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Andreas Meißner
Mensch, was nun?

Wie wir der ökologischen Krise begegnen – können


Münster 2009 (Monsenstein und Vannerdat); 309 Seiten; ISBN: 978-3 86582-902-3






Dieses Buch thematisiert die globale Krise, auf die wir unweigerlich zugehen – ja, auch wir privilegierten Bürger der Noch-Wohlstandsnationen. Dabei geht es dem Autor – von Beruf Psychiater und Psychotherapeut – vor allem um die psychologische Frage: Wie reagieren wir auf die Nachricht von der globalen Gefahr? Wie gehen wir mit der Einsicht um, dass es so nicht weitergehen kann, dass sich etwas ändern muss, dass WIR uns ändern müssen? Wie handeln wir? Was hindert uns am Handeln?

»Der Ritt durch die Disziplinen der Evolutionslehre, der Physik mit ihren Grundsätzen der Thermodynamik, der Biologie, Soziologie, Psychologie und Psychotherapie mag überbordend und überfordernd wirken. Andererseits war die Zusammenschau von Erkenntnissen aus vielen Bereichen hilfreich dafür, ein Bild von der ökologischen Krise zu bekommen, das über das unbehagliche Gefühl des Bedroht- und Gelähmtseins hinausweist.

Es mag übertrieben erscheinen, von einer nicht mehr abwendbaren ökologischen Krise zu sprechen. Aber der tägliche Blick in die Zeitung belegt (leider) das Gegenteil. Trotz im Vordergrund stehender Finanz- und Wirtschaftskrise bleiben die Meldungen zur Ökokrise nicht aus. Das macht hier auch den Unterschied aus: die Finanzkrise mit ihren Folgen hat sich relativ rasch und abrupt entwickelt, die Ökokrise entwickelt sich schleichend schon länger und wird uns ebenso schleichend vor viel größere Probleme stellen.

Dabei geht es jetzt nicht mehr darum, wer mit welchen Szenarien nun Recht hat oder nicht. Auch über die Bedeutung von CO2 oder die Frage des menschlichen Einflusses auf das Ökosystem zu streiten, ist müßig, dafür liegen mittlerweile zu viele eindeutige Fakten vor. Es geht vielmehr darum, was jetzt geschehen müsste oder zumindest könnte, und wie der Einzelne sich dazu verhält.

(…) Ausgehend von der eigenen Profession, der Beschäftigung mit seelischen Krisen und Krankheiten, war es sehr anregend, sich in die Nachbarwissenschaften (…) themenbezogen einzuarbeiten und hier viel Neues zu lernen und zu verstehen, und schließlich auch von dieser Seite ungeahnterweise wieder zur Bedeutung der zwischenmenschlichen Beziehungen und der inneren Seelenpflege für das eigene Krisenmanagement zurückzukehren, was ja auch im therapeutischen Alltag im Zentrum der Bemühungen steht. (…) Erstaunlich jedenfalls ist es zu sehen, wie viele Disziplinen sich hier schon mit ganz ähnlichen Fragen beschäftigt haben, etwa auch mit Entropie, Werten, Selbsttranszendenz und menschlichen Verhaltensmustern. Das Buch ist daher auch ein Versuch, hier ein paar Mosaiksteinchen zusammen zu tragen, wenngleich vieles sicher unvollständig bleibt und sich vielleicht auch ein paar Fehler eingeschlichen haben.

Von allen Perspektiven jedoch führt der Weg zum Einzelnen selbst und zu den persönlichen Bewältigungsstrategien, was mir aus der therapeutischen Praxis vertraut ist. Die skizzierten Überlegungen zu einer angemessenen Haltung im Angesicht der aktuellen Situation bleiben zwangsläufig vage und unvollständig. Das darf auch ruhig so sein. Es ist gerade ein notwendiger Teil der Überwindung der Ohnmachtsgefühle, innere Zweifel im Angesicht der ökologischen Krise anzunehmen. Patentrezepte hat auch der Psychiater nicht (…). Wir stehen erst am Anfang der Herausforderung, uns dieser außergewöhnlich schwierigen Lage stellen zu müssen, die noch dazu evolutionär gesehen eine völlig neue für uns ist. Die Freiheit, sich selbst ein Urteil zu bilden, eigene Bewertungen anzustellen, nicht übermäßig zu katastrophisieren ohne aber andererseits nur weiter die Realität auszublenden, und die Freiheit, aus der eigenen Isolation, dem Gefangensein in den eigenen Sorgen heraus aktiv zu werden, haben sich für mich zumindest als sehr hilfreich erwiesen, Ohnmacht und Lähmung im Angesicht der ökologischen Krise zu überwinden. Sicher haben Sie jedoch schon eigene Strategien entwickelt, damit umzugehen. Lassen Sie es mich wissen, vielleicht können dann auch andere wieder daran teilhaben.«


(Aus dem Nachwort)


Andreas Meißner


geboren 1965, studierte Medizin in Erlangen und Rennes/Frankreich; Promotion 1996. Veröffentlichung etlicher Fachartikel auf psychiatrischem Fachgebiet, etwa zu Fragen der Wiedereingliederung psychisch Kranker durch eine Übergangseinrichtung, zur psychogenen (somatoformen) Schmerzstörung sowie zu psychischen Bewältigungsmöglichkeiten der ökologischen Krise. Meißner ist in eigener Praxis in München tätiger Psychiater und Psychotherapeut mit den Arbeitsschwerpunkten psychiatrische Versorgung, existenzielle Psychotherapie sowie Begutachtung.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung






I. Lange Wege in die Krise






Die ökologische Krise – Fakten, Risiken und Folgen



Immer mehr CO2 wird nach oben gejagt – Zunehmende Hitze, abnehmende Gletscher – steigende Meeresspiegel – Klimakiller Energieerzeugung, Verkehr, Landwirtschaft und Internet – Die Spitze der Ölförderung ist erreicht, die Spitze des Ölpreises noch lange nicht – Scheinlösungen der Energiesüchtigen – Satt werden oder Auto fahren – Knappheit weiterer Rohstoffe – Noch sterben nur Tier- und Pflanzenarten aus – Der Menschheit zu große Füße – Zunehmende Spannungen, drohende Rohstoffkriege – Die Zeit wird knapp, nur noch wenige Jahre bleiben – Akutes Beispiel einer globalen Krise: Der Finanzmarkt – Gefährdete Demokratie – Alles nur Hysterie?






Entwicklung hin zur Komplexität – Der Weg der Evolution



Kleine Gruppen und großes Hirn: So wird der Mensch – Vorteile der Intelligenz – Die folgenreiche landwirtschaftliche Revolution: Eine evolutionäre Fehlanpassung? – Macht durch fossile Brennstoffe – Paradigma der Evolution






Vieles komplizierter, wenig besser – Entropie



Statt mehr Ordnung nur viel mehr Unordnung – Höhere Komplexität und Spezialisierung – Entropiebeispiel Gesundheitswesen – Arbeit ruiniert die Welt? – Alles kein Problem durch Sonnenenergie?






Nicht können und nicht wollen – Die Biologie und Psychologie des Nichtstuns



Wahrnehmungsstörungen – Das Hirn liebt einfache Erklärungen, nicht Komplexität – Vorprogrammierter Eigennutz statt Altruismus – Der Mensch: von Natur aus kooperativ? – Die Rolle der Aggression – Relikte aus früherer Zeit – Zu wenig spürbar, zu weit weg und zu komplex: Die Psychologie des Nichtstuns – Andere tun ja auch nichts, und alleine bin ich machtlos – Solange nichts passiert muss man ja nichts tun: Das Beispiel der Finanzkrise – Verleugnung als zentraler Abwehrmechanismus – Verleugnung der Umweltgefährdung – Funktion der Verleugnung – Was aus dieser Verleugnung werden kann – Das Ende unerfüllten Begehrens: Zur Rolle des Todestriebs – Die Psychologie des Zuvieltuns – Weniger Geselligkeit, mehr Depressionen – Seelische Krankheiten: Eine Epidemie des 21. Jahrhunderts? – Die Ökokrise aus psychiatrischer Sicht






Was nun?






II. Fragliche Wege aus der Krise






Trügerische Hoffnungen – Lösungsvorschläge von Experten



Der zentrale Begriff: Nachhaltigkeit – Viele allgemeine Forderungen, wenige konkrete Modelle – Vertrauen in Technik, Wirtschaft und Politik – Soziale Bewegungen, Organisationen und Netzwerke – Konkrete Vorbilder statt anonymem Internet – Der Einzelne ist gefragt






Neue Werte braucht die Welt – Ein soziologischer Exkurs



Wunschvisionen, Aufbau von Netzwerken, Wahrhaftigkeit, Lernbereitschaft und Nächstenliebe – Was brauchen wir überhaupt? – Werteentstehung durch emotionales Ergriffensein – Selbsterfahrung und Selbsttranszendenz – Rolle von Vorbildern bei der Wertevermittlung – Empathie im Umgang mit unterschiedlichen Wertvorstellungen






Die ökologische Krise ist unabwendbar



Szenario der unaufhaltbaren Krise: Das 30-Jahre-Update zu „Grenzen des Wachstums“ – Warum die Krise nicht abzuwenden ist – Selbstheilungskräfte des Systems Erde – Verzweifelte Hoffnungen, realistische Ziele






III. Eigene Wege in der Krise






Katastrophen im Kleinen und Großen – Eigenes Krisenmanagement



Phasen des Krisenverlaufs – Nachhaltiges Krisenmanagement mit offenem Ausgang – Niedergang und Aufbruch – Haltung im Kleinen zur Bedrohung im Großen – Vielfältige Chancen der ökologischen Krise






Die vier letzten Dinge – Die existenzielle Sichtweise



Zurückgeworfen auf sich selbst – Die Rolle der zwischenmenschlichen Beziehungen – Isolation – Tod – Freiheit – Sinn – Die Kluft zwischen innen und außen – Grenzen des existenziellen Ansatzes – Zweifel des Psychiaters






Trotzdem – Trotz dem! – Überwindung von Ohnmacht und Lähmung



Vom Gegenwillen zum kreativen Willen – Bei sich sein – Antiresignative Perspektiven der ökologischen Krise






Nachwort und Dank



Anmerkungen, Quellenangaben, Literatur


Leseprobe


Einleitung






Der Klimawandel ist permanent Thema in den Medien. Die Energie- und Lebensmittelpreise steigen, die Ölquellen haben vielleicht schon den Höhepunkt ihrer Erschließbarkeit überschritten. Das Artensterben nimmt rapide zu. In vielen Ländern droht bzw. besteht bereits ein Trinkwassermangel, Konflikte um die verbleibenden Ressourcen sind schon im Gang. Der Begriff der Nachhaltigkeit ist kein Fremdwort mehr, ein globaler Marshallplan soll aufgelegt werden, von einer moralischen und geistigen Herausforderung für die ganze Menschheit spricht Friedensnobelpreisträger Al Gore.






Obwohl diese Themen mittlerweile nahezu täglich in den Medien diskutiert werden, fällt ansonsten ein großes Schweigen auf. Im privaten oder beruflichen Kreis wird kaum darüber gesprochen. Ängste um den Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen, das kaputte Auto, gesundheitliche Probleme, Beziehungspflege in der Partnerschaft, Sorgen für eine gute Ausbildung der Kinder, Alltagsorganisation und Freizeitplanung, all das sind für die meisten Menschen die wichtigsten Anliegen, es betrifft einen ja auch direkt jeden Tag. Ein Unbehagen, aber auch eine große Ohnmacht wird dabei verspürt – wie die Lähmung vor dem Aufprall, wenn der nicht mehr zu verhindern ist. Derweilen boomt die Freizeitindustrie: der Flugverkehr feiert neue Rekorde, die Motoren unserer Autos werden auch in den letzten Jahren noch leistungsstärker und Sprit fressender. Um trotz Erwärmung Ski fahren zu können, laufen die Beschneiungsanlagen auf Hochtouren und verbrauchen Wasser in großstädtischem Ausmaß.






Traut man sich doch, ökologische Themen anzusprechen, geht man das Risiko ein, als Spielverderber, Verbreiter schlechter Laune und besserwisserischer Moralist oder als noch nicht ausgelastet genug zu gelten. Eine eher peinliche Stimmung entsteht dabei. Also schweigt man mit, obwohl soviel dazu zu sagen, zu überlegen und zu diskutieren wäre.






Solaranlage auf dem Dach, weniger und sparsamer Autofahren, weniger oder keine Flugreisen mehr unternehmen, öfter mal den Zug und öffentliche Verkehrsmittel benutzen, Wasser sparen, Heizung besser einstellen, Bioprodukte kaufen, das Kreuz bei der Wahl an der vermeintlich richtigen Stelle machen, Bücher mit 50 Tipps zum Verändern dieser Welt studieren, Al Gore‘s Film »Eine unbequeme Wahrheit« ansehen, all das ist schön und gut, aber reicht das?






Sicher könnte man auch einer Partei beitreten, doch nicht jedem steht der Sinn nach langen Hinterzimmerdiskussionen und parteitaktischem Geplänkel. Über 80 Prozent der Bevölkerung haben daher kein Interesse daran. Die Partei der Grünen verzeichnet zumindest leichte Stimmenzuwächse; es entstehen mehr Initiativen von Menschen, die alldem nicht mehr so zusehen wollen, immer mehr Bücher über Nachhaltigkeit und neue Lebenskonzepte erscheinen; Organisationen wie Greenpeace, Bund Naturschutz und andere machen mehr von sich reden, neue Internetportale und Zeitschriften preisen den nachhaltigen Konsum als neuen Lebensstil an.






Selbst die konservativen Parteien haben den Klimawandel, die Umweltverschmutzung und zur Neige gehenden Rohstoffe als Problem erkannt. Und mit Barack Obama ist nun ein großer Hoffnungsträger Präsident der USA geworden, von dem man sich entscheidende umweltpolitische Akzente verspricht. Man könnte also meinen, alles geht in die richtige Richtung, nachdem ja schließlich auch auf die Finanzmarktkrise 2008 politisch! reagiert wurde.






Aber wir haben 30 Jahre verloren, meint Dennis Meadows, Mitautor des Berichts an den Club of Rome 1972. Seitdem wird prognostiziert, dass die ökologische Krise zunächst über eine Nahrungsmittelknappheit spürbar werden wird, so wie viele Menschen, vor allem in ärmeren Ländern, das bereits erleben. Die Zukunft hat begonnen, es geht nicht mehr nur um kommende Szenarien. Wir sind konfrontiert mit der Endlichkeit: der Endlichkeit der Ressourcen sowie des Planeten.






Vielleicht müssen wir damit zunächst so umgehen wie mit der Perspektive der eigenen Endlichkeit: sie nämlich bestmöglich, wider besseren Wissens, ausblenden und verleugnen. Denn erstaunlich ist es schon, dass die Menschen zwar wissen, wie es um sie steht, aber trotzdem weiter alles tun, was ihre Existenzgrundlage vernichtet. Viel davon ist in uralten Wahrnehmungs- und Handlungsprogrammen angelegt, evolutionsbiologisch mitgebracht aus einer anderen Zeit, aber auch psychologische Effekte spielen eine Rolle. Probleme wie Klimawandel oder ausgehendes Öl erscheinen noch als weit weg und wenig greifbar.






Daher sind sie nun in den Schatten der aktuell konkreten und spürbaren Finanz- und Wirtschaftskrise geraten, die plötzlich schnelle politische Aktionen und die Bereitstellung von Milliardenbeträgen bewirken kann. Die akuten Probleme führen uns bereits deutlich vor Augen, wie schlimm es kommen kann, wenn man das »immer mehr und immer schneller« nicht freiwillig aufgeben will (vielleicht wird es sogar einmal ein Aufatmen geben, wenn es ein Ende hat mit Autos und Asphalt, Konsum und Kredit, immer mehr Wachstum und Wohlstand). Die Krise heute ist daher letztlich Teil der ökologischen Problematik und dem zugrunde liegenden Weltbild der Naturbeherrschung und -ausbeutung.






Die Hoffnung, die Krise politisch und technisch lösen zu können, trügt. Gerade auch Naturwissenschaftler verweisen eher auf Werte, die es zu erneuern gelte. Wenn man aber berücksichtigt, wie wenige Vorbilder es in den letzten Jahren gegeben hat, die diese Werte – etwa Nächstenliebe, Empathie, weniger Konkurrenz, dafür Offenheit und Lernbereitschaft vorgelebt haben, erscheint auch dies kaum als allgemein möglicher Ausweg. Zu fest verankert sind im Menschen in Jahrmillionen erprobte Verhaltensweisen, die lange sinnvoll und nötig zum Überleben waren, aber in einer erst seit kurzem völlig veränderten Lebenswelt nicht mehr tauglich sind. So kommen wir heute mit zeitlich und räumlich kurzfristigem Denken nicht mehr weiter.






Doch viele Möglichkeiten gibt es nicht. Es lohnt sich, die von Experten vorgeschlagenen Wege zur Lösung oder wenigstens Linderung der ökologischen Krise anzusehen, selbst wenn man dann zu dem Schluss kommen muss, dass die Wahrscheinlichkeit ihrer erfolgreichen Umsetzung sehr gering ist. Für große Gesetzespakete, wie sie gegen die Finanzkrise rasch verabschiedet werden, ist die ökologische Krise noch zu abstrakt, zu wenig greifbar, und uns in den reichen Ländern zu wenig betreffend.






Jedem einzelnen bleibt es dennoch offen, sich an den bereits zahlreich existierenden Lösungsvorschlägen zu orientieren, sich aus der Masse heraus zu bewegen, eigene Entscheidungen zu treffen, aus der eigenen Freiheit und Verantwortung heraus, was vielleicht in Zeiten allgemeiner Sinnkrise sogar wieder Orientierung und Befriedigung geben kann. Krisen können einen in diesem Sinne vorwärts bringen.






Global gesehen jedoch stehen wir vor der schweren Aufgabe, es aushalten zu müssen, dass sich die bedrohliche Entwicklung wohl allenfalls verzögern, nicht jedoch umkehren lassen wird. Dies zu begründen und trotzdem eine angemessene, lebenswerte Haltung dazu zu entwickeln ist Ziel dieses Buches. Es ist zu spät, schmerzhafte Veränderungen zu verhindern. Nur zugeben will das offiziell niemand, um sich nicht unbeliebt zu machen und als Apokalyptiker zu gelten. In den meisten Publikationen zum Thema wird – bei allen Warnungen – dann doch ein Optimismus herausgestellt, der völlig unbegründet ist. Daher soll dieses Buch trotz der vielen Informationen kein Fachbuch sein, sondern eine Streitschrift, die gerne provozieren mag. Nicht jeder wird der These zustimmen, dass die globale Krise nicht abzuwenden ist, sondern sich eher noch zuspitzen wird.






Zumindest deuten sich schon Strukturen für eine Zeit nach einschneidenden Umbrüchen an, die statt Verzicht eher einen Gewinn an Lebensqualität darstellen können – vorausgesetzt, die Umwälzungen verlaufen nicht zu heftig.






Ausgehend von der eigenen Profession als Psychiater und Psychotherapeut, also der Beschäftigung mit seelischen Krisen und Krankheiten, möchte ich versuchen, das bisherige ökologische Krisenmanagement zu beleuchten und dabei auch nachzuzeichnen, auf welchen Wegen wir eigentlich in das aktuelle Dilemma geraten sind. Die leitenden Fragen dabei sind, ob wir Menschen biologisch und psychologisch überhaupt in der Lage wären, unser Verhalten noch entscheidend zu ändern, und welche Haltung wir zu der Schlussfolgerung einnehmen, dass die globale Krise wohl kaum mehr abzuwenden ist, ohne in Resignation verfallen.






Viele Menschen sind stark verunsichert. Das Misstrauen in Politik, Wirtschaft und Technik ist groß. Man braucht kein Umweltspezialist zu sein, um sich ein Bild von der Situation und der Unzulänglichkeit vieler Lösungsvorschläge zu machen. Es genügen eine gut recherchierende Tageszeitung, ergänzende Informationen anderer Medien sowie entsprechende Fachliteratur. Nur ist es nötig, die oft zusammenhanglos nebeneinander stehenden Meldungen und Berichte zusammenführen. Mein Ausgangspunkt ist daher zusätzlich der des täglich Infonnationen aufnehmenden, zunehmend ökologisch besorgten Bürgers, aber immer unter dem Blickwinkel der das menschliche Verhalten entscheidend steuernden psychischen Mechanismen. Die zahlreichen Fußnoten zum Quellenbeleg der vielen einzelnen Informationskörnchen können gerne zunächst überlesen, vielleicht dann später nochmals nachgeschlagen werden.






Für die realistische Beurteilung von Therapie und Prognose ist zuvor eine genaue diagnostische Untersuchung erforderlich, um nicht zu falschen Schlüssen zu kommen. Im ersten Kapitel wird daher die ökologische Krise mit vielen Zahlen und Fakten, die zum Zeitpunkt des Verfassens dieses Buches verfügbar waren, sowie mit den möglichen Folgen nochmals kompakt dargestellt. Etliche Zusammenhänge und Querbezüge ergeben sich daraus, etwa zur aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise.






Wenn dies zu deprimierend ist, zu ausführlich erscheint oder die Informationen schon bekannt sind, dann sollten wohl besser gleich die darauf folgenden Kapitel zur Evolution und Entropie aufgeschlagen werden. Hier lässt sich nachvollziehen, auf welchem Weg der Mensch eigentlich in das aktuelle, in diesem Ausmaß bisher einmalige Dilemma geraten ist, nachdem wir die meiste Zeit unseres Daseins auf diesem Planeten eingebettet in natürliche Kreisläufe gelebt haben, und welche grundlegenden Grenzen unserem heutigen Ressourcen- und Energieverbrauch gesetzt sind.






Dies führt weiter zu der Frage, warum uns die so dringend nötige Verhaltensänderung so schwer fällt, obwohl wir doch eigentlich wissen oder zumindest ahnen, wie es um den Globus steht. Biologische und psychologische Mechanismen, etwa der Verleugnung oder des Weges mit geringstem Aufwand, spielen hier die entscheidende Rolle. Dies wird noch klarer, wenn man sich im darauf folgenden Kapitel die Lösungsvorschläge von Experten anschaut. Deutlich wird dabei, dass es nicht genügt, sich nur auf die Machthabenden und Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verlassen; letztlich läuft es auf die Verantwortung des Einzelnen hinaus (was für den Therapeuten immer ein spannender Ansatz ist), und auf einen nötigen, aber kaum möglich erscheinenden Wertewandel. Doch wir werden anschließend sehen, dass die Werteentstehung ein komplexer und langwieriger Prozess ist, der auch von Emotionen abhängt.






An dieser Stelle kann der Schlussfolgerung, dass die globale Krise nicht abwendbar ist, nicht mehr ausgewichen werden. Dies erzeugt zwangsläufig auch eine innere Krise, die ein eigenes Krisenmanagement erfordert. Mit Bezug auf existenzielle Angelegenbeiten, mit denen wir auch im privaten Leben konfrontiert sind, etwa den Fragen nach der Begrenztheit des Lebens und seinem Sinn, wird schließlich versucht, die Überwindung von Ohnmacht und Lähmung zu ermöglichen und eigene kreative Lösungen anzuregen. Denn es lohnt sich, die Chancen zu betrachten, die in dieser wie jeder Krise liegen.






Dazu gibt es einige Überlegungen, die uns im Angesicht der scheinbar übermächtigen ökologischen Krise Entlastung verschaffen können: etwa dass wir uns befreien dürfen von dem Druck, dass wir, die wir heute leben, alleine ursächlich schuld an der Misere sind, und von der belastenden Meinung, dass wir nun nach der langen Entwicklung, die uns zum heutigen Punkt geführt hat, diese nun in kürzester Zeit aufhalten müssten. Daher ist dieses Buch vielleicht gar nicht so negativ und frustrierend, wie es zunächst den Anschein hat.