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Jean Ziegler


Wir lassen sie verhungern


Die Massenvernichtung in der Dritten Welt






München 2012 (Bertelsmann); 320 Seiten; ISBN 978-3-570-10126-1






Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Menschen ist der Skandal unseres Jahrhunderts. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. Und das auf einem Planeten, der grenzenlosen Überfluss produziert. Dieser Massenvernichtung von menschlichem Leben begegnet die öffentliche Meinung mit eisiger Gleichgültigkeit – solange die alltäglichen Katastrophen nicht allzu aufdringlich »sichtbar« werden, wie etwa die Hungersnot, die seit Sommer 2011 in fünf Ländern am Horn von Afrika eine tödliche Bedrohung darstellt.

Jean Ziegler verbindet seine Erfahrungen aus acht Jahren als UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung mit seinem unermüdlichen Kampf für eine friedliche, gerechte Welt. Er erinnert an die dramatisch ungleiche Verteilung von Reichtum, an die strukturelle Gewalt unserer Weltordnung, an Milliardenzocker, die Nahrungsmittel monströs verteuern, und er zeichnet das brutale Bild des Hungers.

Es geht ihm darum, die Feinde des Rechts auf Nahrung zu entlarven und begreiflich zu machen, welche Triebkräfte und Strategien gegenwärtig für das scheinbar unaufhaltsamen Verhängnis des Hungers verantwortlich sind: vor allem die Produktion der Agrotreibstoffe, der damit verbundene Landraub durch transkontinentale Trusts und die Börsenspekulation auf Grundnahrungsmittel.

Er formuliert auch eine Hoffnung. Sie ruht auf den revolutionären Bewegungen in den Ländern der südlichen Hemisphäre und auf der wachsenden Zahl von Menschen in den westlichen Industrieländern, die sie unterstützen. Der Hunger ist kein Schicksal, er ist das Werk von Menschen und kann vom Menschen besiegt werden.


Jean Ziegler


geboren 1934 im schweizerischen Thun, lehrte bis zu seiner 2002 erfolgten Emeritierung Soziologie an der Universität Genf und als ständiger Gastprofessor an der Sorbonne/Paris, er war von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, Mitglied im Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats und im Beirat von "Business Crime Control". In jungen Jahren wurde er geprägt von seiner Freundschaft zu Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir sowie durch einen zweijährigen Afrika-Aufenthalt als UN-Experte nach der Ermordung Patrice Lumumbas („Ich habe mir geschworen, nie wieder, auch nicht zufällig, auf der Seite der Henker zu stehen.“). Bis 1999 war Jean Ziegler Nationalrat im Parlament der Schweizer Eidgenossenschaft. Seine Publikationen wie »Die Schweiz wäscht weißer« und »Die Schweiz, das Gold und die Toten« haben erbitterte Kontroversen ausgelöst und ihm internationales Ansehen gebracht. Ziegler gehört zu den international profiliertesten und charismatischsten Kritikern weltweiter Profitgier und ist derzeit Mitglied des UN-Menschenrechtsrates.


Inhaltsverzeichnis


Die Kinder von Saga

Erster Teil: Das Massaker
1. Geographie des Hungers
2. Der Unsichtbare Hunger
3. Dauerkrisen (Nachtrag 1: Das Getto von Gaza; Nachtrag 2: Die Hungerflüchtlinge aus Nordkorea)
4. Der Weg zum Himmel
5. Gott ist kein Bauer
6. »In der Schweiz hungert doch niemand«
7. Die Noma-Tragödie

Zweiter Teil: Das Erwachen des Bewusstseins
1. Der Hunger als Schicksal – Malthus und die natürliche Auslese
2. Josué de Castro, Epoche eins
3. Hitlers »Hungerplan«
4. Ein Licht in der Nacht: die Vereinten Nationen
5. Josué de Castro, Epoche zwei: Ein sehr lästiger Sarg

Dritter Teil: Das Recht auf Nahrung und seine Feinde
1. Die Kreuzritter des Neoliberalismus
2. Die apokalyptischen Reiter
3. Wenn der Freihandel tötet
4. Savonarola am Ufer des Genfer Sees

Vierter Teil: Der Ruin des WFP und die Ohnmacht des FAO
1. Das Entsetzen eines Milliardärs
2. Der große Sieg des Raubgesindels
3. Die neue Selektion
4. Jalil Jilani und ihre Kinder
5. Dioufs Niederlage (Nachtrag: Der Mord an den irakischen Kindern)

Fünfter Teil: Die Geier des »Grünen Goldes«
1. Die Lüge
2. Die Obsession des Barack Obama
3. Der Fluch des Zuckerrohrs (Nachtrag: Die Hölle von Gujarat)
4. Rekolonialisierung

Sechster Teil: Die Spekulanten
1. Die »Tigerhaie«
2. Genf, Welthauptstadt der »Tigerhaie«
3. Raub des Bodens, Widerstand der Verdammten
4. Die westlichen Staaten als Komplizen

Die Hoffnung

Danksagung
Personenregister
Sachregister


Leseprobe


Das einleitende Kapitel und ein Teil des folgenden Kapitels kann auf der Verlagsseite nachgelesen werden.






Zitate aus dem Schlusskapitel »Die Hoffnung«

Seite 300 f:

Der Planet bricht unter seinen Reichtümern zusammen. Wir haben es hier also mit keinem schicksalhaften Geschehen zu tun. Wenn eine Milliarde Menschen Hunger leiden, liegt es nicht an einer zu geringen Nahrungsproduktion, sondern daran, dass so viele Menschen keinen Zugang zu dieser Nahrung haben.

Auf unserem endlichen Planeten, auf dem keine »Entdeckungen« mehr möglich sind und keine neuen Territorien erobert werden können, bekommt diese einseitige Aneignung dessen, was die Erde uns schenkt, ein neues Gesicht. Der Skandal der ungerechten Verteilung ist ungeheuerlich.

Seite 303:

Die Lösungen sind bekannt und füllen viele Tausend Seiten von Projektentwürfen und Machbarkeitsstudien.

Wie berichtet, haben 146 der damals 193 der UNO angehörenden Staaten ihre Vertreter im September 2000 nach New York entsandt, um ein Verzeichnis der schlimmsten Tragödien anzulegen, von denen die Menschheit an der Schwelle des neuen Jahrtausend heimgesucht wurde – Hunger, extreme Armut, Wasserverschmutzung, Säuglings-Sterblichkeit, Geschlechterdiskriminierung, Aids, Epidemien, Klimazerstörung – und die Ziele für den Kampf gegen diese Geißeln festzulegen. Nach Berechnungen, die die Staats- und Regierungschefs vorlegten, müsste man, um die acht Tragödien zu besiegen – unter denen der Hunger den ersten Rang einnimmt –, fünfzehn Jahre lang eine jährliche Investition von 80 Milliarden Dollar vornehmen.

Dazu würde es genügen, bei den 1210 vorhandenen Milliardären eine jährliche Vermögenssteuer von 2 Prozent zu erheben.

Seite 304:

Es wäre so absurd wie vergeblich, von [den] Kraken der Agrarkonzerne, Geiern des »Grünen Goldes« oder »Tigerhaien« der Börsenspekulation zu erwarten, dass ihnen das Gewissen schlägt. Das Gesetz der Profitmaximierung ist ein ehernes Gesetz.

Doch wie sollen wir dann diesen Feind bekämpfen und besiegen? Von Che Guevara stammt das Wort: »Die stärksten Mauern fallen durch ihre Risse.«

Bringen wir also der gegenwärtigen kannibalischen Weltordnung, die die Menschen unter ihrer Betondecke begräbt, so viele Risse wie möglich bei!

Seite 305:

Der Bruch, der Widerstand, die Unterstützung der Gegenmächte durch die Völker sind unentbehrlich – egal, auf welcher Ebene. Ob global oder lokal. Theoretisch oder praktisch. Hier oder anderswo. Notwendig sind bewusste, konkrete Aktionen, Aufstände, Landbesetzungen etc. wie die der Bauerngewerkschafter von Ross Béthio, Benin, der Sierra Jotocán in Guatemala oder der Reisbauern von Las Pavas in Kolumbien.

In den Parlamenten, den internationalen Institutionen, können wir radikale Veränderungen durchsetzen: die Vorrangigkeit des Rechtes auf Nahrung festschreiben, Börsenspekulationen auf Grundnahrungsmittel verbieten, die Herstellung von Biotreibstoffen aus Nahrungspflanzen untersagen, das globale Kartell der Kraken des Agrarrohstoff- und Nahrungsmittelhandels zerschlagen, die Bauern gegen das Land Grabbing schützen, die Subsistenzlandwirtschaft im Namen des kulturellen Erbes erhalten und überall auf der Welt in ihre Verbesserung investieren. Die Lösungen sind da, die Waffen zu ihrer Durchsetzung verfügbar.

Was vor allem fehlt, ist der Wille der Staatengemeinschaft.

Doch zumindest im Westen können wir durch Wahlen, freie Meinungsäußerung, die Mobilisierung der öffentlichen Meinung und – warum nicht? – Streik eine radikale Veränderung der Allianzen und politischen Strategien bewirken. In der Demokratie gibt es keine Ohnmacht.

Deutschland ist die lebendigste Demokratie Europas und die vierte Wirtschaftsmacht der Welt. Durch vielfältige Formen politischen Engagements könnte das Volk auf das Parlament einwirken mit dem Ziel, das Börsengesetz zu ändern und die Spekulation auf Grundnahrungsmittel zu verbieten, das Agrardumping der EU und die Einfuhr von Agrotreibstoffen abzuschaffen. Bei der nächsten Sitzung des IWF in Washington könnten wir den deutschen Finanzminister zur Streichung der Auslandsschulden der 50 ärmsten Länder zwingen. Ich wiederhole: Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie, keine Entschuldigung für freie Bürger, nichts zu tun.


Siehe auch


Jean Ziegler: Woher kommt der Hunger in der Welt? (1999)



Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt – und ihre globalen Widersacher (2003)



Jean Ziegler: Das Imperium der Schande (2005)



Jean Ziegler: Der Hass auf den Westen (2009)



Jean Ziegler: Ändere die Welt! (2015)