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Vandana Shiva
Leben ohne Erdöl

Eine Wirtschaft von unten gegen die Krise von oben


Zürich 2009 (Rotpunktverlag); 264 Seiten; ISBN: 978-3-85869-405-8






Noch nie in der Geschichte hat menschliches Handeln die Existenz der gesamten Menschheit bedroht. Doch heute sehen wir uns einer dreifachen Krise gegenüber, von denen jede einzelne unser Überleben gefährdet: die Klimakrise, die Energiekrise und die Hungerkrise. Die Kumulation dieser drei Krisen – das ist die Botschaft dieses neuen Buches von Vandana Shiva – birgt auch drei miteinander zusammenhängende Chancen, nämlich die Schaffung einer lebendigen Wirtschaftsweise, einer lebendigen Demokratie und einer lebendigen Kultur.

Zuerst ist ein wirtschaftlicher Umstieg von einer erdölabhängigen, globalisierten Wirtschaft hin zu einem Netzwerk von lokalen Wirtschaften notwendig, die mit erneuerbarer Energie betrieben werden. Ein solches Wirtschaften ermöglicht es, zu einer dezentralisierten Demokratie überzugehen, in der die lokalen Gemeinden mitbestimmen können, was mit ihrem Land und ihrem Leben geschehen soll. Schließlich braucht es einen kulturellen Wandel hin zu einer Kultur der Gewaltlosigkeit und der Dauerhaftigkeit, eine Kultur der würdevollen Arbeit und eine aktive Kultur, welche das Leben schützt und erneuert.

»Es ist kein anklagendes Buch. Vandana Shiva beschreibt eindringlich, was Sache ist. Es macht einen besonderen Reiz aus, dass dieses Buch nicht aus einem europäischen Blickwinkel geschrieben ist.« (Heike Langenberg, ver.di News)

»Der Umstieg ins Post-Erdöl-Zeitalter muss sich auf die lebendigen Energien konzentrieren – vorab auf unsere Energie und Kraft, lebendige Demokratien und lebendige Wirtschaftsweisen zu schaffen. (...) Eine Wirtschaft mit erneuerbarer Energie kann nur durch die erneuerbare Energie von freien und selbst organisierten Bürgern und Gemeinschaften geschaffen werden. Der Übergang in die Zeit nach der Erdölabhängigkeit ist nicht bloß ein technologischer Umstieg – es ist vor allem auch ein politisches Umdenken; wir können nicht mehr passiv sein, sondern müssen die Transformation aktiv vorantreiben. Wir haben die Fähigkeit, die Energie und die Kreativität, die für diese Veränderung nötig sind. – Das Leben basiert auf den selbstorganisierten Energien des Universums, von den einzelnen Zellen bis hin zu Gaia, von den Gemeinden bis zu den Ländern. Als lebendige Systeme sind wir Teile eines Netzes von chemischen und energetischen Bewegungen und der Möglichkeit zur Transformation. Leben ist Energie – nicht fossile, versteinerte Energie, sondern lebendige Energie. (...) Das Leben hat die Fähigkeit, dem qualitativen Zerfall, dem die leblose Materie unterworfen ist, zu widerstehen. Man kann Leben geradezu als die Fähigkeit definieren, Ordnung zu schaffen, freie Energie zu schaffen, Vielfalt zu schaffen und sich dem Gesetz der Entropie zu entziehen. (...) Menschen haben als lebendige Geschöpfe die Wahl zwischen zwei Alternativen – Entropie oder Emergenz. Die Entropie sperrt uns in die mechanistische Weltsicht ein, die auf einer mechanistischen Wissenschaft, einer mechanistischen Produktion und einer mechanistischen Wirtschaftsweise basiert; ihr Mythos vom unbegrenzten Wachstum bringt Tod, Zerfall und Zersetzung. Emergenz verlässt sich auf die ökologische Wissenschaft, die ökologische Produktion und die ökologischen lebendigen Wirtschaftsformen, welche uns durch biologische und kulturelle Vielfalt menschliche Bereicherung schenken. Die Wahl, die wir treffen, wird darüber entscheiden, ob wir als Gattung überleben oder nicht. Unsere Möglichkeiten sind durch das gegenwärtige Wahlangebot nicht für immer beschränkt; auch in der Gesellschaft gibt es neu auftretende Qualitäten, unvorhersehbare Formen, die aufgrund neuer Verbindungen, neuer Netzwerke und neuer Solidaritäten entstehen.« (Vandana Shiva, „Shakti entfesseln“)


Vandana Shiva


Prof. Dr., geboren 1952 in Indien, Physikerin und Philosophin, zählt zu den herausragenden Denkerinnen unserer Zeit, wenn es um die Themen Umwelt, Frauenrechte und dezentralisierte Ökonomie geht. Im Laufe ihrer Arbeit hat sie den Begriff des »Ökofeminismus« geprägt: »Frauen und Natur wurden durch die industrielle Revolution auf ihre Rolle als Lieferanten von menschlichem und natürlichem Rohmaterial reduziert.« Daneben gilt ihr Engagement insbesondere dem Kampf um Biodiversität und gegen Biopatente. 1982 gründete sie die Research Foundation for Science, Technology and Ecology. Sie berät die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisationen der Vereinten Nationen (FAO) und ist Mitglied des Third World Networks. Die von Vandana Shiva ins Leben gerufene Organisation »Navdanja« (neun Saaten) gilt als Pionier einer Bewegung zur Sicherung von Saatgut traditioneller Nahrungspflanzen. Vandana Shiva ist Mitglied des Club of Rome, des Exekutivkomitees des Weltzukunftrates und Vizepräsidention von Slow Food International. Ihr Wirken als Wissenschaftlerin und Aktivistin wurde durch verschiedene Preise gewürdigt, u.a. den Alternativen Nobelpreis (1993), den Global 500 Award des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen und zuletzt den Save the World Award (2009). 2010 wurde ihr der Sydney Peace Prize verliehen. – Im Rotpunktverlag erschienen: Der Kampf um das blaue Gold. Ursachen und Folgen der Wasserverknappung (2003), Geraubte Ernte. Biodiversität und Ernährungspolitik (2004); Erd-Demokratie. Alternativen zur neoliberalen Globalisierung (2006), Leben ohne Erdöl. Eine Wirtschaft von unten gegen die Krise von oben (2009).


Inhaltsverzeichnis


Einleitung – Dreifache Krise, dreifache Chance

1. Die Politik des Klimawandels
Die Klimaveränderung ist real
So sieht der Klimawandel aus
»Wir wollen Entwicklung, nicht Zerstörung«
Der CO2-Handel – ein Supermarkt der Verschmutzung
Atomenergie – weder sauber noch nachhaltig
Nuklearer Winter statt globale Erwärmung?
Geo-Engineering – mechanistische Lösungen für ein mechanisches Zeitalter
Globalisierung als Auslagerung der Schadstoffbelastung
Globalisierung, Gerechtigkeit und Klimawandel
Der globale Fußabdruck auf Indiens Boden
Die Bedrohung der Nahrungssicherheit
Ein Klima der Gerechtigkeit

2. Heilige Kühe oder heilige Autos
Die Globalisierung fährt in Indien ein
Autos fressen Menschen
Autos als ökologische Katastrophe
Ein Ja zum öffentlichen Verkehr
Ohne Autos keine Krise
Nano-Manie
Der hohe Preis der »billigen« Autos
Die Schnellstraße zur Diktatur
Welche Infrastruktur wollen wir?
Anschluss für Autos, nicht für Menschen
Die Autobahnräuber Die Taj-Schnellstraße. Die Bangalore-Mysore-Autobahn
Der Tod kommt auf Rädern
Autoabgase verursachen Krebs
Abgase lösen Asthma aus
Bleivergiftung entlang der Autobahn
Tiere als Mobilitätsalternative

3. Biobrennstoff oder Bionahrung
Ökologische versus industrielle Biobrennstoffe
Grün als Handelsmarke
Biobrennstoffe – eine Treibhausgefahr
Wer kontrolliert das Rohmaterial?
Biobrennstoffe – eine Bedrohung für die Nahrungssicherheit
Biobrennstoffe führen zu Wassermangel
Drohende Nahrungskrise in Indien
Jatropha und Landaneignung
Indiens Biodieselprogramm
Jatropha – das falsche Versprechen
Dezentralisierte Alternativen für Bioenergie

4. Erde, nicht Erdöl
Nahrungssicherheit in der Klimakrise
Erdöl schlucken
Treibhausgasemissionen – nach Herkunftsquelle
Exporte statt Nahrung
Das Versagen der Exportpolitik
Der Übergang zu biologischen Nahrungssystemen
Lebendige Erde
Die Zunahme der Fruchtbarkeit im biologischen Landbau
Vielfalt als natürliches Kapital und ökologische Versicherung
Biologische Vielfalt versus Monokultur
Samen der Freiheit, Samen des Lebens
Die Relokalisierung der Nahrungssysteme
Der Klimawandel und die zwei Kohlenstoffwirtschaften

5. Shakti entfesseln
Unsere Fähigkeit zur Transformation
Lebendige Systeme, lebendige Energien
Die kreative Energie des selbstorganisierten Universums
Lebendige Ökonomien brauchen Arbeit
Das Gesetz der Entropie und das Prinzip der Entstehung

Anmerkungen


Leseprobe


Einleitung – Dreifache Krise, dreifache Chance






Zweihundert Jahre lang haben wir nun fossile Energie genutzt und verbrannt. In dieser Zeit haben die C02-Emissionen einen Treibhauseffekt verursacht, der zur Erwärmung der Erdatmosphäre und zu einer Klimakrise führte. Es ist nur allzu wahrscheinlich, dass sich die Temperaturen weltweit um drei bis fünf Grad Celsius erhöhen werden. Als Folge davon werden die Polkappen und Gletscher schmelzen, und die Überflutungen, Trockenzeiten und Wirbelstürme werden sich vermehren. Einige dieser Auswirkungen sind bereits spürbar. Wenn wir den Temperaturanstieg nicht aufhalten, wird die Klimakrise unser Leben dramatisch verändern. Unser Handeln in dieser Sache wird darüber entscheiden, ob wir überhaupt am Leben bleiben oder aber zugrunde gehen.

Abgesehen vom problematischen »Geschenk« des Klimachaos sieht sich das Erdölzeitalter noch mit einer anderen Grenze konfrontiert – Peak Oll, die Erreichung des Ölfördermaximums. Der Begriff »Peak Oil« wurde 1956 vom US-Geologen Marion King Hubbert geprägt und beschreibt den Punkt, an dem die Welt das höchstmögliche Niveau bei der Ölproduktion erreicht. Danach nimmt die Ölförderung unweigerlich ab., Abnehmende Produktion bedeutet steigende Preise. Der beispiellose Anstieg der Ölpreise im Jahr 2008 kündet eine beginnende Ölkrise an. Ölexperten wie Jeremy Leggett und Colin Campbell von der Arbeitsgruppe ASP (Association for the Study of Peak Oil) sind der Meinung, dass wir das Ölfördermaximum vielleicht bereits erreicht haben. Doch selbst wenn es bis dahin noch ein paar Jahre dauern sollte, Peak Oil wird einmal kommen.Oder mit den Worten des amerikanischen Umweltlournalisten Richard Heinberg: »Schluss mit lustig! Die Fete ist vorbei.«

Die drohende Ölverknappung und das Ende des billigen Erdöls machen eine Änderung unserer Lebensweise unumgänglich. Wir müssen das Erdölzeitalter hinter uns lassen. Wir müssen die Gesellschaft, die Technologie und die Ökonomie neu erfinden. Wir müssen es rasch und wir müssen es auf kreative Art und Weise tun. Zusammen können wir es schaffen.

Das Klimachaos und die Ölknappheit treffen mit einer dritten Krise zusammen – der Hungerkrise. Die Hungerkrise ist eine Folge der Industrialisierung und Globalisierung der Landwirtschaft. Dieselben Kräfte und Vorgänge, welche uns billige Nahrung versprochen haben, bewirken nun, dass Nahrung für viele Menschen unerschwinglich wird. Die Nahrungsmittelpreise steigen weltweit an. In Dutzenden von Ländern gab es bereits Hungeraufstände.

Anfang Juni 2008 wurde von der UNO ein dringliches Treffen zum Thema Klimaveränderung und Hungerkrise einberufen. Wie zu erwarten war, haben dort die gleichen Wirtschaftskreise, welche die beiden Krisen geschaffen haben, versucht, die Krankheit als Kur anzubieten. Sie plädierten für noch mehr Kunstdünger, der mit Erdöl produziert wird; für noch mehr genetisch modifiziertes hybrides Saatgut, das im zweiten Jahr nicht wiederausgesät werden kann und außerdem auf intensive chemische Bearbeitungsmethoden angewiesen ist; und sie wollten noch mehr unternehmerische Kontrolle über Nahrungsmittel und noch mehr globalisierten Handel.

Die Hungerkrise weist auf eine noch tiefere Krise hin – auf die Schaffung von »überzähligen« oder entbehrlichen Menschen, und damit von einem Potenzial für Gewalt und für soziale und politische Instabilität.

Die Wegwerfmentalität gegenüber Menschen zeigt sich, wenn Millionen von Menschen Nahrung vorenthalten wird oder wenn bäuerliche Existenzen dadurch zerstört werden, dass man menschliche Arbeitskraft mit erdölbetriebenen Maschinen ersetzt. Produktivität wird im industriellen Paradigma sehr einseitig als Leistungsproduktivität definiert: Ein Prozess ist um so »produktiver«, je weniger Menschen in der Produktion involviert sind. Das gilt sogar dann noch, wenn in diesem maschinellen Prozess bei vergleichbarem Energie- und Ressourcen-Input mehr Energie und mehr Ressourcen verbraucht werden und gleichzeitig weniger produziert wird als mit Menschenarbeit.

Ausgedehnte Kriege, Kolonialismus und Sklaverei haben schon in der Vergangenheit viel menschliches Leid und Zerstörung verursacht. Doch erstmals in unserer Geschichte bedroht das menschliche Handeln die Existenz der gesamten Menschheit. Wir sehen uns heute einer dreifachen Krise gegenüber, von denen jede einzelne unser Überleben gefährdet:

Klima: Die Erderwärmung gefährdet unser Überleben als Gattung.

Energie: Peak 011 bedeutet das Ende des billigen Brennstoffs, welcher die Industrialisierung der Produktion und die Globalisierung des Konsumismus antrieb.

Nahrung: Die Hungerkrise entsteht als Folge des Zusammentreffens von Klimaveränderung, Peak Oil und Globalisierung, welches die Rechte der Armen auf Nahrung und eine menschenwürdige Existenzgrundlage bedroht.

Von diesen drei Krisen stellt die Hungerkrise die unmittelbarste Gefahr für das Überleben der Armen dar. Die Hungerkrise hat ihren Ursprung in zwei historischen Prozessen. Der geschichtlich länger andauernde Trend ist die Industriainlisierung der Landwirtschaft und die Vertreibung der Kleinbauern und ihrer Familien vom Land. Neueren Datums sind die negativen Auswirkungen der Globalisierung und der Handelsliberalisierung der Agrarwirtschaft auf die Nahrungssicherheit und die Nahrungssouveränität. Die Gefahren der Klimaveränderung für die landwirtschaftliche Produktion werden durch offensichtlich falsche Lösungen für das Problem des Klimawandels noch verschärft: Wenn als Erdölalternative industrielle Biobrennstoffe angeboten werden, welche den Armen Nahrung und Land wegnehmen und diese Ressourcen den nicht nachhaltigen Energiebedürfnissen der Reichen zuführen, verschlimmert das die Hungerkrise noch.

Wir können und müssen kreativ auf die dreifache Krise antworten und die Entmenschlichung, die ökonomische Ungleichheit und die ökologische Katastrophe gleichzeitig überwinden.

Die Energie- und Klimaveränderungskrise bedeutet eine einzigartige soziale und ökologische Herausforderung. Erstens ist nichts weniger als das Überleben der menschlichen Gattung als Gattung bedroht. Zweitens ist keine andere Bedrohung so global. Es gibt kein Entrinnen. Drittens wird der Klimawandel durch die unterschiedlichsten menschlichen Tätigkeiten beeinflusst. Es kommt darauf an, wie wir einkaufen, wie wir uns fortbewegen, wie wir leben, was wir essen. Lösungen können sich daher nicht auf einen oder zwei Lebensbereiche beschränken. Sie müssen alle Aspekte unseres Daseins berühren. Verbesserungen und Anpassungen müssen überall in unserem Alltag passieren. Viertens ist der Klimawandel eine Folge unseres Umgangs mit dem Boden, und der Klimawandel verändert seinerseits wieder den Boden. Luft, Wasser, Boden, Artenvielfalt und Energie sind eng verflochtene Elemente des Klimawandels – sie sind alle Teil der Ursache und Teil der Lösung. Fünftens leiden diejenigen, die am wenigsten zur Klimaveränderung beigetragen haben, am meisten unter deren Folgen. Bauern und Bäuerinnen, indigene Völker und Handwerker, die außerhalb der industrialisierten und globalisierten Ökonomie leben und die der Erde sowie andern Völkern kaum je Schaden zugefügt haben, werden vom Klimachaos am härtesten heimgesucht. In den letzten Jahren ereigneten sich über 96 Prozent aller Katastrophentodesfälle in Entwicklungsländern. Im Jahr 2001 wurden weltweit 170 Millionen Menschen von Katastrophen getroffen, 97 Prozent der Ereignisse waren klimaabhängig. Sechstens kommt der Widerstand gegen die grenzenlose Zerstörungskraft der industrialisierten und globalisierten Wirtschaft ausgerechnet von denjenigen Menschen, die für den Klimawandel am wenigsten verantwortlich sind, nämlich von den Frauen und den Straßenhändlern, welche sich der Dampfwalze der erdölbetriebenen, energie- und ressourcen-intensiven »Entwicklung« entgegenstellen. Diese Menschen weigern sich, vertrieben und abgeschrieben zu werden, und sie bieten uns ein anderes Paradigma und eine andere Weltanschauung für Macht und Reichtum, Natur und Kultur an.

Der Klimawandel gebietet, dass wir den Verbrauch von fossilen Brennstoffen und den C02-Ausstoß drosseln. Er gebietet auch, dass wir mittels dezentralisierter und sparsamerer Nutzung energiemäßig herunterfahren. Die Verknappung und Verteuerung des Erdöls erfordert einen Paradigmenwechsel in unserer Definition des menschlichen Fortschritts – wir müssen uns ausdenken, wie wir ohne Erdöl besser leben können. Heute schon gibt es eine Milliarde Menschen, denen ihr Recht auf Nahrung verweigert wird und die zu Hunger und Fehlernährung verurteilt sind. Die sich gegenwärtig entwickelnde Hungerkrise wird eine weitere Milliarde hungriger Menschen hinzufügen. Die herrschende Wegwerfmentalität und die Unmenschlichkeit gegenüber den Armen und Randständigen zwingen uns dazu, unsere Aufmerksamkeit auf die Würde der Arbeit und die Wichtigkeit der ökologischen Arbeit zu richten. Das vorherrschende Modell für Entwicklung und Globallsierung ist strukturell gewalttätig, denn es verweigert den Armen ihr fundamentales Recht auf Nahrung, Land und eine Existenzgrundlage. Wenn wir menschenwürdige Arbeit wieder einführen – Arbeit, welche sich auf menschlicher Energie und lebendigen Ressourcen abstützt –, dann können wir den Klimawandel abschwächen und den Übergang zu einer erdölunabhängigen Gesellschaft schaffen. Und gleichzeitig auch noch Nahrungmittelsicherheit und gute Nahrung für alle gewährleisten.

Um die notwendige Wende herbeizuführen, müssen wir deshalb:

— den Energie- und Ressourcenverbrauch herunterfahren,
— die kreative und produktive menschliche Energie und die kollektive demokratische Energie hochfahren.

Leider nutzen diejenigen Kräfte, welche uns die Klimakrise beschert haben, diese Krise, um die soziale Ungleichheit noch zu verschärfen. Sie nehmen den Armen auch noch den letzten Bissen Nahrung und das letzte Stück Land weg – Nachhaltigkeit können sie so aber nicht erreichen.

Wir haben die Wahl: Entweder streben wir einen menschen- und naturgerechten Übergang in eine Zukunft ohne fossile Energie an; eine Zukunft mit sinnvoller Arbeit und einem anständigen und würdigen Leben für alle. Oder aber wir bleiben auf unserem gegenwärtigen Weg zu einer ganz und gar marktzentrierten Zukunft, die die Krise für die Armen und Randständigen vertiefen und den Reichen einen vorläufigen Ausweg bieten wird. Der erste Teil dieses Buches beschäftigt sich mit den Pseudolösungen. Der zweite Teil stellt Lösungen vor, die auch von unten und vom globalen Süden aus gesehen gerecht und dauerhaft sind.

Die meisten Diskussionen und Verhandlungen über den Klimawandel haben sich auf das kommerzielle und absatzorientierte Energieparadigma beschränkt, das seine Wurzeln in einer reduktionistischen und mechanistischen Weltsicht und einer einseitigen Konsumkultur hat. In diesem Paradigma gibt es nur zwei Lösungsansätze: erstens die Herangehensweise der Weltwirtschaft, vor allem der Unternehmen, welche die Erdölökonomie angetrieben haben, und zweitens die Vorschläge derjenigen, welche die energieintensive Konsumkultur mit erneuerbaren Alternativen aufrechtzuerhalten versuchen.

Dieses Paradigma, welches vor zweihundert Jahren bei der Industrialisierung des Westens seinen Anfang nahm und das sich durch die Globallsierung auf Länder wie Indien ausbreitete, hat uns entbehrliche Menschen, Hunger, Armut, eine Kultur der Angst und Unsicherheit sowie das Klimachaos beschert.

Erdölabhängige Industriezweige und Unternehmen haben anfänglich versucht, die Verbindung zwischen der Klimaveränderung und ihrer profitorientierten Wirtschaftsweise nach Möglichkeit zu verleugnen. Als der Zusammenhang aufgrund von wissenschaftlichen Daten und der Erfahrung der Leute unübersehbar wurde, hat die Wirtschaft sich etwas Menschlichkeit zugelegt und »Lösungen« angeboten. Diese Pseudolösungen machen die Sache jedoch bloß noch schlimmer. Sie beinhalten Undinge wie die Förderung von unnachhaltigen Energiealternativen – etwa nuklearer Energie und industriellem Biotreibstoff; C02-»Ausgleich«; Handel mit Schadstoffemissionen und schließlich riskante und abenteuerliche Technologien. Riesige Reflektoren am Himmel und metallverseuchte Müllhalden im Meer sind verzweifelte Versuche zur Kontrolle von Kohlendioxid, die die ökologischen Prozesse noch mehr stören.

Solche Lösungen sollen die energieintensiven Systeme der industrialisierten Gesellschaften erhalten. Die vorgeschlagenen Energiereformen funktionieren in einem begrenzten Kontext – sie funktionieren in reichen Ländern, und sie garantieren den Erhalt von Systemen, welche in einem größeren Kontext ungerecht und nicht nachhaltig sind. Sie funktionieren, indem sie die Belastung für die Armen und den Planeten vergrößern. Der Umstieg auf Biobrennstoffe ist eine beispielhaft fehlplatzierte »Lösung«. Die vermehrte Produktion von Biobrennstoffen verschlimmert die Hungerkrise, weil den Menschen Land und Nahrung weggenommen wird, um »Rohstoff« für den unersättlichen Appetit der fossilen Infrastruktur und die dafür erforderliche Konsumption zu schaffen. Aus der Sicht der Armen und des Planeten ist es höchste Zeit, dass wir den Paradigmenwechsel vom puren Energieverzehr zu einem nachhaltigen und regenerativen Energiekonsum vornehmen, einen Wechsel von kapitalintensiver Energie zu kostengünstiger Energie, von einer Energie, die Arbeitsplätze aufhebt, zu einer Energie, die Lebensgrundlagen schafft. Mit anderen Worten: Der Energieumstieg, der den Armen nützt, vergrößert die Möglichkeiten für sinnvolle Arbeit und verringert den Verbrauch von fossilem Brennstoff. Ein Umstieg, der die Menschen in die Versorgungsökonomie (sustenance economy) zurückbringt, hilft den Armen, weil er ihre Existenzsicherheit erhöht und ihnen mehr Ressourcen zur Verfügung stellt. Ein solcher Umstieg hilft auch dem Planeten, weil der C02-Ausstoß vermindert wird.

Im mechanischen Paradigma, welches die Natur als Maschine und nicht als lebendigen Organismus betrachtet, wird Energie als Arbeitsleistung definiert. Die Menschen jedoch werden je länger je mehr von ihrer Rolle als Energieerzeuger und Arbeitskräfte entfremdet. Die Armen sind dreifache Opfer des erdölabhängigen industriellen Systems. Zuerst werden sie von ihrer Arbeit vertrieben. Dann tragen sie zu einem unverhältnismäßigen Teil die Kosten des Klimachaos; sie sind es, die am meisten unter Dürren, Überflutungen und Wirbelstürmen leiden. Und schließlich verlieren sie noch ein drittes Mal, wenn Pseudolösungen wie die industriellen Biobrennstoffe ihr Land und ihre Nahrung beanspruchen. Ob industrielles Agrobusiness oder industrielle Biobrennstoffe, Autofabriken oder Superautobahnen – die Vertreibung und zwanghafte Umsiedelung der indigenen Bevölkerung und der Bauern und Bäuerinnen von ihrem Land sind die unvermeidbare Folge eines Wirtschaftsmodells, welches Wachstum nur durch Missachtung und Aufhebung von Menschenrechten schaffen kann.

Dieselben Strategien, die den Anspruch der Armen auf ihr Land und ihre Existenzgrundlage respektieren, vermindern auch unsere Erdölabhängigkeit. Sie helfen uns dabei, das Klimachaos zu entschärfen und uns an die Veränderungen anzupassen. Wer Armut, soziale Gleichstellung und Gerechtigkeit auf unserem kleinen und endlichen Planeten thematisiert, wird gleichzeitig auch Peak Oil und die Klimakatastrophe ansprechen müssen.

Die kreativste und notwendigste Arbeit, die wir Menschen tun, ist die Bearbeitung des Bodens in Zusammenarbeit mit der Natur. Die Anstrengungen und das Wissen der Menschen bezüglich Kultivierung des Bodens verhindern und korrigieren die Verwüstung der Erde, welche so vielen historischen Gesellschaften zum Verhängnis wurde. Die Erhaltung und der Wiederaufbau eines fruchtbaren Bodens bilden die Grundlage jeglicher nachhaltigen Nahrungsproduktion und jeglicher Nahrungssicherheit. Es gibt keine Alternative zum fruchtbaren Boden, um das Leben – auch das menschliche Leben – auf Erden zu erhalten. Und es ist, wie ich in diesem Buch zeigen werde, unsere Arbeit mit der lebendigen Erde, welche uns nachhaltige Alternativen zur dreifachen Krise von Klima, Energie und Nahrung bietet. Egal wie viele Songs man auf dem iPod speichern kann, wie viele Autos man in der Garage hat oder wie viele Bücher auf dem Büchergestell – die Grundlage von allem ist die Fähigkeit der Pflanzen, Sonnenenergie aufzunehmen. Was wäre das Leben ohne fruchtbaren Boden?

Der Umstieg vom Erdöl zur Erde ist ein multidimensionaler Prozess, der Wirtschaft, Politik und Kultur umfasst.

Zuerst ist es ein wirtschaftlicher Umstieg weg von einer erdölabhängigen, globalisierten Wirtschaft – einer Wirtschaft, die Unternehmen begünstigt, indem sie Erdöl subventioniert und Kosten externalisiert – hin zu einem Netzwerk von lokalen Wirtschaften, die mit erneuerbarer Energie betrieben werden und die im veränderten Klima Bestand haben. Diese lebendigen Ökonomien sind erdverbunden – und zwar im metaphorischen wie im wortwörtlichen Sinn. Sie sind örtlich begrenzt, was unseren ökologischen Fußabdruck auf dem Planeten verkleinert und gleichzeitig unser Wohlergehen fördert. Erdverbundene Wirtschaftsweisen setzen die Natur und die Menschen ins Zentrum. Ihre Antriebskraft ist die Erhaltung des heutigen und des zukünftigen Lebens. Ihre Währung ist nicht Geld, sondern das Leben selbst.

Zweitens ist der Umstieg vom Erdöl zur Erde eine politische Angelegenheit. Es ist der Umstieg von undemokratischen politischen Strukturen – welche einer Gesellschaft Globalisierung und eine fossile Infrastruktur aufzwingen und eine massive Vertreibung von Bauern und indigenen Völkern verursachen – zu einer dezentralisierten Demokratie. In dieser Demokratie können die lokalen Gemeinden mitbestimmen, was mit ihrem Land und ihrem Leben geschehen soll. In diesem Sinn ist Erde auch eine Metapher für eine dezentralisierte Demokratie. Über ihr Gegenteil schreibt David Bosshart, Direktor des schweizerischen Gottlieb Duttweiler Instituts: »Die Konsumentendemokratie ist der Treibstoff für den Bulldozer der Globalisierung.« Die Konsumentendemokratie ist eine Pseudodemokratie, die der wirtschaftlichen Diktatur nahesteht; sie verwüstet den Boden der wirklichen Demokratie. Echte Demokratien wachsen wie Pflanzen von unten nach oben. Sie werden durch die Mitwirkung des Volkes genährt.

Drittens ist der Umstieg vom Erdöl zur Erde auch ein kultureller Wandel – von einem tödlichen Konsumismus zu einer Wiedergewinnung unserer rechtmäßigen Position als Mitschöpfer und Mitproduzentinnen mit der Natur. Das Shoppingcenter und der Supermarkt sind Tempel des Konsumismus, in denen uns die globalen Unternehmen zur Mittäterschaft verführen. Wir beteiligen uns an der Zerstörung, unserer eigenen produktiven Fähigkeiten, unserer ökologischen Rechte und unserer Verantwortung als Bürgerinnen und Bürger dieses Planeten. Die Erde lehrt uns wieder Erdenbürger zu sein. Und für diejenige Hälfte der Menschheit, welche den Boden landwirtschaftlich bearbeitet, bietet die Erde auch Schutz. Während die Globalisierung die Bäuerinnen und Bauern gewaltsam von ihrem Land vertreibt, bleibt die Erde Symbol für eine andere Kultur. Sie steht für eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Dauerhaftigkeit, eine Kultur der würdevollen Arbeit und eine aktive Kultur, welche das Leben schützt und erneuert.

Das Zusammenkommen der drei Krisen bringt auch das Zusammenkommen von drei Chancen mit sich – die Schaffung von lebendigen Wirtschaftsweisen, lebendigen Demokratien und lebendigen Kulturen. Die Erddemokratie wächst und gedeiht auf dem fruchtbaren Boden, der durch die Erde selbst, den menschlichen Erfindungsgeist und die Arbeit der Menschen geformt wird.

Das Erdölzeitalter stand für die Herrschaft des Kapitals, für zentralisierte Kontrolle und das Regieren mit harter Hand; es war ein Symbol für Umweltverschmutzung und Nichtnachhaltigkeit, für Ungerechtigkeit und Ungleichheit, für Krieg und Gewalt. Das Zeitalter der Erde hingegen symbolisiert die Muttergöttin Gaia, eine blühende Vielfalt, Demokratie, Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Frieden.

Wir werden entweder einen demokratischen Umstieg vom Erdöl zur Erde schaffen, oder aber wir werden untergehen. Die Armen, Schwachen, Ausgeschlossenen und Marginalisierten sind bereits heute bedroht. Kurzfristig können wir die Profite und den Konsumismus der Privilegierten weiterhin maximieren, wenn wir die Armen noch mehr berauben. Aber bald werden nicht einmal mehr die Reichen und Mächtigen der Rache von Gaia und der Rache der Milliarden von Ausgebeuteten entgehen können. Wir werden entweder zusammen Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und Frieden erreichen. Oder wir werden alle in der ökologischen Katastrophe, im sozialen Chaos und Konflikt versinken.

Die Erde, nicht das Erdöl, gibt den Rahmen ab, in dem wir die drohende ökologische Katastrophe und menschliche Brutalisierung in eine Chance umwandeln können, unsere Menschlichkeit und unsere Zukunft zurückzugewinnen.


Siehe auch


Vandana Shiva: Erd-DemokratieAlternativen zur neoliberalen Globalisierung



Geseko von Lüpke: Die Alternative Wege und Weltbild des Alternativen Nobelpreises.



Herbert Rauch / Alfred Strigl: Die Wende der Titanic – Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung



Jerry Mander / John Cavanough (Hrsg.): Eine andere Welt ist möglichAlternativen zur Globalisierung