen wir Grundlagen, Wissen, Fakten, Erkenntnisse und jede Menge Kraft.

Ich habe mir bei dem Thema Klimawandel, das so viele Menschen in Angst und Panik versetzt, den Optimismus auf die Fahne geschrieben. Martin Luther Kings berühmtester Satz heißt ja auch nicht »I have a nightmare«, sondern »I have a dream«. Träume geben Kraft. Zukunft braucht Zuversicht. Doch mit Träumen allein ist nichts gewonnen. Wir müssen handeln, wir müssen machen, wir müssen endlich ins Tun kommen.

Vor zwölf Jahren habe ich in meinem ersten Buch die enormen wirtschaftlichen Chancen echter Klimaschutzpolitik dargelegt. Es folgte ein Jahrzehnt aggressiver Torpedierung jeglicher Klimaschutzpolitik seitens der Gegner, weswegen ich zwei Bücher schrieb, um die gezielt gestreuten Mythen und Fake News zu widerlegen. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir nicht noch ein Jahrzehnt mit rückwärtsgewandten Diskussionen vergeuden dürfen, sondern beherzt nach vorne gehen müssen. Es beginnt das Jahrzehnt, in dem es auf die Frage nach Klimaschutz nur noch Ja oder Nein als Antwort gibt.

Wir alle wissen: Die Uhr tickt. Wir haben noch ungefähr zehn Jahre oder knapp 420 Gigatonnen CO2 Zeit, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Also das Ziel, die Erde ungefähr so zu erhalten, wie wir sie heute kennen und wie sie uns die letzten tausend Jahre ein lebenswertes Zuhause geboten hat.

Es ist Zeit aufzuräumen. Es ist Zeit, für unsere globale WG ein paar Spielregeln aufzustellen, damit wir nicht am nächsten Montag vor einem sehr viel schlimmeren Desaster sitzen.

Es wird immer sichtbarer, dass der Klimawandel überall auf der Welt massiv voranschreitet und die bisherige Klimapolitik unzureichend war – trotz großer Anstrengungen. Jugendliche gehen seit über einem Jahr auf die Straße und fordern zu recht mehr Klimaschutz. Den jungen Menschen folgen die älteren und auch die ganz alten. Es kamen die Profis und inzwischen auch die Omas.

Es ist eine globale Bewegung geworden. Die Ungeduld wächst. Die Auseinandersetzungen werden härter. Manche macht das besorgt. Doch ich freue mich riesig darüber. Seit über 20 Jahren kämpfe ich für mehr Klimaschutz. Durch das Engagement der Fridays-For-Future-Bewegung wird deutlich, dass es eine überwältigende Mehrheit für den Wandel gibt. Lange Jahre wehrten sich die fossilen Konzerne mit allen Mitteln gegen die notwendige Umstrukturierung des Energiemarktes, mit Tricks, mit Kniffen und jetzt kämpfen sie immer aggressiver um ihre wirtschaftlichen Interessen. Die Lobbyisten der Vergangenheit bellen und beißen wie alte Rottweiler, aber den – inzwischen nicht mehr ganz so – jungen Welpen gehört die Zukunft.

Lass dich nicht frustrieren, weil du zu wenig Erfolge siehst. Es gibt sie! Mach eine kurze Pause und sammle frische Kraft, aber komm bitte so schnell wie möglich zurück. Wir brauchen dich. Das Umsteuern ist in greifbarer Nähe. Wir sind an einem Wendepunkt. Jetzt besteht die Chance für einen echten Wandel.

Die größte Gefahr: Statt nach vorne zu denken, stellen wir die Schuldfrage. Gerade diejenigen, die erst Ende der 1990er-Jahre oder Anfang des neuen Jahrtausends geboren wurden, stehen immer wieder fassungslos vor mir. Sie werden in einer Welt erwachsen, die am Abgrund steht, und erfahren jetzt: Ihre Eltern, die sogenannten »Babyboomer«, wussten all die Jahre Bescheid, dass die Welt Kurs auf diesen Abgrund nimmt.

Schon ist die Rede von einem Krieg der Generationen. Derlei mag eine journalistische Sensationslust befriedigen, ist aber sinnlos und kostet bloß Kraft, Nerven und Zeit, die wir nicht haben. Statt uns zu zerstreiten und zerspalten, sollten wir lieber gemeinsam Lösungen für die immer noch ungelösten Herausforderungen des Klimawandels finden.

Denn im Moment sind wir alle, ob wir wollen oder nicht, eher Teil des Problems als Teil der Lösung. Wenn wir in der industrialisierten Welt leben, können wir uns der »CO2-Emissionskultur« derzeit nicht entziehen, egal wie sehr wir uns abstrampeln. Wenn also die junge Generation vorwurfsvoll auf die Älteren zeigt, dann werden die Generationen X und Y auf die Jüngsten zeigen und »Selber!« rufen. Und schon sitzen wir im altbekannten Klimakarussel, schieben die Schuldkarte weiter zum Nächsten und drehen uns im Kreis. Nein, so kommen wir nicht vorwärts.

Wir müssen die Gräben überwinden und Brücken bauen für echten Klimaschutz. Und zwar nicht nur für die Boomer, die Generationen X, Y und Z, sondern auch für die Menschen, die in den nächsten Jahrzehnten und Jahrhunderten erst noch auf die Welt kommen: die Generationen N1, N2 bis Nx. Denn sie müssen die Suppe auslöffeln, wenn wir nicht endlich aufhören sie einzubrocken.

Das wissen nicht allein die Jugendlichen. Das wissen auch all die Menschen, die »for Future« auf die Straße gehen. Eine im Frühjahr 2019 veröffentlichte Studie zeigt, dass eine große Mehrheit der Deutschen (63 Prozent) Klimaschutz für ein sehr wichtiges Anliegen hält und ihm eine ähnlich hohe Bedeutung wie den beiden Top-Themen Bildung (69 Prozent) und soziale Gerechtigkeit (65 Prozent) gibt. Allerdings nur 14 Prozent der Menschen meinen, dass die Bundesregierung genug tut. Und das gilt über alle Generationen hinweg.

In einer repräsentativen Umfrage vor der Hamburg-Wahl im Februar 2020 gaben 82 Prozent der Befragten im Alter 65plus an, ihnen sei Klimaschutz wichtig oder sogar sehr wichtig. Bei den 40 bis 64-Jährigen waren es 73 Prozent. Bei den 16- bis 39-Jährigen waren es 85 Prozent. Sie wären alle bereit, für einen besseren Umwelt- und Klimaschutz sogar höhere Preise zu akzeptieren.

Deswegen: Wechselseitige Schuldzuschreibungen und Vorwürfe, Beleidigungen und Beschimpfungen bringen uns nicht weiter. Im Gegenteil.

Ich stelle mir vor: Alle, die tatkräftig mitwirken wollen, versammeln sich um einen großen Tisch. Wir sehen lauter unbekannte Gesichter, entdecken vereinzelt alte Bekannte, begrüßen einander, reden durcheinander, alle haben Unsicherheiten und Wünsche, Hoffnungen und Ängste, die Ideen und Gedanken sprudeln. Jemand klopft mit dem Löffel ans Glas, die Stimmen eben ab, im Raum wird es ruhig.

Jetzt kommt das Buch auf den Tisch.

Es fasst zusammen, warum wir da sind, wo wir sind. Es listet auf, welche Kräfte wirken, welche Diskussionen geführt werden und welche Ideen es schon gibt. Es erzählt von Fehlern, aus denen wir lernen, und es berichtet von Erfolgen, die wir kopieren können. Es sammelt Fragen und Herausforderungen, skizziert Antworten und setzt einen Rahmen für die Suche nach den Lösungen. Am Ende steht eine Vielzahl von Aufgaben, die zu erledigen sind. Es ist nur der Anfang einer noch viel größeren To-do-Liste.

Der echte Zeit- und Maßnahmenplan muss erst noch entwickelt werden – und zwar von all denen, die das 21. zu einem Jahrhundert von Demokratie, Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit machen wollen, kreuz und quer durch die Republik, von Görlitz bis Aachen, von Passau bis Wilhelmshaven von Freiburg bis Stralsund, ab sofort.

Bislang hat Deutschland nur ein halbherziges Klimapaket verabschiedet. Der mit großem Tamtam angekündigte Klimatiger landete als bescheidener Bettvorleger. Entschieden wurde nicht, was
klimapolitisch notwendig ist, sondern lediglich, was politisch durchsetzbar schien. Da war die Mutlosigkeit größer als die Weitsicht. Wir müssen den Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik deutlich machen, dass wir mehr verlangen. Wir packen einfach selber an.

Wir brauchen etwas, das größer ist als wir selbst, einen Systemwechsel, eine gemeinsam organisierte und durchgeführte Transformation – weg von der fossilen hin zu einer nachhaltigen Welt. Wir brauchen gemeinsame Entschlossenheit. Wir brauchen Verabredungen und Verbindlichkeit. Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag – analog zum Solidarvertrag zwischen den Jungen und den Alten für eine sichere Rente. Wir brauchen einen Solidarvertrag der Generationen X,Y und Z mit den N-Generationen für einen sicheren Planeten. Wir brauchen eine andere Klimazukunft. Wir brauchen Klimagerechtigkeit. Wir brauchen einen neuen Klimavertrag, der Generationengerechtigkeit schafft, einen New Green Deal. Einvernehmlich und verbindlich.


Siehe auch


https://www.youtube.com/watch?v=kkctJstXwl4 Claudia Kemfert über ihr neues Buch „Mondays For Future" und den Klimawandel (3 Min.)



https://www.mondaysforfuture.net/Website zum Buch