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Jean Ziegler
Was ist so schlimm am Kapitalismus?

Antworten auf die Fragen meiner Enkelin


München 2019 (Bertelsmann); 128 Seiten; ISBN 978-3-570-10370-8






Kann der herrschende globale Kapitalismus gebändigt, eingehegt, reformiert werden, ist er humanisierbar? – Diese Frage steht im Zentrum des Gesprächs zwischen Jean Ziegler und seiner Enkelin Zohra. Beginnend mit der Genese des Kapitalismus aus früheren Gesellschaftsformationen, der Abfolge von Klassenkämpfen, dem Triumph des Bürgertums in der Französischen Revolution entfaltet Jean Ziegler sein kritische Analyse der weltumspannenden Herrschaft des Kapitals, der ungeheuren Dynamik dieses Systems, der Entfesselung der Produktivkräfte, der gigantischen Errungenschaften in Wissenschaft und Technik. Die kapitalistische Produktionsweise steht all diesen unbestreitbaren Fortschritten zum Trotz für eine zutiefst ungerechte, kannibalische Weltordnung, die extremen Reichtum in ganz wenigen Händen konzentriert und fürchterliches Elend, Hunger und Verzweiflung vor allem in den Ländern der südlichen Hemisphäre zur Folge hat. Eine Ordnung, die um des maximalen Profits willen eine massive Umweltzerstörung, die Vergiftung von Böden, Flüssen und Meeren sowie die Rodung von Regenwäldern, billigend in Kauf nimmt, in der eine Klimakatastrophe immer näher rückt. Diese Ordnung stellt eine tödliche Gefahr für unseren Planeten und die Menschheit dar.

Aus dem kapitalistischen System und der neoliberalen Wahnidee als seiner Legitimation scheint es kein Entkommen zu geben. Dieses System muss, so Jean Ziegler, „radikal zerstört“ werden. Er setzt dabei auf ein neues historisches Subjekt: die weltweite Zivilgesellschaft. Männer und Frauen, die verschiedensten Völkern, Kulturen, sozialen Klassen angehören, organisieren den Widerstand.

(Klappentext)


Jean Ziegler


geboren 1934, lehrte Soziologie in Genf und an der Sorbonne. Bis 1999 Nationalrat im Eidgenössischen Parlament. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Heute ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats und Träger verschiedener Ehrendoktorate und internationaler Preise, wie z.B. des Internationalen Literaturpreises für Menschenrechte (2008).


Inhaltsverzeichnis


Das Interview – die Enkelin, eine aufgeweckte junge Frau, befragt ihren Großvater, den emeritierten Professor – ist in neun nummerierte Abschnitte unterteilt ohne Kapitelüberschriften.


Leseprobe


Neulich abends hat Mama mich ganz aufgeregt gerufen: Du warst im Fernsehen und hast mit einem – offenbar recht liebenswürdigen – Herrn über den Kapitalismus diskutiert. Aber ihr wart euch in gar nichts einig. Ich habe nicht viel von eurem Streit verstanden, aber du hast ziemlich zornig ausgesehen. Warum?

Du hast recht, Zohra, ich war wütend. Der Mann, der mir gegenübersaß, war Peter Brabeck-Letmathe, Präsident von Nestlé, dem mächtigsten transkontinentalen Nahrungsmittelkonzern der Welt. Heute steht Nestlé, das vor 150 Jahren in der kleinen Schweiz gegründet wurde, auf Platz 27 der weltgrößten Unternehmen.

Das verstehe ich nicht. Nestlé stellt gute Schokolade her! Und wenn die Schweiz es schafft, Unternehmen hervorzubringen, die ihre Geschäfte auf allen Kontinenten abwickeln, warum macht dich das zornig?

Weil Peter Brabeck sich ständig auf die Theorie seines Freundes Rutger Bregman beruft, eines berühmten holländischen Wirtschaftswissenschaftlers. Doch ich wehre mich gegen dessen Geschichts- und Wirtschaftsverständnis. Vor allem behauptet er Folgendes: »Während 99 Prozent der Weltgeschichte waren 99 Prozent der Menschheit

arm, hungrig, schmutzig, furchtsam, dumm, hässlich und krank… Das alles hat sich im Laufe der letzten 200 Jahre geändert … Milliarden von uns sind heute reich, gut genährt, sicher und gelegentlich sogar schön. Selbst jene, die wir immer noch »die Armen« nennen, leben heute unter nie da gewesenen Bedingungen des Überflusses.«

Peter Brabeck behauptet, die kapitalistische Ordnung sei die gerechteste Organisationsform, die die Erde je gesehen habe, und garantiere die Freiheit und das Wohlergehen der Menschheit.

Und das ist nicht wahr?

Natürlich nicht! Das Gegenteil ist wahr!

Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden von Kindern durch Unterernährung, Hunger und Hungerkrankheiten, für Epidemien, die schon lange von der Medizin besiegt wurden, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die Vergiftung der Böden, des Grundwassers und der Meere, die Vernichtung der Wälder…

Gegenwärtig sind wir 7,3 Milliarden Menschen auf unserem schutzlosen Planeten. 4,8 Milliarden, das heißt mehr als zwei Drittel, leben in einem Land der südlichen Hemisphäre, davon Hunderte Millionen unter unwürdigen Bedingungen. Die Mütter haben panische Angst vor dem Morgen, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Kinder einen weiteren Tag ernähren sollen. Die Väter werden erniedrigt, verachtet bis in ihre Familien hinein, weil es ihnen nicht gelingt, Arbeit zu finden – sie sind Opfer der sogenannten Dauerarbeitslosigkeit. Die Kinder wachsen in Elend und Angst auf, häufig sind sie Opfer häuslicher Gewalt, ihre Kindheit liegt in Trümmern. Für zwei Milliarden Menschen – die gemäß Weltbank in »extremer Armut« leben – gibt es keine Freiheit. Ihre einzige Sorge ist ihr Überleben.

Die verheerenden Auswirkungen der Unterentwicklung sind Hunger, Durst, Epidemien und Krieg. Sie vernichten jedes Jahr mehr Männer, Frauen und Kinder als die fürchterliche Schlächterei des Zweiten Weltkriegs in sechs Jahren. Was viele von uns zu der Auffassung bringt, dass für die Völker der Dritten Welt der »Dritte Weltkrieg« längst begonnen hat.

Wenn ich das recht verstehe, seid ihr, Brabeck und du, vollkommen entgegengesetzter Meinung. Ihr konntet euch über die Wohltaten und Missetaten des Kapitalismus absolut nicht einigen.

Du hast recht. Für mich – und für all diejenigen, die meine Meinung teilen – hat der Kapitalismus eine kannibalische Ordnung geschaffen: Überfluss für eine kleine Minderheit und mörderisches Elend für die große Mehrheit.

Ich bin ein Feind des Kapitalismus. Ich bekämpfe ihn.

Dann muss man also schlicht und einfach den Kapitalismus abschaffen?

Meine liebe Zohra, die Antwort ist nicht einfach.

Einer Minderheit der Menschen, vor allem denjenigen, die die nördliche Hemisphäre bewohnen oder die zu den herrschenden Klassen der Länder des Südens gehören,haben die beeindruckenden industriellen, wissenschaftlichen, technologischen Revolutionen, die das kapitalistische System während der letzten zwei Jahrhunderte in Gang gesetzt hat, einen nie da gewesenen wirtschaftlichen Wohlstand gebracht. Die kapitalistische Produktions weise beweist eine verblüffende Vitalität und Kreativität. Da die Eigentümer des Kapitals enorme Finanzmittel konzentrieren, menschliche Begabungen mobilisieren, sich Wettbewerb und Konkurrenz zunutze machen, kontrollieren die mächtigsten Eigentümer des Kapitals das, was die Wirtschaftswissenschaftler »problematisches Wissen« nennen, das heißt die wissenschaftliche und technologische Forschung auf so verschiedenen Gebieten wie Elektronik, Informatik, Pharmazie, Medizin, Energie, Luftfahrt, Astronomie, Materialwissenschaft und so fort.

Dank der von ihnen gesponserten Labors und Universitäten erzielen sie spektakuläre Fortschritte in der Biologie, Genetik, Physik etc. In den Laboratorien der Pharmaunternehmen – Novartis, Hoffmann-La Roche oder auch Sanofi – wird fast jeden Monat ein neuer Wirkstoff, ein neues Medikament entwickelt; an der Wall Street kommt fast alle drei Monate ein neues Finanzinstrument in Umlauf. Ununterbrochen steigern die transkontinentalen Nahrungsmittelunternehmen die Produktion, diversifizieren die Saatgüter, entwickeln immer rentablere Düngersorten, steigern die Ernten und erfinden immer wirksamere Pestizide, um sie zu schützen; die Astrophysiker beobachten andere Sternsysteme, die um ihre eigenen Sonnen kreisen, und entdecken fortwährend neue Exoplaneten; die Autoindustrie konstruiert jedes Jahr robustere und schnellere Fahrzeuge; Wissenschaftler und Ingenieure schicken immer leistungsfähigere Satelliten ins All; Tausende von Patenten, die Tausende von neuen Erfindungen auf allen Gebieten des menschlichen Lebens schützen, werden Jahr für Jahr von der WIPO, der Weltorganisation für geistiges Eigentum in Genf, erteilt.

Wenn ich Dich recht verstehe, beeindruckt dich die kapitalistische Produktionsweise durch ihren Erfindungsreichtum und ihre schöpferische Kraft…

Genau, Zohra, Stell dir vor: Zwischen 1992 und 2002, während eines Jahrzehnts, hat sich das Bruttoweltprodukt – also die Summe aller auf der Welt in einem Jahr produzierten Güter – verdoppelt und das Welthandelsvolumen verdreifacht. Der Energieverbrauch verdoppelt sich im Durchschnitt alle vier Jahre.

Zu Beginn unseres Jahrtausends kommt die Menschheit zum ersten Mal in den Genuss eines Güterüberflusses. Der Planet ächzt unter seinen Reichtümern. Die verfügbaren Güter übersteigen die Grundbedürfnisse der Menschen um ein Vielfaches.

Also hat der Kapitalismus auch seine guten Seiten?

Die kannibalische Weltordnung, die er geschaffen hat, muss radikal zerstört werden, aber die wunderbaren Errungenschaften der Wissenschaft und Technik wollen wir nicht nur erhalten, sondern noch potenzieren. Die Arbeit, die Begabungen, der Erfindungsgeist des Menschen sollen dem Gemeinwohl – also allen Menschen – dienen und nicht nur der Bequemlichkeit, dem Luxus, der Macht einer Minderheit. Ich werde dir später erklären, unter welchen Bedingungen sich die neue Welt, von der die Männer und Frauen träumen, verwirklichen lässt. Im Augenblick lass mich dir erzählen, woher der Kapitalismus kommt.




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