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Fabian Scheidler
Das Ende der Megamaschine

Geschichte einer scheiternden Zivilisation


Wien 2015 (Promedia); 272 Seiten; ISBN 978-3-85371-384-6




Im Internet: www.megamaschine.org




Das Ende der Megamaschine legt die Wurzeln der Zerstörungskräfte frei, die heute die menschliche Zukunft infrage stellen. In einer Spurensuche durch fünf Jahrtausende führt das Buch zu den Ursprüngen ökonomischer, militärischer und ideologischer Macht. Der Autor erzählt die Vorgeschichte und Genese des modernen Weltsystems, das Mensch und Natur einer radikalen Ausbeutung unterwirft. Dabei demontiert er Fortschrittsmythen der westlichen Zivilisation und zeigt, wie die Logik der endlosen Geldvermehrung von Anfang an menschliche Gesellschaften und Ökosysteme verwüstet hat. Die wachsende Instabilität und der absehbare Zerfall der globalen Megamaschine eröffnen jedoch Möglichkeiten für tiefgreifende Veränderungen, zu denen jeder von uns etwas beitragen kann. (Klappentext)


Fabian Scheidler


geboren 1968, studierte Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und Theaterregie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt/M. Seit 2001 arbeitet er als freischaffender Autor für Printmedien, Fernsehen, Theater und Oper. 2009 gründete er mit David Goeßmann das unabhängige Fernsehmagazin Kontext TV, das regelmäßig Sendungen zu Fragen globaler Gerechtigkeit produziert. Zahlreiche Vorträge zu Globalisierungsthemen bei Kongressen von Attac, Deutsche Welle, Greenpeace, Evangelische Akademie u. a. Otto-Brenner-Medienpreis für kritischen Journalismus (2009). Programmkoordinator für das Attac-Bankentribunal in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (2010). Als Dramaturg und Theaterautor arbeitete er viele Jahre für das Berliner Grips Theater. 2013 wurde seine Oper „Tod eines Bankers“ (Musik: Andreas Kersting) am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz uraufgeführt.
Siehe auch: www.counter-images.de/index.html


Inhaltsverzeichnis


Einleitung
Die Mythen der Moderne – Die Megamaschine – Die Grenzen des Systems – Aufbau des Buches






Teil I: Die vier Tyranneien






1. Macht – Die vier Tyranneien und die Wurzeln der Herrschaft
Die drei Tyranneien – Physische Macht – Strukturelle Gewalt – Ideologische Macht – Die Erfindung des herrschenden Gottes – Die vierte Tyrannei [Lineares Denken]

2. Metall – Bergbau, Rüstung und die Macht über die Natur
Der Ursprung des militärisch-industriellen Komplexes – Die Mutter aller Umweltdesaster – Gott spielen: Metallurgie und die Macht über die Schöpfung

3. Markt – Ökonomische Macht, Geld und Eigentum
Märkte als Masken – Der Mythos der Märkte – Der Krieg als Wiege des Marktes – Die Minen von Laurion – Das Römische Silberimperium – Die ersten Konzerne – Eigentum als totale Verfügungsgewalt

4. Ohnmacht – Das Trauma der Macht und die Entstehung des apokalyptischen Denkens
Was ist ein Trauma? – Die Entstehung des apokalyptischen Denkens – Apokalypsen als Antwort auf das Trauma der Macht – Die Vernichtung von Himmel und Erde – Das Himmlische Jerusalem und der Schwefelsee – Das Zerbrechen der Gegenwart – Einspruch gegen das Ende der Welt: Die Jesus-Bewegung

5. Mission – Die Ursprünge des westlichen Universalismus
Die große Umdeutung – Mission und Macht – Die Vernichtung des Anderen






Teil II: Die Megamaschine






6. Monster – Die Neuformierung der Macht und die Entstehung des modernen Weltsystems (1348–1648)
DIE EPOCHE DER ANGST
Die Inkubationszeit – Die große Krise
DIE GEBURT DES MONSTERS
Das Arsenal von Venedig – Die Neuerfindung des Krieges – Die Auferstehung des Metallurgischen Komplexes – Rüstungen und Kanonen: Die Industrialisierung des Bergbaus – Das Niederlegen der Wälder – Die Rolle der Banken
DIE ENTFESSELUNG DES MONSTERS
[Die Conquista] – Die Zerschlagung egalitärer Bewegungen – Die Erfindung der Aktiengesellschaft – Auserwählte und Verdammte – Macht und Ohnmacht im modernen Weltsystem


7. Maschine – Mechanistische Wissenschaften, Staatsapparate und die Disziplinierung des Menschen (1600–1800)
Die Welt als Maschine
DIE ROLLE DER WISSENSCHAFTEN
Das neue Atlantis – Die Neudefinition der Wirklichkeit – Der Ausschluss des Unberechenbaren – Der Tod der Welt – Die Objektivierung des Menschen
DIE DURCHSCHAUBARKEIT DER WELT
Karte und Territorium – Der Wald als Armee – Stadtplanung als Aufstandsbekämpfung – Der Blick der Macht
DIE MENSCH-MASCHINE
Die Abrichtung des Körpers – Schule als Disziplinaranstalt – Die Erfindung der Arbeit – Sklaverei – Lohnarbeit


8. Moloch – Kohlekraft, totaler Markt und totaler Krieg (1712–1918)
KOHLE: DIE DRITTE REVOLUTION DES METALLURGISCHEN KOMPLEXES
Kohle als Treibstoff für die Vision einer maschinellen Gesellschaft
DER TOTALE MARKT
Entwurzelung, soziale Traumatisierung und Widerstand – Die Erfindung der Nation
DIE GROSSE EXPANSION
»Zivilisation«: Das neue Missionsprojekt – Die Verwüstung Afrikas – Die Belle Époque und der Tod der Anderen – Indien: Die Erfindung der Dritten Welt
DER WEG IN DEN TOTALEN KRIEG


9. Masken – Die Steuerung der Großen Maschine und der Kampf um Demokratie (1787–1945)
DIE FILTER DER DEMOKRATIE
USA 1787: Republik oder Demokratie? (Der Filter der Repräsentation) – Frankreich 1789: Der Filter des Geldes – Haiti 1804: Der Filter der Schulden – Der Filter des Wahlrechts und der Bürgerrechte – Der Filter der »öffentlichen Meinung« – Ultima ratio regum: Kanonen für den Status quo
DIE FRAGE DER SYSTEMSTEUERUNG
Die Verschärfung der Frage, erster Teil: Russland 1917 – Die »gelenkte Demokratie« und die Idee der Steuerung – Die deutsche Revolution von 1918/19 – Die faschistische Option


10. Metamorphosen – Nachkriegsboom, Widerstandsbewegungen und die Grenzen des Systems (1945–2014)
DIE TRENTE GLORIEUSES
Rastlose Glücksmaschine
UNABHÄNGIGKEITSBEWEGUNGEN IM GLOBALEN SÜDEN
»Entwicklung« als innere Kolonisierung – »Entwicklung« als Fata Morgana
DIE WELTREVOLUTION VON 1968
Die Antwort auf 1968 – Das ideologische System ist erschüttert – Die »Mäßigung der Demokratie«
DAS GROSSE ROLLBACK
Die Ökonomie der Enteignung – Panzer und Propaganda – Das Große Rollback im Osten – Die Macht der Schulden – Die zweite Verwüstung Mexikos – Die neuen Anderen
DIE GRENZEN DES SYSTEMS
Ökonomische Grenzen – Die Rückentwicklung des Staates und das Ende der Loyalität – Die ultimative Grenze: der Planet


11. Möglichkeiten – Ausstieg aus der Megamaschine
Revolution ohne Masterplan – Der Kopf ist rund, damit das Denken seine Richtung ändern kann
AUSSTIEG AUS DER KAPITALAKKUMULATION
Der Kampf um Nutzungs- und Verfügungsrechte – Die Schrumpfung des metallurgisch-fossilen Komplexes – Der Kampf gegen die strukturelle Gewalt der Schulden – Ausstieg von unten: Neue Wege der Selbstorganisation – Commons: Die Wiederentdeckung des Gemeinsamen – Langlebige Produkte statt Wegwerfwaren – Die Wiederbelebung der Gemeinden – Die Rolle von Märkten – Die künstliche Ernährung der transnationalen Konzerne
DIE SUCHE NACH ECHTER DEMOKRATIE
Die Entmilitarisierung der Gesellschaft – Die Rolle der Friedensbewegung
ABSCHIED VON DER NATURBEHERRSCHUNG
Die Kunst der Kooperation mit komplexen lebenden Systemen


Danksagung, Anmerkungen, Ausgewählte Literatur, Bilderverzeichnis
Zeittafel A: Die vier Tyranneien (Kapitel 1–5)
Zeittafel B: Formation der globalen Megamaschine (Kapitel 6)
Zeittafel C: Konsolidierung, Expansion und Krisen (Kapitel 7-9)
Zeittafel D: Boom und Grenzen der Megamaschine (Kapitel 10-11)
Register


Leseprobe


Einleitung und Kapitel 1 (Teil) siehe: www.amazon.de/...






Aus Kapitel 11: Möglichkeiten – Ausstieg aus der Megamaschine

Die Ursprünge der Herrschaft von Menschen über andere Menschen liegen mindestens 5000 Jahre zurück. Wir wissen nicht, ob es jemals gelingen wird, diese so folgenreiche Erfindung wieder vom Planeten Erde zu verbannen. Wir wissen aber, dass spezifische Formationen von Herrschaft endlich sind, und zu diesen Formationen gehört auch das moderne (kapitalistische) Weltsystem, das sich in den letzten 500 Jahren über die Erde verbreitet hat. Die wachsende Instabilität und der mögliche Zerfall dieses Systems eröffnen einen Möglichkeitsraum für Veränderungen, wie es ihn seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Je weiter ein komplexes System vom Gleichgewicht entfernt ist, desto größere Wirkungen können unter Umständen selbst kleine Bewegungen hervorbringen, wie der berühmte Schmetterling, der einen Tropensturm auslöst.

In welche Richtungen diese Veränderungen gehen werden, ist prinzipiell nicht vorherzusagen. Sicher ist aber, dass es in dem Chaos, das sich derzeit abzeichnet, auf uns alle ankommt. […] Auch wenn uns angesichts der Übermacht eines destruktiven Systems oft ein Gefühl von Wirkungslosigkeit und Ohnmacht befällt, so ist doch alles, was jeder Einzelne von uns denkt und tut (oder auch nicht denkt und nicht tut), für die Weichenstellungen der Zukunft von Bedeutung. Ob sich am Ende neue autoritäre Systeme, Mafia- und Warlordnetzwerke oder Strukturen demokratische Selbstorganisation durchsetzen, wird davon abhängen, wie wir auf die systemischen Brüche, die bevorstehen, vorbereitet sind. Und das bedeutet, dass wir bereits jetzt, während die Große Maschine noch läuft, mit dem Ausstieg beginnen müssen.

Dieser Ausstieg hat zwei Seiten: zum einen den entschlossenen Widerstand gegen die zerstörerischen Kräfte der Megamaschine, die sich noch im Niedergang die letzten Ressourcen anzueignen versucht; zum anderen den Aufbau neuer sozialer und ökonomischer Strukturen, die uns erlauben, Stück für Stück ein bisschen mehr außerhalb der Logik der Maschine zu leben und zu wirtschaften.

Die gute Nachricht ist, dass dieser Ausstieg schon längst begonnen hat, sowohl im Widerstand gegen das Alte wie im Aufbau des Neuen. Auf dem ganzen Planeten werden täglich Tausende von Kämpfen gegen Bergbauprojekte, Ölbohrungen, Fracking, Pipelines, Megastaudämme, Schnellstraßen, Kernkraftwerke, Chemiefabriken, Landraub, Privatisierung, Vertreibung, Militarisierung und die Macht der Banken ausgetragen. Diese Abwehrkämpfe sind ebenso wichtig wie der Aufbau von Alternativen; denn ohne sie werden auch die besten Graswurzelprojekte am Ende von der gefräßigen Megamaschine oder von chaotischer Gewalt überrollt.

Abwehrkämpfe sind mehr als Abwehr. Sie bringen vereinzelte Menschen zusammen; sie überwinden die Barrieren von Bildung, Klasse und Herkunft […]; sie stärken das Gefühl von Verbundenheit und Wirksamkeit: Aus ohnmächtigen vereinzelten Zuschauern eines globalen Krisenpanoptikums werden streitlustige Mitbürger, die sich organisieren und der Macht entgegenzutreten wagen. Oft erwachsen aus Abwehrkämpfen Alternativen, wie etwa die Bewegung der Zapatisten, die 1994 im Widerstand gegen das Nordamerikanische Freihandelsabkommen begann und in den vergangenen zwanzig Jahren, trotz erheblicher Repressionen, bemerkenswerte Strukturen der Selbstverwaltung aufgebaut hat. Eine Landkarte all dieser größeren und kleineren Widerstandsnester zeigt, dass das scheinbar unbezwingliche System längst unzählige Löcher und Risse hat, in denen sich andere Lebens- und Wirtschaftsformen eingenistet haben.

Zu diesen Nestern gehören beispielsweise auch neue Genossenschaftsbewegungen, Netzwerke Solidarischer Ökonomie, die Bewegungen für Freie Soft- und Hardware, Fabriken in Arbeiterhand, Transition Towns, die »Degrowth«-Bewegung oder die unzähligen Initiativen bäuerlicher Selbstorganisation von Indien über Mali bis Brasilien. Überall auf der Welt suchen Menschen nach neuen Formen des Zusammenlebens und Wirtschaftens jenseits der zerstörerischen Logik globalen Wettbewerbs und endlosen Wachstums.

All diese Bewegungen und Initiativen haben wichtige Schlüsse aus dem Scheitern der staatssozialistischen Projekte im 20. Jahrhundert gezogen. Sie glauben nicht an eine Lösung vom Reißbrett für alle, sondern an eine organisch wachsende Vielfalt von Wegen; sie suchen nach Formen demokratischer Selbstorganisation anstelle von hierarchischen Kaderstrukturen; und sie haben sich von der Idee verabschiedet, die Natur beherrschen zu können.

Revolution ohne Masterplan

Es wird oft behauptet, es gäbe zum bestehenden System keine ausgereiften Alternativen, aber diese unzähligen Bewegungen und Initiativen beweisen das Gegenteil. Menschen sind durchaus in der Lage, ihr Leben als Gemeinschaft selbst in die Hand zu nehmen, wenn sie nicht durch strukturelle und physische Gewalt von Wirtschaftsakteuren, Staaten oder kriminellen Netzwerken – und teilweise auch durch die eigene Konditionierung – daran gehindert werden. Alternativen (im Plural) gibt es, wie wir in diesem Kapitel sehen werden, genug, ob im Bereich der Güterproduktion, der Energieversorgung, des Verkehrs, der Technologie, der Landwirtschaft und Ernährung, des Geldes oder der Gesundheitsversorgung.

Was aber tatsächlich nicht existiert, das ist ein Masterplan für das eine System, das das bisherige ersetzt. Nicht nur fehlt ein solcher Plan, es fehlt auch den meisten Menschen der Glaube daran, dass er wünschenswert wäre. Diese Skepsis ist nicht mit einem Verschwinden von Utopien zu verwechseln. Für viele Menschen besteht die Utopie gerade in der Vision einer Welt, die eher einem großen Garten mit den verschiedensten Biotopen gleicht als einer geplanten Landschaft vom Typ des Versailler Schlossparks. Anstelle eines Masterplans zeichnet sich ein Mosaik, ein Patchwork von sehr unterschiedlichen Ansätzen ab, die an die jeweiligen lokalen und kulturellen Bedingungen angepasst sind. Der Ausstieg aus der Großen Maschine bedeutet eben auch einen Abschied vom universalistischen Denken, das – von der christlichen Mission bis hin zum Projekt des Weltkommunismus – den Anspruch auf die eine Wahrheit und die eine Vernunft erhoben hat (vgl. Kapitel 5). Das Fehlen eines Masterplans nach diesem Muster ist kein Manko, sondern ein Lernfortschritt aus den Desastern der vergangenen Jahrhunderte. [Farbliche Hervorhebung von E.W.]

Allerdings kann dieser Pluralismus tatsächlich auch eine fatale Schwäche sein, wenn es nicht gelingt, die verschiedenen Kämpfe an bestimmten, strategisch entscheidenden Punkten miteinander zu verbinden, um dort, wo sich systemische Brüche abzeichnen, politische Räume zu besetzen. Das Weltsozialforum, gegründet 2001 als Gegenentwurf zum Weltwirtschaftsforum in Davos, war lange mit der Hoffnung verbunden, alternative politische Organisationsformen bieten zu können; allerdings hat es in den letzten Jahren merklich an Bedeutung verloren. Zugleich ist aber zu beobachten, dass immer wieder neue Strukturen entstehen, wie etwa im Arabischen Frühling, der Occupy-Bewegung oder der globalen Klimabewegung. Die Strukturen des Widerstandes gleichen derzeit einem sich stetig verändernden Netzwerk mit wandernden Knotenpunkten.

Trotz dieser fließenden Strukturen und der Vielfalt der Ansätze lassen sich aber einige zentrale Leitbilder des Wandels erkennen, von denen ich mich in diesem Kapitel auf vier konzentrieren will: den Ausstieg aus der Logik der Kapitalakkumulation, die Schrumpfung des metallurgisch-fossilen Komplexes, die Suche nach echter Demokratie und den Abschied von der Naturbeherrschung.

[…]


Siehe auch


Interview mit Fabian Scheidler zum Buch (YouTube)



Diskussion mit Fabian Scheidler (YouTube)



www.zeuchsbuchtipps.de/das-ende-der-megamaschine (Rezension)



www.counter-images.de/megamaschine/



www.mediashop.at (Verlagsseite)