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Fritz Reheis
Die Kreativität der Langsamkeit

Neuer Wohlstand durch Entschleunigung


Erstausgabe (anderes Cover): Darmstadt 1996 (Wissenschaftliche Buchgesellschaft); 282 Seiten; ISBN 978-3-534-80191-6
Die hier vorgestellte Ausgabe ist die 3. Auflage von 2008, ISBN 978-3-534-22002-1






Die Hochgeschwindigkeitsgesellschaft ist nicht nur moralisch bedenklich, sondern auch wenig zukunftsfähig. Eine Logik nämlich, die auf maximale Produktion zielt, vernachlässigt notwendigerweise die Reproduktion dessen, was in der Produktion verbraucht worden ist. Die Symptome zeigen sich auf allen Ebenen: Wir sehen uns nicht nur durch das Tempo der Veränderungen überfordert, sondern leiden auch darunter, daß unser Körper immer schneller mit Stoffen und unsere Psyche mit Reizen bombardiert werden, so daß die physische und psychische Immunabwehr sich darauf nicht mehr ausreichend einstellen kann. Allergien und Suchterkrankungen sind z.B. die Quittung für diesen Streß. Die Natur wird schneller verbraucht, als sie nachwächst. Gegenwärtig nutzen wir z.B. pro Tag mehr fossile Energie, als die Natur in 1000 Jahren gespeichert hat. Innenwelt- und Umweltverschmutzung gehen so Hand in Hand. Und auch die Gesellschaft wird mit mehr Konflikten belastet, als sie schlichten kann. Die weltwirtschaftlich Produktiven und deshalb Schnellen werden z.B. immer schneller, die weniger Produktiven und Langsameren fallen immer weiter zurück und haben immer weniger Grund dazu, sich an die herrschenden Spielregeln der Gesellschaft gebunden zu fühlen. Allgemeiner formuliert: Die Produktionslogik schafft auf allen Ebenen schneller neue Probleme, als bewältigt werden können. So wird Anpassung, also Lernen, systematisch verhindert. Der Mensch, die Natur und die Gesellschaft können vielfach die evolutionär gesetzten zeitlichen Grenzen nicht mehr einhalten. So tritt an die Stelle der behutsamen Befreiung der Prozesse aus den vorgegebenen Zeitmustern ihr rasanter Zusammenbruch.

Wollen wir nachhaltig leben, müssen wir unsere Wirtschaftsweise vom Ziel der Produktion auf das der Reproduktion umprogrammieren und die Eigenzeiten von Natur, Gesellschaft und Individuum zum Maßstab erheben. Dies erfordert die Entschleunigung und Neurhythmisierung zentraler Lebenstätigkeiten. Es kommt darauf an, daß die Menschen selbst das Tempo und den Rhythmus ihres Lebens im Rahmen der evolutionär entstandenen Grundlagen bestimmen können. Als Konsequenz ergäbe sich eine neue Form von Wohlstand, weil das Ausmaß der bisherigen Zerstörungsprozesse gestoppt würde. Darüber hinaus könnte die Langsamkeit eine neue Kultur der Faulheit, der Muße, der klugen Lust begründen – als Basis für neue Formen von Kreativität.




Aus: „Leseprobe


Fritz Reheis


geb. 1949; studierte Lehramt an Gymnasien für Sozialkunde, Deutsch, Geschichte, Pädagogik und Philosophie. Er ist zudem promovierter Soziologe und habilitierter Erziehungswissenschaftler. Seit 1978 engagierte er sich als Referent und Seminarleiter in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung. Von 1983 bis 2007 unterrichtete er am Arnold-Gymnasium Neustadt bei Coburg. Seit 1988 war er zusätzlich Lehrbeauftragter an verschiedenen Hochschulen (Coburg, Jena, Erfurt und Bamberg). Anfang der 1990er Jahre war er maßgeblich beteiligt an der Ausbildung von Multiplikatoren für den Ethik-Unterricht in Thüringen. 2005 begann seine Tätigkeit am Lehrstuhl für Politische Theorie der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Seit 2007 war er als Akademischer Oberrat Selbstständiger Fachvertreter für Didaktik der Sozialkunde, seit 2008 Privatdozent, seit 2011 Akademischer Direktor und seit November 2014 Professor. Er ging im April 2015 in den Ruhestand und ist noch als Lehrbeauftragter tätig. (Wikipedia)


Inhaltsverzeichnis


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Dank
Vorwort zur 1. Auflage
Vorwort zur 2. Auflage
Vorwort zur 3. Auflage

I. Alarmsignale
Symptom 1: Kranke Menschen
Symptom 2: Zerfallende Gesellschaften
Symptom 3: Versiegende Natur


II. Beschleunigung
A. Der Fehler im Programm
1. Das Prinzip des Haushaltens
2. Eigenzeiten und Ressourcen
3. Produktion und Beschleunigung
B. Das Überforderungssyndrom
1. Die Überforderung von Natur und Individuum
a) Überforderte Natur – b) Überfordertes Individuum – c) Aggression oder Regression
2. Die Selbstüberforderung der Kultur/Gesellschaft
Exkurs: Wenn einer zu spät kommt
3. Zwischenbilanz I
C. Programmzeit – Beschleunigung – Tod

III. Entschleunigung
A. Klug Haushalten
1. Das Ziel: Gut leben
2. Die Basisressourcen: Sonne und Kreativität
B. Visionen für einen neuen Wohlstand
1. Zeitmaße für Natur und Individuum
2. Modelle für eine entschleunigte Kultur / Gesellschaft
a) Die Dualwirtschaft – b) Die Marktwirtschaft, aber gerecht – c) Die Planwirtschaft, aber demokratisch
3. Zwischenbilanz II
C. Eigenzeit – Entschleunigung – Leben und Lust

IV. Was tun? (Dieser Abschnitt ist in der Erstausgabe noch nicht enthalten)
A. Zeithygiene
B. Zeitpolitik

Ausblick
Anmerkungen
Abkürzungen
Literatur
Register


Leseprobe


Siehe: Leseprobe auf fritz-reheis.de


Siehe auch


Fritz Reheis: EntschleunigungAbschied vom Turbokapitalismus



Fritz Reheis: Bildung contra Turboschule – Ein Plädoyer



Fritz Reheis: Wo Marx recht hat