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James Lovelock
Das Gaia-Prinzip

Die Biographie unseres Planeten


München 1991 (Artemis & Winkler); 318 Seiten; ISBN 3-458-33242-1
Die englische Originalausgabe erschien 1988 unter dem Titel „The Ages of Gaia. A Biography of Our Living Earth“






J. Lovelocks Gaia-Prinzip ist ein neues Modell der Erdbetrachtung insgesamt. Lovelock hat damit eine grundsätzliche Neubesinnung auf die Grundlagen unseres Weltbildes eingeleitet. «Gaia» ist der griechische Name der Erdgöttin. Lovelocks Versuch, den Planeten Gaia und seine sich selbst regulierenden Funktionsmechanismen global, quasi «von außen», zu betrachten, eröffnet neue, optimistische Perspektiven für einen behutsameren Umgang mit unserer Erde. Die Hauptthese: Die Erde ist nicht, wie Geologen behaupten, eine riesige, größtenteils von Wasser bedeckte Steinkugel, sondern ein Lebewesen, ein einziger großer und hochempfindlicher Organismus. Entscheidend ist deshalb für Lovelock die Existenz des gesamten Planeten und nicht das Überleben einzelner Arten von Organismen. An diesem Punkt ist das Gaia-Konzept sehr viel radikaler als das mancher Umweltschutzbewegungen, die sich in erster Linie mit der Gesundheit der Menschen beschäftigen. Auf dem Spiel steht jedoch heute die Gesundheit der Erde.


James E. Lovelock


geboren 1919 in Letchworth Garden City, England; Chemiker, Mediziner, Biophysiker und Erfinder; Mitbegründer der Gaia-Hypothese und Geophysiologie. James Lovelocks Interesse gilt der Wissenschaft des Lebens, ursprünglich in der medizinischen Forschung des Menschens, dann der Erde. Zahlreiche Veröffentlichungen in Medizin, Biologie, Instrumentenforschung und Geophysiologie, darunter: Das Gaia-Prinzip. Die Biographie unseres Planeten (1981), Gaia: Die Erde ist ein Lebewesen. Anatomie und Physiologie des Organismus Erde (1991) und Homage to Gaia (Autobiografie, 2000).


Inhaltsverzeichnis


An die Leser der deutschen Ausgabe



Vorbemerkungen






I

Einleitung



II

Was ist Gaia?



III

Die Erforschung von Daisyworld



IV

Das Archaikum



V

Das Proterozoikum



VI

Die Neuzeit



VII

Gaia und ihr heutiges Umfeld



VIII

Der zweite Lebensraum



IX

Gott und Gaia






Nachwort



Anhang


Leseprobe


An die Leser der deutschen Ausgabe






Die Gaia-Hypothese ist nunmehr zwanzig Jahre alt. Wir alle, die wir uns intensiv damit befaßt haben, sehen sie als eine ernstzunehmende Wissenschaft an. Sowohl in ihrer Beweiskraft wie auch als Modellvorstellung erscheint sie uns immer einleuchtender. Ich räume ein, daß dies die Meinung einer Minderheit ist und daß die meisten Wissenschaftler Gaia als eine bessere Metapher betrachten. Einige tun sie gar als Anti-Wissenschaft ab. Bevor Sie dieses Buch zu lesen anfangen, möchte ich daher gern erklären, was Gaia überhaupt ist und wozu sie sich in den letzten zwanzig Jahren entwickelt hat.






Gaia war von Anfang an eine Betrachtung der Prozesse auf der Erde von oben, die strenge Wissenschaftssicht eines physikalischen Chemikers, der Wert darauf legt, Theorien überprüfen zu können. Die Entwicklung der Gaia-Hypothese erfolgte damals weitgehend in Zusammenarbeit mit der Biologin Lynn Margulis. Keiner von uns hatte eine teleologische Hypothese im Auge. Wir haben auch nirgendwo geschrieben, daß die Selbstregulierungskraft dieses Planeten zweckgerichtet sei oder daß ihr eine Voraussicht oder Planung der Natur zugrundeliege. Ich gebe zu, daß die Ungenauigkeit, die in dem Begriff «Leben» steckt, einige unserer früheren Aussagen zu Gaia für falsche Interpretationen anfällig machte. Trotzdem war dieser hartnäckig verfolgte Gedanke von einer zweckgerichteten Gaia, den einige völlig unlogisch die Hypothese von der «starken» Gaia nennen, niemals in unseren Köpfen. Er ist lediglich eine Konstruktion unserer Gegner in der Biologie, die damit und mit anderen Strohpuppen ihre zeremoniellen Scheiterhaufen entfachen.






Während der letzten fünfzehn Jahre hat sich Gaia durch Kritik vertieft und weiterentwickelt. Heute kann sie als die Theorie von einem sich entwickelnden System verstanden werden. Ein System, geschaffen von den lebenden Organismen der Erde und deren materieller Umgebung. Diese beiden Teile sind eng und untrennbar miteinander verbunden. Die Gaia-Theorie begreift die Entwicklung dieses Systems als eine allmähliche Vorwärtsbewegung während langer homöostatischer Perioden, die von plötzlichen, gleichzeitigen Veränderungen in den Organismen und ihrer Umgebung geprägt ist. Aufgrund der Veränderungen gerät das System in neue, andersartige homöostatische Zustände. Ein signifikanter Sprung dieser Art geschah zwischen dem anärobischen Azoikum und dem sauerstoffbestimmten Proterozoikum. Gaia beendet die seit langem geführte Diskussion darüber, ob die Evolution ein allmähliches oder ein punktuelles Geschehen gewesen sei. Sie war wohl beides.






Das ist keine neue Evolutionstheorie. James Hutton hatte diese Vorstellung bereits 1788, als er die Erde als einen Über-Organismus betrachtete, der nur mit Hilfe der Physiologie erforscht werden könne. Die Gaia-Theorie steht auch nicht im Gegensatz zu der umfassenden Sicht Darwins. Die neue Theorie schließt die Evolution der Organismen durch natürliche Selektion als einen wesentlichen Bestandteil eines sich entwickelnden Planeten mit ein.






Mein Freund und Kollege Andrew Watson brachte den Unterschied zwischen Gaia und dem Darwinismus bei einer Diskussion vor der Linné-Gesellschaft im Dezember 1989 auf den wesentlichen Punkt. Er liegt in dem engen Zusammenhang zwischen den Organismen und ihrer physikalischen Umgebung. Nahezu jeder Forscher, so stellte er fest, akzeptiert heute die Ansicht, daß Leben einen grundlegenden Einfluß auf seine Umgebung ausübt. Unter den Geochemikern herrscht in diesem Punkt zwischenzeitlich Einvernehmen, eine nicht unbedeutende Meinungsäußerung gegenüber ihrer Sichtweise vor Gaia. Gleichermaßen offenkundig ist, daß Leben von seiner Umgebung beeinflußt wird und sich ihr anpaßt. Dieses Wissen ist schon älter, es beherrschte das 20. Jahrhundert. Deshalb, so führte Watson weiter aus, stellt Leben und seine Umgebung ein Verbund- und Rückkoppelungssystem dar. Veränderungen in einem Element werden sich auf ein anderes auswirken und das wird wiederum seine Rückwirkung auf die ursprüngliche Veränderung haben. Die tatsächliche Frage ist also nur, wie bedeutend und wie eng die Verbindung ist. Verleiht sie dem System, so wie wir glauben, neue Eigenschaften, beispielsweise eine größere Stabilität oder das Verhalten eines lebenden Organismus?






Gaia geht davon aus, daß diese enge Verbindung zwischen den Organismen und ihrer Umgebung stark genug ist, um einen großen Einfluß auf die Entwicklung des Lebensumfeldes auf der Erde und auf anderen Planeten mit Leben ausgeübt zu haben. Sie ist so stark, daß wir die Erdgeschichte tatsächlich nicht eher begreifen werden, als bis wir das System als eine Gesamtheit betrachten und unsere Versuche einstellen, einen Teil losgelöst von einem anderen verstehen zu wollen.






Das enge Verbund- und Rückkoppelungssystem von Gaia läßt sich nicht leicht mit Worten beschreiben. Aus diesem Grund habe ich das einfache Modell «Daisyworld» geschaffen, das die Grundzüge von Gaia widerspiegelt. Am Beispiel der Gänseblümchen versuchte ich in diesem Buch, die Weit von Gaia zu veranschaulichen. Gaia liefert uns unter anderem die Erkenntnis, daß planetarisches Leben niemals nur vereinzelt vorkommen kann; ein Planet mit einem nur spärlichen Leben könnte sich niemals selbst regulieren. Die Selbstregulierung ist aber notwendig, weil die geochemische Entwicklung auf Planeten wie der Erde auf einen Zustand hinsteuert, wie er heute auf Mars und Venus herrscht. Während einer solchen Entwicklung wird es indes immer eine Periode geben, in der die Bedingungen für Leben günstig sind. Um diese Gelegenheit beim Schopf ergreifen zu können, müssen die Organismen zahlreich genug sein, damit sie die geochemische Entwicklung zu beeinflussen und sich in sie einzuklinken vermögen. Gelingt ihnen das nicht, werden sich die Bedingungen auf dem Planeten weiterhin unorganisch verändern und schließlich den Punkt erreichen, an dem Leben unmöglich ist.






Eine weitere Erkenntnis betrifft die Eiszeiten. Aus der Sicht eines Bewohners der nördlichen Hemisphäre mögen sie sich wie eine Katastrophe ausnehmen, unter einem planetarischen Gesichtspunkt aber sind sie vielleicht ein idealer Zustand für ein vitaleres Leben. Die globale Kältefreundlichkeit eines vitaleren Eiszeit-Ökosystems stimmt auch mit dem niedrigen CO2-Gehalt – 180 ppm – überein, den man im Innersten der Antarktis festgestellt hat. Es war eine stärkere biologische Kraft, welche die Erde während der Eiszeiten kühl hielt. Das neue Land, das in den Tropen freilag, als der Meeresspiegel sich über 100 Meter unter dem heutigen Niveau befand, muß besiedelt gewesen sein. Und die Ökosysteme der Meere waren vitaler, was sich an ihrem reichlichen Ausstoß von Schwefelgasen zeigte. Die Temperaturschwankungen zwischen den Eiszeiten und den Zwischeneiszeiten könnten die Vibrationen eines Steuerungssystems gewesen sein, das an die Grenzen seiner Regulierungsfähigkeit geraten ist. Sie waren, wenn auch nicht ursächlich, durch die als Melankovic-Effekt bekannten Veränderungen der Sonneneinstrahlung ausgelöst worden. Wenn man die gegenwärtige Zwischeneiszeit unter diesen Aspekten betrachtet, erscheint sie wie ein planetares Fieber, wie ein pathologischer Zustand. Die Umweltverschmutzung durch Treibhausgase und die großflächige Vernichtung von natürlichen Lebensräumen sind in diesem Zusammenhang nur weitere Attacken auf ein geschwächtes System. Bei einer fortlaufenden Zuspitzung der Situation könnte ein plötzlicher Umschwung hin zu einer neuen Homöostasie, möglicherweise bei einer viel höheren Globaltemperatur, geschehen.






Ökumenisch gesehen betrifft Gaia alle Wissenschaften und befindet sich doch jenseits von ihnen. In den letzten Jahren wurde es den Kirchen immer deutlicher bewußt, daß sie ihre Einstellung zur Umwelt, die in biblischen Zeiten angebracht gewesen sein mag, in einer fünf Milliarden Jahre alten Welt nicht mehr länger aufrechterhalten können. Die Erde einfach als Geschenk Gottes zum Nutzen der Menschen anzusehen, reicht nicht aus. Auch die Vorstellung, daß unsere Verantwortlichkeit gegenüber der Erde der Aufgabe eines Verwalters entspräche, öffnet dem Mißbrauch Tür und Tor. Wir selbst, unsere Felder und Weiden, belegen heute schon so viele verfügbare Flächen der Erde mit Beschlag, daß sich Theologen bereits zu fragen beginnen, ob wir als Verwalter das Recht dazu haben, den ganzen Planeten in einen besseren Schweinestall zu verwandeln, egal, wie gut und hygienisch dieser auch geführt wird. Gaia bietet indes eine geeignete Alternative zu dem blinden Glauben an die Menschheit. Bei Gaia sind wir Teil und Teilhaber eines demokratischen Gefüges, dessen Gesetze allerdings auch festlegen, daß Arten, die ihrer Umgebung schaden, durch natürliche Selektion aus der Gemeinschaft entfernt werden. Wenn es uns wirklich um die Menschheit geht, dann müssen wir auch die anderen Organismen respektieren. Wenn wir aber nur an uns Menschen denken und das natürliche Leben auf der Erde unbeachtet lassen, dann haben wir damit den Grundstein für unsere eigene Zerstörung gelegt und für die Zerstörung einer Welt, in der wir leben können. Heute gleichen wir jedenfalls eher den Gerasener Schweinen (vgl. Markus-Evangelium 5,11): Mit unseren umweltverschmutzenden Autos steuern wir einem Meer zu, das sich schon aufgetan hat, uns zu verschlingen.






Die Bemerkung von Arthur Clarke: «Wie unzutreffend, diesen Planeten Erde zu nennen, wo er doch offensichtlich ein Meer ist», zeigt schon die Erkenntnis aus einer Sicht von oben. Kaum jemand befand sich bisher in der bevorzugten Lage von Astronauten, die Erde in ihrem Glanz von oben sehen können. Aber jeder vermag sich über die wissenschaftlichen oder religiösen Grundsätze zu erheben, einen Blick nach unten zu werfen und mit einer Erde so umzugehen, wie es ihr zukommt.






J. L., Sommer 1990









Vorbemerkungen






Ich schreibe in dem Anbau einer ehemaligen Wassermühle, die vom River Carey angetrieben wurde, der sich wiederum in den Tamar und damit ins Meer ergoß. Coombe Mill ist immer noch in Betrieb, nur dient sie heute als Laboratorium, Arbeitsraum und Treffpunkt, und ich verbringe einen Großteil meiner Zeit dort. Von dem Anbauzimmer blickt man auf das Flußtal mit seinen kleinen Feldern und Hecken, die typisch sind für die Landschaft in Devonshire.






Die Beschreibung des Ortes, an dem dieses Buch entstanden ist, ist für sein Verständnis wichtig. Ich arbeite hier, und es ist mein Zuhause. Es bleibt einem gar keine andere Wahl, wenn man an einem so unkonventionellen Thema wie Gaia arbeitet. Die Forschungen und Expeditionen zur Entdeckung von Gaia haben annähernd zwanzig Jahre in Anspruch genommen. Ich bezahle sie von dem Geld, das mir die Erfindung und Entwicklung wissenschaftlicher Geräte einbringt. Ich danke Helen Lovelock für ihre Großzügigkeit, mir dafür den größten Teil unseres gemeinsamen Einkommens zu überlassen. Dankbar bin ich auch für die getreue und beständige Unterstützung der Hewlett Packard Company, die die besten Abnehmer meiner Erfindungen gewesen sind und die Forschungsarbeit erst ermöglicht haben.






Wissenschaftliche Arbeit wird, im Gegensatz zu anderen intellektuellen Tätigkeiten, selten zuhause ausgeübt. Die moderne Wissenschaft ist ebenso professionell geworden wie die Werbebranche. Und wie diese ist sie von einer teuren, ausgeklügelten Technik abhängig. Für einen Amateur ist in der modernen Wissenschaft kein Platz. Doch wie es in Berufen häufig der Fall ist, widmet auch der Wissenschaftler seine Kenntnis öfter den trivialen als den genialen Dingen. Einen Unterschied zu den Medienberufen macht lediglich die fehlende Zusammenarbeit in der Wissenschaft mit selbständig Tätigen aus. Malern, Dichtern und Komponisten fällt es leicht, aus ihren eigenen Bereichen in die Welt der Werbung zu wechseln und umgekehrt. Und beide Welten profitieren davon. Doch wo sind die selbständigen Wissenschaftler?






Man mag den akademischen Wissenschaftler als Pendant des selbständigen Künstlers begreifen. Tatsächlich aber sind fast alle Wissenschaftler bei großen Organisationen wie Regierungsämtern, Universitäten oder multinationalen Unternehmen angestellt. Nur selten haben sie die Freiheit, ihre persönliche Sicht darzustellen. Sie mögen sich für frei halten, aber in Wirklichkeit sind sie fast alle Angestellte. Die Freiheit ihres Denkens haben sie eingetauscht gegen gute Arbeitsbedingungen, ein festes Einkommen, Besitz und Rentenanspruch. Auch sind sie einer Armee von bürokratischen Kräften ausgeliefert, angefangen von den Vermögensberatern bis hin zu Krankenkassen und Versicherungen. Wissenschaftler sind darüberhinaus den Standesregeln ihrer jeweiligen Disziplin unterworfen. Ein Physiker würde eine Chemietätigkeit als Zumutung empfinden, und für einen Biologen wäre die Physik ein Ding der Unmöglichkeit. Zu allem Überfluß ist die «Reinheit» der Wissenschaft in den letzten Jahren immer mehr unter die Kontrolle eines selbsteingesetzten Schiedsgerichtes, so eine Art Wissenschaftsrat, geraten. Diese gutgemeinte, aber engstirnige Gouvernanteninstitution sorgt dafür, daß die Wissenschaftler nach dem konventionellen Denkschema arbeiten und sich nicht durch Neugierde oder Eingebung leiten lassen. Ihrer Freiheit verlustig laufen sie Gefahr, in blasierte Vornehmheit zu verfallen oder wie die Theologen des Mittelalters zu dogmatisch orientierten Kreaturen zu verkümmern.






Als Universitätswissenschaftler wäre es mir nahezu unmöglich gewesen, meine gesamte Zeit der Erforschung der Erde als lebendem Planeten zu widmen. Für eine derart spekulative Forschungstätigkeit wären schon gar keine Gelder bewilligt worden. Wäre ich hartnäckig geblieben und hätte in meiner Mittags- oder Freizeit gearbeitet, dann hätte es sicher nicht lange gedauert, und ich wäre zum Laboratoriumsdirektor vorgeladen worden. Er hätte mich daraufhin in seinem Büro vor den Gefahren für meine Karriere gewarnt, wenn ich mich weiterhin mit einem so unzeitgemäßen Thema beschäftigen würde. Hätte ich dennoch unbeirrbar weitergemacht, wäre ich ein zweites Mal vorgeladen und nunmehr darauf aufmerksam gemacht worden, daß ich den Ruf der Fakultät und die Karriere des Direktors selbst gefährde.






Bei dem ersten Gaia-Buch benötigte ich als einziges Hilfsmittel ein Wörterbuch. Und auch bei dem vorliegenden Werk versuchte ich, auf diese Weise zu arbeiten. Verunsichert wurde ich dabei nur durch die Reaktion einiger meiner Wissenschaftskollegen, die mich dafür schalten, daß ich Wissenschaft auf solche Art darlegte. Die Dinge haben in den letzten Jahren eine seltsame Wendung genommen. Der Kreis hat sich seit Galileis berühmtem Kampf gegen das theologische Establishment fast geschlossen. Heute stellt sich das wissenschaftliche Establishment selbst in die esoterische Ecke und schwingt die Peitsche wider die Ketzer.






Das war nicht immer so. Man fragt sich, was aus jenen schillernden und faszinierenden Persönlichkeiten geworden ist, aus den verrückten Professoren und weisen Doktoren, aus den Wissenschaftlern, die offenbar die Freiheit hatten, sich völlig ungehindert auf allen Wissenschaftsgebieten tummeln zu können? Es gibt sie noch, und in gewisser Weise schreibe auch ich als ein Angehöriger dieser seltenen und gefährdeten Spezies.






Im Ernst: Es war mir gar nichts anderes übriggeblieben, als ein radikaler Wissenschaftler zu werden, erkennt die Wissenschaftsgemeinde doch nur widerstrebend neue Theorien als Tatsachen an, und das mit Recht. Es dauerte nahezu 150 Jahre, ehe die Theorie, daß Wärme ein Maß für die Geschwindigkeit der Moleküle darstellt, ein wissenschaftliches Faktum wurde, und 40 Jahre, bis die Lehre von den tektonischen Platten von der Wissenschaftsgemeinde anerkannt wurde.






Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum ich zuhause arbeite und mich und meine Familie mit allem, was sich mir gerade bietet, über Wasser halte. Das ist keine Strafe, vielmehr eine wunderbare Art zu leben, was Maler und Schriftsteller übrigens schon seit jeher gewußt haben. Wissenschaftskollegen folgt mir: ihr habt nichts zu verlieren außer euren Zuschüssen. Der Hauptteil dieses Buches, Kapitel 2 bis 6, befaßt sich mit einer neuen Evolutionstheorie. Sie bestreitet Darwins großartige Vision nicht, sondern ergänzt sie durch die Beobachtung, daß die Evolution der Arten von Organismen nicht unabhängig von der Evolution ihrer materiellen Umgebung abläuft. In der Tat sind Arten und Umwelt eng miteinander verbunden und entwickeln sich als Gesamtsystem. Was ich darstellen werde, ist die Evolution des größten lebenden Organismus, Gaia.






Die ersten Gedanken zu Gaia kamen mir, als ich in Norman Horowitz' biowissenschaftlicher Abteilung im Jet Propulsion Laboratory arbeitete. Unsere Aufgabe war es, nach Leben auf anderen Planeten zu suchen. Diese Anfangsgedanken kamen 1968 kurz im Rahmen einer Tagung der American Astronautical Society zur Sprache und wurden dann 1971 ausführlicher in einem Schreiben an Atmospheric Environment dargelegt. Doch erst zwei Jahre später gewann das Gerüst der Gaia-Hypothese im Anschluß an eine intensive und fruchtbare Zusammenarbeit mit der Biologin Lynn Margulis an Gehalt und Leben. Die ersten Abhandlungen wurden in den Zeitschriften Tellus und Icarus veröffentlicht, deren Herausgeber der Sache wohlwollend gegenüberstanden und bereit waren, unsere Vorstellungen diskutieren zu lassen.






Lynn Margulis ist die zuverlässigste und beste unter meinen Kollegen. Zu meinem Glück stellt sie mit ihrem weiten Verständnis für die lebende Welt und deren Umgebung auch eine Ausnahme unter den Biologen dar. In einer Zeit, in der die Biologie sich in dreißig oder mehr enge Spezialgebiete aufgespalten hat, in denen jeder stolz ist auf seine Unkenntnis in anderen Wissenschaften, ja sogar in anderen biologischen Disziplinen, bedurfte es eines Menschen mit Lynns seltener Sichtweite, um einen biologischen Kontext für Gaia zu erstellen.






Manchmal, in Augenblicken überschwenglichen Mitgefühls mit dem Leben auf Erden, vertraue ich mich Lynns Führung an und übernehme die Rolle als «gewerkschaftlicher Vertrauensmann» für die Mikroorganismen und die geringeren, unterrepräsentierten Lebensformen. Sie waren es, die diesen Planeten über 3,5 Milliarden Jahre hinweg lebensfähig erhalten haben. Die Streicheltiere, die Wildblumen, die Menschen, sie alle verdienen Beachtung. Und doch wären sie ein Nichts ohne die weitläufige Infrastruktur der Mikroben.






Nach fast 20 Jahren Entwicklungsarbeit an einer Theorie über die Erde als lebenden Organismus – wo die Evolution der Arten und ihrer materiellen Umgebung trotz natürlicher Auslese eng miteinander verbunden sind – ist es praktisch unvermeidlich, auch einen Blick auf die Probleme der Verschmutzung und der Verschlechterung der Umwelt durch die Menschen zu werfen.






Die Gaia-Theorie erfordert eine globale Perspektive. Entscheidend ist die Gesundheit des Planeten und nicht die irgendeiner einzelnen Art von Organismen. An diesem Punkt stimmt das Konzept von Gaia nicht mehr mit den Umweltbewegungen überein, die sich in erster Linie mit der Gesundheit der Menschen beschäftigen. Die Gesundheit der Erde ist am meisten durch die gewaltigen Veränderungen im natürlichen Ökosystem gefährdet. Als Hauptquellen dieser Umweltschäden werden Land- und Forstwirtschaft sowie in geringerem Umfang der Fischfang angesehen. Die Folge ist das unaufhaltsame Ansteigen der Treibhausgase Kohlendioxyd, Methan und einiger anderer, die demnächst folgen. Die Geophysiologen erkennen wohl die Zerstörung der Ozonschicht in der Stratosphäre und die gleichzeitige Gefahr des Anstiegs von kurzwelliger, ultravioletter Strahlung, oder das Problem des sauren Regens. Sie werden als reale und potentiell ernsthafte Gefahren angesehen, hauptsächlich jedoch für die Menschen und Ökosysteme der westlichen Industrienationen – ein Gebiet, das aus der Gaia-Perspektive eine klar zu vernachlässigende Größe darstellt. Vor nur 10.000 Jahren lag es noch unter Gletschern begraben oder war eine eisige Tundra. Das scheinbar größte Problem, die radioaktive Strahlung, ist für Gaia von untergeordneter Bedeutung, so schrecklich sie auch für etliche Menschen sein mag. Vielen Lesern könnte es so vorkommen, als würde ich jene Umweltwissenschaftler nicht ernstnehmen, für die diese Bedrohungen der menschlichen Existenz zur Lebensaufgabe geworden sind. Das ist nicht meine Absicht. Ich will lediglich für Gaia eintreten, denn das tun nur wenige verglichen mit den vielen, die sich für die Menschen einsetzen.






Aufgrund dieser unterschiedlichen Gewichtung, die eher ein Problem für den Planeten darstellt als für uns, wurde mir klar, daß man wahrscheinlich einen neuen Berufszweig schaffen müßte, den der planetarischen Medizin. Ich bin dem Historiker Donald McIntyre zu Dank verpflichtet, der mir schrieb, daß es James Hutton war, der im 18.Jahrhundert als erster die Idee der globalen Physiologie eingeführt hatte. Die Physiologie war die erste medizinische Wissenschaft, und eines der Ziele dieses Buches ist es, die «Geophysiologie» als Grundlage für eine globale Medizin zu etablieren. In diesem frühen Stadium unseres Verständnisses von der Erde als einem physiologischen Wesen benötigen wir Allgemeinmediziner, keine Spezialisten. Wir sind in derselben Lage wie die Ärzte vor dem Aufkommen der Antibiotika; noch in den dreißiger Jahren vermochten sie den Patienten, die an einer Infektion litten, kaum mehr als Erleichterung bei den Symptomen zu verschaffen. Heute sind die Haupttodesursachen aus der Anfangszeit dieses Jahrhunderts – Tuberkulose, Diphtherie, Keuchhusten, Lungenentzündung – stark zurückgegangen. Die Ärzte haben sich heute meist mit degenerativen Krankheiten wie Herz- und Gefäßleiden oder Tumorbildungen auseinanderzusetzen. Gewiß hat das Auftauchen des HIV-Virus unser Vertrauen erschüttert, die Medizin könne alle Krankheiten heilen. Dennoch haben wir den Status der Hilflosigkeit aus den Tagen vor 1940 weit hinter uns gelassen.






Hinsichtlich der Gesundheit der Erde befinden wir uns heute in derselben Situation wie früher die Ärzte. Es gibt Spezialgebiete wie Biogeochemie, theoretische Ökologie und Entwicklungsbiologie, doch sie haben dem engagierten Umweltarzt oder dem Patienten nicht mehr anzubieten als die entsprechenden Wissenschaften Biochemie oder Mikrobiologie im 19. Jahrhundert.






Bei ihrer Graduierung müssen die Ärzte den Hippokratischen Eid ablegen. Er schließt die Verpflichtung mit ein, nichts zu tun, was dem Patienten schadet. Einen ähnlichen Eid müßten auch vorgebliche Globalmediziner ablegen, um ärztliche Kunstfehler auszuschalten. Der Eid sollte die Übereifrigen davon abhalten, eine Therapie anzuwenden, die mehr schadet als nützt. Nehmen wir zum Beispiel ein Industrieunglück, bei dem ein ganzes Gebiet mit irgendeinem krebserregenden Stoff verseucht wird. Der Grad der Verseuchung ist leicht festzustellen, das Risiko für die in dieser Region lebenden Menschen kalkulierbar. Soll man die gesamte Ernte und den Viehbestand in dem Gebiet vernichten, um den Risiken, die ihr Verzehr birgt, vorzubeugen? Oder soll man stattdessen der Natur freien Lauf lassen? Oder sollte man nach einer weniger massiven Mittellösung suchen? Ein Vorfall aus jüngster Zeit demonstriert, wie die angewandte Methode ohne Einwirkung des Globalarztes ernstere Konsequenzen nach sich zog als das Gift selbst. Ich beziehe mich auf die Tragödie im schwedischen Lappland, wo man im Gefolge des Tschernobyl-Unfalles Tausende von Rentieren, die Nahrung der Lappen, tötete. Man hatte das Fleisch wegen seines zu hohen radioaktiven Gehalts als zum Verzehr ungeeignet befunden. War der brutale Eingriff in eine sensible Kultur und das von ihr abhängige Ökosystern gerechtfertigt angesichts einer leichten radioaktiven Verseuchung? Oder waren die Folgen der «Therapie» schlimmer als die ferne, theoretische Krebsgefahr für einen kleinen Teil der Bevölkerung?






Im Anschluß an ein Kapitel über diese Umweltproblematik folgt der letzte Teil des Buches, der sich mit einigen Spekulationen über den Einsatz eines geophysiologischen Systems auf dem Mars befaßt. Weil das erste Gaia-Buch auch ein Interesse an den religiösen Aspekten von Gaia weckte, versuchte ich, in einem weiteren Kapitel ein paar der schwierigen Fragen zu beantworten, die aufgetaucht sind. Auf diesem ungewohnten Terrain kam mir die starke, moralische Unterstützung der Lindisfarne Fellowship zugute, insbesondere ihrer Gründer William Irwin Thompson und James Morton, sowie die Freundschaft mit anderen Mitgliedern wie Mary Catherine Bateson, John und Nancy Todd und Steward Brand, dem langjährigen Herausgeber von CoEvolution Quarterly.






Seit den Tagen, als ich zu schreiben anfing und mir erstmals Gedanken über Gaia machte, wurde ich beständig daran erinnert, wie oft dieselben allgemeinen Überlegungen schon angestellt worden sind. Besonders gut konnte ich mich in die Schriften des Ökologen Eugene Odum einfühlen. Sollte ich versehentlich frühere «Geophysiologen» beleidigt haben, indem ich ihren Schriften keinen Glauben schenkte, bitte ich um Verzeihung. Ich weiß, daß es eine große Zahl weiterer Denker geben muß, wie beispielsweise den bulgarischen Philosophen Stephen Zivadin, die bereits vor mir viel dazu gesagt und keine Beachtung gefunden haben.






Ich schätze mich glücklich, Freunde zu haben, die die Kapitel des Buches nach seiner Fertigstellung lasen und kritisierten. Peter Fellgett, Gail Fleischaker, Robert Garrels, Peter Liss, Andrew Lovelock, Lynn Margulis, Euan Nisbet, Andrew Watson, Peter Westbroek und Michael Whitfield; sie alle gaben mir ihren eingehenden und geistreichen wissenschaftlichen Rat. Gleichermaßen dankbar bin ich meinen Freunden, die das Buch auf seine Lesbarkeit hin überprüften: Alex und Joyce Andrew, Stewart Brand, Peter Bunyard, Christine Curthoys, Jane Gifford, Edward Goldsmith, Adam Hart-Davis, Mary McGowan und Elizabeth Sachtouris. Moralische und materielle Unterstützung, besonders für das Konzept der Globalmedizin, erhielt ich seit 1982 von der United Nations University über ihren Program Officer Walter Shearer.






Ich neige beim Schreiben dazu, Textblöcke zu verfassen, die ähnlich den Mustern eines Mosaiks nur aus der Distanz besehen einen Sinn ergeben. Erst die geschickte und geschätzte Hand von Jackie Wilson, die bei der Herausgabe des Manuskripts meine Sätze neu ordnete, machte den Text lesbar.






«The Commonwealth Fund Book Program» versetzte mich durch seine großzügige Unterstützung in die Lage, die notwendige Zeit zur Entwicklung der Ideen aufzubringen und das Buch zu schreiben. Besonders dankbar bin ich dabei Lewis Thomas und den beiden Herausgebern Helene Friedman und Antonina Bouis für ihre warmherzigen Ermunterungen und ihren moralischen Zuspruch.






Und doch hätte dieses Buch nicht entstehen können ohne den uneingeschränkten Beistand und die Liebe von Helen und John Lovelock.


Siehe auch:


Im Gespräch mit James Lovelock



James Lovelock: Unsere Erde wird überleben



James Lovelock: Gaias Rache – Warum die Erde sich wehrt



Elisabet Sahtouris: Gaia – Vergangenheit und Zukunft der Erde