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Konrad Lorenz
Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit




München 1973 (Serie Piper); 112 Seiten; ISBN 3-492-00350-8
Im November und Dezember 1970 als sechsteilige Vortragsreihe im Bayerischer Rundfunk








»Man muß sich vor Augen halten, wie jung unsere Einsichten in die Gefährdung der Menschheit sind. Ich kann an der Geschichte meiner eigenen wissenschaftlichen Entwicklung illustrieren, daß vor gar nicht langer Zeit auch ein biologisch denkender Mensch sich nicht über die drohenden Gefahren im klaren war. Wie schon erwähnt, war ich von der Predigt William Vogts gegen unvorsichtige Zerstörung ökologischer Gleichgewichtszustände keineswegs überzeugt; die Welt erschien mir damals noch unerschöpflich groß und William Vogt als das, was man in Österreich einen ‚Miesmacher‘ nennt. Im wesentlichen ist es wohl Rachel Carsons Buch ‚The Silent Spring‘ (Der schweigende Frühling) gewesen, das meine Aufmerksamkeit erregt und mich zum Kampf gegen die Technokratie aufgerüttelt hat.

Meine plötzliche Einsicht in die Gefahr entsprang, wie es Erkenntnisse so oft tun, dem plötzlichen Zustandekommen einer Gedankenverbindung. Ich sah auf einmal die nahen Beziehungen zwischen den mir bekannten typischen Neurosen und der epidemisch verbreiteten neurotisch-hektischen Wesensart der zivilisierten Menschheit. Mir wurde auf einmal klar, wie naiver Fortschrittsglaube, Überorganisation, Zusammenballung von Menschenmassen (...) sich zu einem gewaltigen Teufelskreis positiver Rückwirkungen zusammenschließen und wie eng die Beziehungen zwischen dem Schwund der Menschlichkeit und der Selbstvernichtung der Menschheit tatsächlich sind. Meine im Zweiten Weltkrieg als Arzt erworbenen Kenntnisse über Neurosen trugen dazu bei, daß ich in dem Abbau der Eigenschaften und Leistungen, die das Menschentum ausmachen, plötzlich Krankheitserscheinungen sah, die ich in meinem Buch ‚Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit‘ geschildert habe.

So kurz die seitdem vergangene Zeit zu sein scheint, kommt mir dieses Buch heute recht veraltet vor, vor allem stört mich der dort von mir angeschlagene Ton: Es ist der eines einsamen Predigers in der Wüste. Angesichts der vielen seitdem erschienenen Bücher, deren Autoren ähnliche Ziele anstreben, wirkt dieser Ton ausgesprochen arrogant, er läßt nämlich die Meinung des Autors durchblicken, er stünde mit seinen Erkenntnissen allein auf weiter Flur. In Wirklichkeit ist die Zahl der Menschen, die sich über die menschheitsbedrohenden Gefahren im klaren sind, gewaltig angestiegen, und sie steigt noch, und zwar, wie ich glaube, in einer ständig steiler werdenden Kurve. Es steht zu hoffen, daß die Mehrheit der Menschen die Bedrohung der Menschheit als Spezies und vor allem ihres Menschentums erkennt, ehe wir uns die Möglichkeit verbaut haben, eine Gesellschaftsordnung zu erreichen, die menschlicher ist als unsere jetzige.

Einen Grund zum Optimismus sehe ich in der Schwingung der öffentlichen Meinung. Der Glaube an die allein seligmachende Wirkung des Messens und Zählens hat zwar der Menschheit eine nie dagewesene Macht verliehen, aber die Erkenntnis, daß auf dieser Macht kein Segen ruht, beginnt sich durchzusetzen. Schon melden sich ernst zu nehmende Denker zu Wort, die, wie im 6. Kapitel erwähnt, die Naturwissenschaften als solche für verfehlt halten. Wenn diese Humanisten auch über das Ziel hinausschießen, haben sie doch sehr wesentlich zu dem Widerstand beigetragen, der sich nicht nur gegen Wirtschaftswachstum und Ausnützung der Atomenergie, sondern gegen das technokratische System als solches richtet. Wenn man diese Kurve der Erkenntnis extrapoliert, so wächst die Hoffnung auf einen Umschwung der öffentlichen Meinung. Ich vermeine jetzt schon zu merken, wie das besprochene »unterirdische« Wachstum der wesentlichen Erkenntnisse unreflektiert, aber unaufhaltsam um sich greift.«




Konrad Lorenz im Kapitel Berechtigung zum Optimismus des Buches „Der Abbau des Menschlichen“ (1983)


Konrad Lorenz


(1903-1989), Mitbegründer der modernen Vergleichenden Verhaltensforschung (Nobelpreis 1973) ist als Forscherpersönlichkeit sehr umstritten, da er offensichtlich während der Zeit des Dritten Reiches mit der nationalsozialistischen „Rassen-Hygiene“ sympathisierte. Für manche Kritiker ist das Grund genug, Konrad Lorenz‘ Forschung, Thesen und Schlußfolgerungen gänzlich als „sozialdarwinistisch“ und faschistoid zu verwerfen.






Hinweise auf zwei Biographien auf der Seite: Der Abbau des Menschlichen


Inhaltsverzeichnis


Optimistisches Vorwort






I.

Struktureigenschaften und Funktionsstörungen lebender Systeme



II.

Übervölkerung



III.

Verwüstung des Lebensraums



IV.

Der Wettlauf mit sich selbst



V.

Wärmetod des Gefühls



VI.

Genetischer Verfall



VII.

Abreißen der Tradition



VIII.

Indoktrinierbarkeit



IX.

Die Kernwaffen



X.

Zusammenfassung






Literaturverzeichnis


Leseprobe


Optimistisches Vorwort






Die vorliegende Abhandlung ist für die Festschrift geschrieben worden, die zum 70. Geburtstag meines Freundes Eduard Baumgarten erschien. Ihrem Wesen nach paßt sie eigentlich weder zu einer so freudigen Gelegenheit noch zu der fröhlichen Natur des Jubilars, denn sie ist eingestandenermaßen eine Jeremiade, eine an die ganze Menschheit gerichtete Aufforderung zu Reue und Umkehr, von der man meinen könnte, daß sie einem Bußprediger, wie dem berühmten Wiener Augustiner Abraham a Santa Clara, besser anstünde als einem Naturforscher. Wir leben aber in einer Zeit, in der es der Naturforscher ist, der gewisse Gefahren besonders klar zu sehen vermag. So wird ihm das Predigen zur Pflicht.






Meine Predigt, die über den Rundfunk verbreitet wurde, fand einen Widerhall, der mich erstaunt hat. Ich bekam unzählige Briefe von Leuten, die nach dem gedruckten Text verlangten, und schließlich wurde ich von meinen besten Freunden kategorisch aufgefordert, die Schrift einem weiten Leserkreis zugänglich zu machen.






Das alles ist an sich schon dazu angetan, den Pessimismus Lügen zu strafen, der aus jener Schrift zu sprechen scheint. Der Mann, der da offensichtlich der Meinung war, einsam in der Wüste zu predigen, sprach, wie sich herausstellt, vor einer zahlreichen und durchaus verständigen Hörerschaft! Mehr noch: Beim Wiederlesen meiner Worte fallen mir mehrere Aussagen auf, die schon zur Zeit der Niederschrift ein wenig übertrieben, heute aber schon nicht mehr wahr sind. So steht S. 98, daß die Ökologie eine Wissenschaft sei, deren Bedeutung nicht genügend anerkannt werde. Das kann man heute wirklich nicht mehr behaupten, denn unsere bayerische »Gruppe Ökologie« findet erfreulicherweise bei den verantwortlichen Stellen Gehör und Verständnis. Die Gefahren der Übervölkerung und der Wachstums-Ideologie werden von einer rasch wachsenden Zahl vernünftiger und verantwortlicher Menschen richtig eingeschätzt. Gegen die Verwüstung des Lebensraumes werden allenthalben Maßnahmen ergriffen, die zwar bei weitem nicht ausreichend sind, aber die Hoffnung erwecken, es bald zu werden.






Noch in anderer Hinsicht muß ich meine Aussagen in einer erfreulichen Richtung korrigieren. Ich schrieb bei Besprechung der behavioristischen Doktrin, daß sie »unzweifelhaft einen erklecklichen Teil der Schuld an dem drohenden moralischen und kulturellen Zusammenbruch der Vereinigten Staaten« trage. Inzwischen sind in den Vereinigten Staaten selbst eine Reihe von Stimmen laut geworden, die dieser Irrlehre höchst energisch entgegentreten. Noch werden sie mit allen Mitteln bekämpft, aber sie werden gehört, und die Wahrheit kann man nur dadurch auf die Dauer unterdrücken, daß man sie verstummen macht. Die epidemischen Geisteskrankheiten der Gegenwart pflegen, aus Amerika kommend, in Europa mit einiger Verspätung aufzutreten. Während der Behaviorismus in Amerika im Abflauen ist, grassiert er neuerdings unter europäischen Psychologen und Soziologen. Es ist voraussagbar, daß die Epidemie abklingen wird.






Schließlich möchte ich noch zur Feindschaft zwischen den Generationen einen kleinen berichtigenden Zusatz machen. Wenn sie nicht politisch verhetzt oder überhaupt unfähig sind, einem älteren Menschen irgend etwas zu glauben, haben die heutigen jungen Leute offene Ohren für die grundlegenden biologischen Wahrheiten. Es ist durchaus möglich, revolutionäre Jugendliche von der Wahrheit des im VII. Abschnitt dieses Büchleins Gesagten zu überzeugen.






Es wäre überheblich, zu glauben, daß das, was man selbst sicher weiß, nicht auch den meisten anderen Menschen verständlich gemacht werden kann. Alles, was in diesem Buch steht, ist viel leichter zu verstehen als z. B. Integral- und Differentialrechnung, die jeder Oberschüler lernen muß. Jede Gefahr verliert viel von ihrer Schrecklichkeit, wenn ihre Ursachen erkannt sind. So glaube und hoffe ich, daß dieses Büchlein ein wenig beitragen kann zur Verminderung der die Menschheit bedrohenden Gefahren.






Seewiesen 1972



Konrad Lorenz









X. Zusammenfassung






Es wurden acht von einander unterscheidbare, wenn auch in engem ursächlichem Zusammenhang miteinander stehende Vorgänge besprochen, die nicht nur unsere heutige Kultur, sondern die Menschheit als Spezies mit dem Untergang bedrohen. Diese Vorgänge sind:






(1) Die Übervölkerung der Erde, die jeden von uns durch das Überangebot an sozialen Kontakten dazu zwingt, sich dagegen in einer grundsätzlich »un-menschlichen« Weise abzuschirmen, und die außerdem durch die Zusammenpferchung vieler Individuen auf engem Raum unmittelbar aggressionsauslösend wirkt.






(2) Die Verwüstung des natürlichen Lebensraumes, die nicht nur die äußere Umwelt zerstört, in der wir leben, sondern auch im Menschen selbst alle Ehrfurcht vor der Schönheit und Größe einer über ihm stehenden Schöpfung.






(3) Der Wettlauf der Menschheit mit sich selbst, der die Entwicklung der Technologie zu unserem Verderben immer rascher vorantreibt, die Menschen blind für alle wahren Werte macht und ihnen die Zeit nimmt, der wahrhaft menschlichen Tätigkeit der Reflexion zu obliegen.






(4) Der Schwund aller starken Gefühle und Affekte durch Verweichlichung. Fortschreiten von Technologie und Pharmakologie fördern eine zunehmende Intoleranz gegen alles im geringsten Unlust Erregende. Damit schwindet die Fähigkeit der Menschen, jene Freude zu erleben, die nur durch herbe Anstrengung beim Überwinden von Hindernissen gewonnen werden kann. Der naturgewollte Wogengang der Kontraste von Leid und Freude verebbt in unmerklichen Oszillationen namenloser Langeweile.






(5) Der genetische Verfall. Innerhalb der modernen Zivilisation gibt es – außer den »natürlichen Rechtsgefühlen« und manchen überlieferten Rechtstraditionen – keine Faktoren, die einen Selektionsdruck auf die Entwicklung und Aufrechterhaltung sozialer Verhaltensnormen ausüben, wiewohl diese mit dem Anwachsen der Sozietät immer nötiger werden. Es ist nicht auszuschließen, daß viele Infantilismen, die große Anteile der heutigen »rebellierenden« Jugend zu sozialen Parasiten machen, möglicherweise genetisch bedingt sind.






(6) Das Abreißen der Tradition. Es wird dadurch bewirkt, daß ein kritischer Punkt erreicht ist, an dem es der jüngeren Generation nicht mehr gelingt, sich mit der älteren kulturell zu verständigen, geschweige denn zu identifizieren. Sie behandelt diese daher wie eine fremde ethnische Gruppe und begegnet ihr mit nationalem Haß. Die Gründe für diese Identifikations-Störung liegen vor allem in mangelndem Kontakt zwischen Eltern und Kindern, was schon im Säuglingsalter pathologische Folgen zeitigt.






(7) Die Zunahme der Indoktrinierbarkeit der Menschheit. Die Vermehrung der Zahl der in einer einzigen Kulturgruppe vereinigten Menschen führt im Verein mit der Vervollkommnung technischer Mittel zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung zu einer Uniformierung der Anschauungen, wie sie zu keinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte bestanden hat. Dazu kommt, daß die suggestive Wirkung einer fest geglaubten Doktrin mit der Zahl ihrer Anhänger wächst, vielleicht sogar in geometrischer Proportion. Schon heute wird mancherorts ein Individuum, das sich der Wirkung der Massenmedien, z. B. des Fernsehens, bewußt entzieht, als pathologisch betrachtet. Die entindividualisierenden Effekte sind allen jenen willkommen, die große Menschenmassen manipulieren wollen. Meinungsforschung, Werbetechnik und geschickt gesteuerte Mode helfen den Großproduzenten diesseits und den Funktionären jenseits des Eisernen Vorhanges zu gleichartiger Macht über die Massen.






(8) Die Aufrüstung der Menschheit mit Kernwaffen beschwört Gefahren für die Menschheit herauf, die leichter zu vermeiden sind als jene, die den vorher besprochenen sieben Vorgängen entspringen.






Den im ersten bis siebenten Abschnitt besprochenen Vorgängen der Dehumanisierung leistet die pseudodemokratische Doktrin Vorschub, welche besagt, daß das soziale und moralische Verhalten des Menschen überhaupt nicht durch die stammesgeschichtlich evolvierte Organisation seines Nervensystems und seiner Sinnesorgane bestimmt, sondern ausschließlich durch die »Konditionierung« beeinflußt wird, der er im Laufe seiner Ontogenese durch seine jeweilige kulturelle Umwelt unterliegt.


Siehe auch


Der Abbau des Menschlichen (1983)



Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit – Wikipedia



Die Rückseite des Spiegels – Wikipedia



100 Jahre Konrad Lorenz“ – Ausgabe 4/2003 des Wissenschaftsmagazins „heureka“