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Luisa Neubauer, Alexander Repenning
Vom Ende der Klimakrise

Eine Geschichte unserer Zukunft


Stuttgart 2019 (Tropen/Klett-Cotta); 304 Seiten; ISBN 978-3-608-50455-2






»Wir haben den größten Teil unseres Lebens noch vor uns. Und wir befürchten das Schlimmste. Doch wir haben nicht vor, uns unsere Zukunft nehmen zu lassen. Also nehmen wir die Sache selbst in die Hand und fangen damit an, die Geschichte unserer Zukunft selbst zu schreiben.

Dafür müssen wir verstehen, was vorgeht. Verstehen, was diese Klimakrise ist, von der jetzt alle sprechen. Verstehen, was sich verändert. Verstehen, wie ein Ende dieser Krise aussehen kann. Deshalb schreiben wir dieses Buch.

Wir freuen uns, dass du dieses Buch in den Händen hältst. Weil das Buch aber nur ein erster Schritt ist, ermutigen wir dich, direkt den zweiten zu gehen: Nimm es zum Anlass, mit anderen ins Gespräch zu kommen. Mit Freund*innen oder Fremden, mit Menschen, die deine Perspektive teilen, und mit Menschen, die das nicht tun. Große Veränderungen sind möglich. Aber nur dann, wenn wir alle miteinander ins Gespräch kommen. Nicht nur du bist gefragt, sondern wir alle. Die ganze Gesellschaft.«

(Vorwort)


Luisa Neubauer


geboren 1996 in Hamburg, ist eine der Hauptorganisatorinnen von Fridays for Future. Sie setzt sich bei verschiedenen NGOs u.a. für Klimaschutz, Generationengerechtigkeit und gegen Armut ein. 2018 lernte sie bei der UN-Klimakonferenz die schwedische Schülerin Greta Thunberg kennen und war eine von vier deutschen Delegierten beim Jugendgipfel der G7-in Kanada. Die Geographie-Studentin lebt in Göttingen und Berlin.




Alexander Repenning


geboren 1989 in Hamburg, unterstützt die Klimastreiks von Fridays for Future seit ihren Anfängen. Er engagiert sich für politische Partizipation, Klimapolitik und globales Lernen und schrieb u.a. für attac und den Blog Postwachstum. Für die Right Livelihood Foundation, den Alternativen Nobelpreis, arbeitet er daran, Aktivismus und akademische Welt stärker zusammenzubringen. Er lebt in Berlin.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung
Panikmache? Hamburg im Jahre 2050 – Was sagt die Wissenschaft? – Nicht länger dieselben Fehler machen – Wir sind Possibilist*innen – Eine Einladung

1. Unsere Zukunft ist eine Dystopie
Die Zukunft ist kein Versprechen mehr – Unser Leben in einer multioptionalen Welt – Wir sind Teil des Problems – Nauru – der Kanarienvogel in der Mine

2. Weil ihr uns die Zukunft klaut
Eine wissenschaftlich fundierte Angst vor der Zukunft – Man hätte diese Krise verhindern können – Keine schöne neue Welt, wie sie uns gefällt – Eine globale Frage und eine globalisierte Generation – Die Menschheit hat eine Deadline – Wer klaut uns unsere Zukunft? – Der erste Schritt eines Marathons

3. Uns fehlt eine Utopie
Das Ende der Geschichte? – Kein Planet B – Der Mangel an Vorstellungskraft – Ein Apollo-Projekt gegen die Klimakrise

4. Die Klimakrise ist keine individuelle Krise
Der Luxus, Fahrrad zu fahren – Das grüne Schuldgefühl – Die Baseline verschieben

5. Die Klimakrise ist eine Verantwortungskrise
Zukunftsverantwortung einfordern – Die Parabel von der beweinten Zukunft – Zukunftsverantwortung institutionalisieren

6. Die Klimakrise ist eine Kommunikationskrise
Das ist auch deine Krise – Ein Anschaulichkeitsproblem? – Frames statt Fakten – Die kalkulierte Ungewissheit – Jenseits des Vorstellungsvermögens – Das Klima der Medien – Wie kommen wir da raus?

7. Die Klimakrise ist eine Krise des fossilen Kapitalismus
Der verhängnisvolle Glaube an den Markt – Ein Preisschild auf der Natur soll uns retten. Ernsthaft? – Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce

8. Die Klimakrise ist eine Wohlstandskrise
Aber es geht uns doch so gut! Oder? – Wir leben auf Kosten anderer – Freiwillige Selbstdeprivilegierung – Donut for Future – Das »gute Leben« als Verfassungsziel? – Für einen Green New Deal

9. Die Klimakrise ist eine Gerechtigkeitskrise
Der Preis des fossilen Wohlstands – Generationengerechtigkeit – Kohlenstoffgerechtigkeit – Sexistische Krise – Wer wird in die Pflicht genommen? – Die neue soziale Frage?

10. Informiert euch!
Die Lücke zwischen Wissen, Wahrnehmen und Handeln

1. Informiert euch über das Informieren
2. Erzählt die Wahrheit, die ganze Wahrheit
3. Informiert (euch) über den Anfang vom Ende
4. Werdet Informierer*innen
5. Informiert euch übereinander


11. Fangt an zu träumen!

1. Moralische Streckübungen
2. Rückblick aus der dystopischen Zukunft
3. Stellt euch mal vor!
4. Utopisch denken


12. Organisiert euch!
Sorry, ich habe keine Zeit zu protestieren – Warum organisieren? – 3,5 Prozent

1. Findet das Warum
2. Kommt aus dem Staunen raus
3. Tut euch zusammen und gebt auf euch acht
4. Guckt ab
5. Kommt, um zu bleiben
6. Fordert euer Umfeld heraus


Epilog
Anmerkungen
Danksagung


Zitate


Einleitung – siehe auch: https://www.klett-cotta.de/media/14/9783608504552.pdf


Einleitung – Nicht länger dieselben Fehler machen (S. 24)


Wir schreiben dieses Buch nicht nur, um zu erzählen, wie schlimm es um den Planeten steht. Das zeigt auch die Homepage der NASA. Wir schreiben dieses Buch, weil uns nicht loslässt, dass man dreißig Jahre, also Alex’ gesamte bisherige Lebenszeit, klimapolitisch verschenkt hat. Wir schreiben, weil wir nicht Teil der nächsten Erzählung werden wollen, die von weiteren verschenkten Jahrzehnten handelt. Weil wir nicht von einer abstrakten Welt sprechen, wenn wir von der Zukunft des Jahres 2050 sprechen, sondern von unserem Leben. Wir schreiben dieses Buch als Aufruf, nicht nur an die junge Generation, sondern an alle. Denn alle werden gebraucht.

Weil es unsere Aufgabe ist, eine radikale Klimapolitik einzufordern – und sie umzusetzen. Mit allen gewaltfreien Mitteln, die uns dabei zur Verfügung stehen.

Einleitung – Wir sind Possibilist*innen (S. 24)

Ob wir optimistisch in die Zukunft blicken? Ja und nein. Wir halten es mit Jakob von Uexküll, dem Gründer des Alternativen Nobelpreises. Von Uexkülls Credo lautet, weder Optimist noch Pessimist zu sein, sondern Possibilist. Was das ist? »Der Possibilist«, sagt von Uexküll, »sieht die Möglichkeiten, und es hängt von jedem von uns ab, ob sie verwirklicht werden.«

Mit dieser Haltung schreiben auch wir dieses Buch. Während unseres Stockholmer Sommers haben wir viele Beispiele dafür kennengelernt, dass eine gerechte, friedvolle und nachhaltige Welt möglich ist. Was uns antreibt, ist nicht der Glaube, dass alles gut wird, sondern die Überzeugung, dass die Katastrophe nicht unausweichlich und viel Gutes noch machbar ist.

Wir wissen, dass es Lösungen für die großen gesellschaftlichen Probleme unserer Zeit gibt. Ihre Umsetzung ist nicht einfach und vielleicht noch nicht einmal wahrscheinlich – aber sie ist möglich. Und solange diese Möglichkeit besteht, solange lohnt es sich, für sie zu kämpfen, von ihr zu erzählen und Menschen zu ermutigen, Teil dieser Lösungen zu werden.

Possibilismus heißt: die Ärmel hochkrempeln. Während Pessimist*innen schnell in einen ebenso lähmenden wie selbstmitleidigen Fatalismus verfallen, und während es sich Optimist*innen in der Erwartung einer rosigen Zukunft bequem machen, werden wir Possibilist*innen aktiv. Solange eine, und sei es noch so kleine Chance auf ein besseres Morgen besteht, sollten wir heute alles daransetzen, sie zu nutzen.Es ist unbequem, Possibilist*in zu sein, es ist anstrengend, anzupacken. Ja, es gibt Lösungen, doch hängen sie davon ab, dass eine kritische Masse für ihre Umsetzung mobilisiert wird. Dabei dürfen wir uns nicht beirren lassen. Nicht vom düsteren Bild, das die Klimawissenschaft für die Zukunft zeichnet, und das der Zuversicht tatsächlich wenig Raum lässt. Aber auch nicht vom trügerischen Optimismus all jener, die sich dem Glauben an den menschlichen Erfindungsgeist, technologischen Fortschritt und den vermeintlich heilenden Kräften des Marktes verschrieben haben. Während sie immer weiter predigen, es werde schon alles gut werden, sind die globalen Emissionen in Rekordhöhen gestiegen und die Krise verschärft sich Jahr für Jahr.

Das unterscheidet uns Possibilist*innen sowohl von Optimist*innen als auch von Pessimist*innen: Wir wissen, dass eine andere Zukunft möglich ist, aber wir wissen auch, dass wir sie nicht geschenkt bekommen.

Einleitung – Eine Einladung (S. 26)

Wir sprechen hier nicht für eine »Generation«, was auch immer das sein mag. Wir sprechen auch nicht für
Fridays for Future. Wir sprechen für uns, wir erzählen aus unserer persönlichen Perspektive. Dabei sind wir inspiriert von unseren Erfahrungen, von dem, was wir mitbekommen, in Gesprächen, im Studium, auf der Straße.

Wir hoffen, dass sich einige in dem, was wir hier schreiben, wiederfinden können. Und wir gehen davon aus, dass sich vermutlich ebenso viele daran stören werden. Wir machen einen Aufschlag. Und sprechen an alle die Einladung aus, Teil der Geschichte zu werden, die wir von nun an schreiben: Sie handelt vom Ende der Klimakrise, von der Haltung, mit der wir der Krise begegnen und vom Einsatz, den es dafür braucht.


12. Organisiert euch! – Sorry, ich hab keine Zeit zu protestieren (S. 255)

Wenn wir, Luisa und Alex, Leuten erzählten, worüber wir schreiben, äußerten viele den Wunsch nach möglichst vielen Tipps für ein klimafreundliches Leben. Vielleicht schreiben wir eines Tages auch einmal so ein Buch. Doch zunächst braucht es jeden und jede, um die Rahmenbedingungen dafür zu ändern, dass ein wirklich klimafreundliches Leben überhaupt erst möglich wird.

Denn es ist heute nicht möglich. Man stelle sich die gesellschaftlichen Verhältnisse als einen großen leeren Raum vor. Die Menschen wollen, dass es in diesem Raum eine Luft gibt, die sie atmen können. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Der Haken daran ist nur, dass sich der Raum im Lauf der letzten 250 Jahre immer weiter gefüllt hat: mit Autobahnen und Industriegeländen, mit Massentierhaltung und Monokulturen, mit Kohlekraftwerken und Pipelines, Flugzeugen und jeder Menge alten Häusern, die von ebenso alten Ölheizungen beheizt werden. All dies frisst sich in den Boden, verpestet die Luft und macht die Menschen krank. Was übrig bleibt, in diesem großen Raum, das ist der Quadratmeter Wiese in der Mitte, auf dem wir jetzt noch unsere plastikfreie, vegane Party feiern können. Das mag sich super anfühlen in diesem Moment. Doch es ignoriert den Elefanten im Raum, es ändert die Verhältnisse nicht. Und wer die Verhältnisse nicht ändert, wer sich nicht organisiert, wer sich nicht als Teil der kritischen Masse begreift, die gemeinsam die Macht hat, den Raum neu zu sortieren – der kann sich im Privaten so viel Mühe geben, wie er will. Es wird nicht genug sein.

Daher erklärt dieses Buch nicht, wie man Shampoo selbst macht und wie man klimafreundlich verreisen kann (beides ist erstrebenswert und in Büchern nachzulesen). Uns geht es um etwas anderes: Wenn wir ernsthaft eine Welt gestalten wollen, die keine weiteren Kipppunkte erreicht und die von dem genährt wird, was unser Planet an Ressourcen und Ökosystemleistungen bereitstellt, dann müssen wir unsere ausbeuterische Lebensweise ändern. Und zwar im ganz großen Maßstab. Wir müssen die größte Transformation angehen, die es seit der industriellen Revolution gegeben hat. Manche sprechen von der Agrarwende, von der Verkehrswende und der Energiewende. Wir sprechen von einer Klimarevolution

Revolutionen fallen nicht vom Himmel. Sie brauchen den Druck der Masse. Wenn er ausbleibt, wird es so weitergehen wie in den letzten drei Jahrzehnten. Schon längst haben Thinktanks wie Agora Energiewende, Institutionen wie der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, zahlreiche Umweltverbände und Forschungseinrichtungen aufgezeigt, was passieren müsste, damit Deutschland zumindest anfängt, seinen Teil zur Entschärfung der Klimakrise beizutragen. Die Konzepte sind längst da. Es mangelt aber am politischen und gesellschaftlichen Willen.

Diejenigen, die diesen Willen verkörpern, sind heute die jungen Menschen, die, von Greta Thunberg inspiriert, auf die Straße gehen. Das muss aber nicht so bleiben. Und soll es auch nicht. Die Fähigkeit, ein Bewusstsein für die Klimakrise zu entwickeln, hängt nicht vom Alter und der Generationszugehörigkeit ab. Es scheint so, dass die Konfliktlinie ohnehin viel eher zwischen denen verläuft, die den Status quo verteidigen, weil sie glauben, von ihm zu profitieren, und denen, die es wagen, ihn infrage zu stellen. Weil sie übergeordnete Prioritäten zu setzen.

12. Organisiert euch! – 3,5 Prozent (S. 261)

(…) Jede noch so kleine Aktion kann große Wirkung entfalten, wenn sie im richtigen Moment, mit dem richtigen Narrativ und von möglichst vielen Menschen ins Leben gerufen wird. In der Vergangenheit – man denke an Mandela, King und Ghandi – wurden so schon unvorstellbare Veränderungen bewirkt. Und dies auf friedliche Weise. Die Bewegungsforscherin Erica Chenoweth hat untersucht, wann soziale Bewegungen Erfolg hatten. Bewegungen, die strikt gewaltfrei waren, waren doppelt so erfolgreich wie die gewalttätigen. Keine einzige gewaltfreie Bewegung ist gescheitert, sobald mehr als 3,5 Prozent der Bevölkerung mobilisiert wurden. Das ist keine kleine Gruppe, in Deutschland wären es 2,87 Millionen Menschen. Es ist aber auch nicht utopisch.

Was wir dringend brauchen, ist eine große, sozial-ökologische Transformation. Der Zeitraum, der uns dafür bleibt? Sehr kurz. Der Moment für die große Mobilisierung? Jetzt. Deshalb rufen wir hier zu skalierbaren, gewaltfreien Aktionen auf. Deshalb sagen wir es jeder und jedem Einzelnen: Organisiert euch!

Wenn der Wille da ist, stellt sich die Frage, wie. Im Folgenden skizzieren wir sechs wesentliche Aspekte. (…)