langelieder > Bücherliste > Radermacher 2007




Franz Josef Radermacher / Bert Beyers
Welt mit Zukunft

Überleben im 21. Jahrhundert
Bericht an die Global Marshall Plan Initiative


Hamburg 2007 (Murmann); 224 Seiten; ISBN 978-3-938017-86-9






»Der Welt droht ein ökologischer Kollaps, wenn sie die sozialen Fragen zulasten der Umwelt zu lösen versucht. Und ihr droht eine Brasilianisierung, das heißt eine unakzeptable Wohlstandsverschiebung von der Mehrheit der Menschen zu profitierenden Eliten inklusive der Auflösung der Demokratie, falls sie die ökologischen Probleme zulasten der sozialen Probleme zu lösen versucht.

Mit Nachhaltigkeit kompatibel ist nur eine balancierte Zukunft, ein weltweites ökosoziales Marktmodell, in dem die reiche Welt in Form einer doppelten Zurückhaltung, mittels Kofinanzierung und geeignet austarierten Marktöffnungen der ärmeren Welt ein Aufholen im Sinne einer akzeptablen Ausgleichsstruktur ermöglicht, wobei Reich und Arm bei abgestimmter Zurückhaltung gemeinsam der Umwelt und der Ressourcenbasis den Raum geben, der naturgesetzlich erforderlich ist, um einen ökologischen Kollaps zu verhindern.«


(Aus dem Vorwort)


Ein Kritikpunkt


Franz Josef Radermacher


Jahrgang 1950, ist ist Mathematiker und Wirtschaftswissenschaftler, Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm, gleichzeitig Professor für Datenbanken und Künstliche Intelligenz an der Universität Ulm. Er ist Mitglied des Club of Rome, Präsident des Bundesverbandes für Wirtschaftsförderung und Außenwirtschaft (BWA) Träger des Global Consciousness Award und ausgezeichnet mit dem Preis des Landes Salzburg für Zukunftsforschung (Robert-Jungk-Preis). Bücher: Balance oder Zerstörung: Ökosoziale Marktwirtschaft als Schlüssel zu einer weltweiten nachhaltigen Entwicklung (2002); Global Marshall Plan / A Planetary Contract. For a Worldwide Eco-Social Market Economy (2004); Globalisierung gestalten – Die neue zentrale Aufgabe der Politik (2006)




Bert Beyers


ist Philosoph und Redakteur beim NDR in Hamburg. Er ist u.a. Autor des Buches Die Zukunftsmacher (1999) und Koautor von Corporate Foresight (2004).




Global Marshall Plan


Die Global Marshall Plan Initiative setzt sich ein für ein verbessertes und verbindliches globales Rahmenwerk für die Weltwirtschaft, das die Wirtschaft mit Umwelt, Gesellschaft und Kultur in Einklang bringt.


Inhaltsverzeichnis


Vorwort
von HRH Prinz El Hassan bin Talal, Jordanien
Präsident des Club of Rome






Einleitung






Superorganismus Menschheit



Bevölkerungswachstum: Ein Programm läuft aus – Chaotische Zustände? – Der Motor der Geschichte: Kommunikation und Interaktion – Der Mensch hält das hohe Tempo nicht mehr aus – Achtung Bumerang: Neue Technik gebiert neue Probleme – Technischer Fortschritt? – Eine zukünftige stabile Welt ist denkbar – Rechner verändern die Welt – Die Intelligenz von Superorganismen – Superorganismus Menschheit: Eine Chance






Der Mythos vom freien Markt



Wir haben nur diesen einen Planeten – Wie löst man ein Gefangenendilemma? – Reiche verursachen die meiste Verschmutzung – Wohlhabende Länder sind sozial ausgeglichen – Reichtum ist systemischer Natur – Konkurrenz ist wichtig, Kooperation ist wichtiger – Ökosoziale Marktwirtschaft als Garant höchsten Wachstums – Wer die Regeln setzt, hat die Macht






Aufklärung in Zeiten der Globalisierung



Ökosozial statt marktradikal – Eine bessere Globalisierung ist möglich – Technik ist eine Chance – Für ein Ökosoziales Weltwirtschaftswunder – Zukunft braucht Werte – Aufklärung in Zeiten der Globalisierung






Globale Ökosoziale Marktwirtschaft



Szenario 1: »Kollaps« – Szenario 2: »Ökodiktatur/Brasilianisierung« – Szenario 3: »Globale Ökosoziale Marktwirtschaft« – Globalisierung gestalten – Europa als Erfolgsmodell – Wie schafft man einen Weltvertrag?






Der Global Marshall Plan



Eine Investition in die Zukunft – Ziel 1: Millenniumsentwicklungsziele verwirklichen – Ziel 2: Pro Jahr zusätzlich 100 Milliarden US-Dollar aufbringen – Ziel 3: Faire Mechanismen zur Bereitstellung der Mittel – Ziel 4: Ein Grand Design für die globale Ökosoziale Marktwirtschaft – Ziel 5: Selbstgesteuerte Entwicklung er möglichen






Epilog






Anmerkungen, Webadressen
Literatur, Danksagung


Leseprobe


Vorwort
von HRH Prinz El Hassan bin Talal, Jordanien
Präsident des Club of Rome






Zu Beginn des 2 1. Jahrhunderts befindet sich die Welt in einer extrem schwierigen Situation: Ökologische Probleme, Kampf um Ressourcen, eine drohende Klimakatastrophe, eine Verschärfung der Arm-Reich-Problematik, Konflikte und Unverständnis zwischen Kulturen, eine unkontrollierte Ausweitung der Geldmenge mit völlig asymmetrischem Zugriff auf diese Volumina etc.






Aus der Sicht des Club of Rome ist das nicht überraschend. Wir haben schon 1972 mit dem Bericht Grenzen des Wachstums die Risiken aufgezeigt, die mit der dominierenden Wirtschaftsweise und Governance-Struktur in dieser Welt verbunden sind. Dies gilt vor allem für eine Forcierung von »freien« Märkten ohne adäquate Rahmenbedingungen, also ohne ausreichende Berücksichtigung sozialer, kultureller und ökologischer Anliegen, die Voraussetzung sind für eine lebenswerte, friedliche und mit einer nachhaltigen Entwicklung kompatiblen Welt.






Club of Rome-Mitglieder haben sich in den letzten Jahren aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit den angesprochenen Fragen beschäftigt. So Wouter van Dieren in seinen Untersuchungen zu einer besseren Methodik zur Messung von Wirtschaftsleistung und Wachstum, Ernst Ulrich von Weizsäcker mit Partnern in seinen Arbeiten zur Erhöhung der Ressourcenproduktivität (Faktor 4) und zu den Grenzen von Privatisierungen, und Orio Giarini und Patrick M. Liedtke in ihrem Bericht zu der sehr grundsätzlichen Frage nach der Zukunft der Arbeit. Die Studien zur Zukunft der Arbeit erfolgen vor dem Hintergrund des Übergangs in eine Wissensgesellschaft mit hohem Serviceanteil, immer weitergehender Automatisierung und weltweiter Konkurrenz bei extrem unterschiedlichen Entlohnungsniveaus.






Alle genannten Untersuchungen reflektieren Chancen und Risiken aktueller Entwicklungen und offensichtliche Fehlsteuerungen in den weltweiten Prozessen. Das gilt auch für zwei weitere wichtige Publikationen aus dem Umfeld des Club of Rome, nämlich das vor kurzem erschienene 30-Jahre-Update von Grenzen des Wachstums, an dem erneut Dennis Meadows als Hauptautor beteiligt war, und das vor kurzem erschienene Buch des Club of Rome-Mitglieds Sergey P. Kapitza zur Weltbevölkerungsproblematik.






Alle genannten Berichte unterstreichen, wie groß die Herausforderungen sind, und alle sind wichtige Bezugspunkte des vorliegenden Textes von Franz Josef Radermacher und Bert Beyers. In einer Zusammenschau wird deutlich: Wir haben die Zeit seit 1972 nicht gut genutzt. Viel Zeit wurde vertan in einem Globalisierungs-Hype, der nur die Gewinner, nicht aber die Verlierer der weltökonomischen Prozesse im Blick hat.






Das vorliegende Buch fragt vor diesem Hintergrund nach der Zukunft der Menschheit. Unser sehr aktives Club-of-Rome-Mitglied Franz Josef Radermacher hat hierzu wesentliche Überlegungen in jahrelanger wissenschaftlicher Arbeit erstellt. Dies geschah in wichtigen Themenbereichen in enger Zusammenarbeit mit dem leider viel zu früh verstorbenen Robert Pestel von der deutschen Sektion des Club of Rome, Sohn von Eduard Pestel, eines der Gründungsmitglieder des Clubs. In diese Arbeiten war auch Mike Mesarovic, eines unserer Mitglieder der ersten Stunde, involviert. Die Arbeiten zeichnen im Wesentlichen folgendes Bild: Der Welt droht ein ökologischer Kollaps, wenn sie die sozialen Fragen zulasten der Umwelt zu lösen versucht. Und ihr droht eine Brasilianisierung, das heißt eine unakzeptable Wohlstandsverschiebung von der Mehrheit der Menschen zu profitierenden Eliten inklusive der Auflösung der Demokratie, falls sie die ökologischen Probleme zulasten der sozialen Probleme zu lösen versucht.






Mit Nachhaltigkeit kompatibel ist nur eine balancierte Zukunft, ein weltweites ökosoziales Marktmodell, in dem die reiche Welt in Form einer doppelten Zurückhaltung, mittels Kofinanzierung und geeignet austarierten Marktöffnungen der ärmeren Welt ein Aufholen im Sinne einer akzeptablen Ausgleichsstruktur ermöglicht, wobei Reich und Arm bei abgestimmter Zurückhaltung gemeinsam der Umwelt und der Ressourcenbasis den Raum geben, der naturgesetzlich erforderlich ist, um einen ökologischen Kollaps zu verhindern.






Sehr überzeugend ist, wie diese Position auch aus weltethischer Sicht motiviert wird, die mit allen großen Religionen, aber auch mit der Perspektive eines interkulturellen Humanismus kompatibel ist. Das Weltethos wird in Deutschland insbesondere durch Hans Küng vertreten, mit dem ich selber, der ich aus dem islamischen Teil der Welt komme, eng zusammenarbeite. Wir verfolgen das Thema auch beim Parliament of Cultures in Ankara, in dem Franz Josef Radermacher mitwirkt. In all diesen Kontexten geht es um ökologische Anliegen (den Globus intakt zu halten) und sozial-kulturelle Anliegen (die Würde aller Menschen zu achten), inspiriert auch von geeigneten Ausformulierungen der so genannten goldenen Regel: »Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu.« Auf diesen Fundamenten steht das vorliegende Buch.






Wird diese friedliche, nachhaltige Zukunft erreicht werden? Franz Josef Radermacher hält den vielversprechenden Weg einer weltweiten ökosozialen Logik nicht für einen Selbstläufer. Starke Kräfte wirken in eine ganz andere Richtung – nichts ist entschieden. Schwierige Zeiten! Dass es gehen kann, beweist die Europäische Union in ihren Erweiterungsprozessen. Aber sind die reichen Länder – insbesondere die USA – gegenüber dem Rest der Welt zu einer ähnlichen Politik der »Kofinanzierung gegen Standards« bereit, wie sie innerhalb der EU selbstverständlich ist? Oder werden mächtige Kräfte weiter versuchen, über Brainwash-Konstrukte, wie zum Naturgesetz erhobene Begriffsbildungen à la »freie Märkte«, den Globus zu plündern, und damit Kollaps und Terror/Bürgerkrieg heraufbeschwören?






Dieses Buch bleibt nicht bei der Analyse stehen. Mit dem Global Marshall Plan werden eine Initiative und ein Konzept beschrieben, um vielleicht noch rechtzeitig die Weichen in eine andere Richtung zu lenken. Der Club of Rome und ich persönlich wie auch mein Vorgänger im Amt des Club-of-Rome-Präsidenten, Ricardo Diez-Hochleitner, unterstützen die Global Marshall Plan Initiative seit ihren Anfängen 2003. Der Plan ist eine unserer wenigen hoffnunggebenden Optionen in schwierigen Zeiten.






Ich hoffe, dass das vorliegende Buch dazu beitragen wird, dass Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Medien, Nichtregierungsorganisationen und Weltzivilgesellschaft die Chance begreifen, die in dem Konzept einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft und eines Global Marshall Plan, basierend auf einem Weltethos, liegt. Immer mehr Akteure scheinen das zu verstehen. Hoffentlich rechtzeitig!









Die Einleitung kann auf der Website des Verlags nachgelesen werden.









Globale Ökosoziale Marktwirtschaft
Abschnitt: Globalisierung gestalten






Die aktuelle Lage ist ausgesprochen labil. In den aktuellen weltpolitischen Prozessen gibt es von allen betrachteten Zukunftsszenarien etwas: (1) den Raubbau an Umwelt und Ressourcen und in der Folge die Gefahr des Kollaps und (2) den massiven sozialen Rückbau in den entwickelten Ländern und damit Prozesse, die in Richtung Brasilianisierung / Ressourcendiktatur weisen. Auf der anderen Seite treten (3) auch ökosoziale Elemente zutage, etwa in der Politik der Europäischen Union. Wir befinden uns im Sinne der Chaostheorie in der Nähe eines Verzweigungspunktes. In der momentanen Situation können Ereignisse in der Politik, in der Wirtschaft, im militärischen Bereich, auch Terrorakte etc. kaskadenhafte Folgeeffekte nach sich ziehen (tipping-point-Situation).






Die Globalisierungsprozesse weisen so, wie sie heute organisiert sind, in die verkehrte Richtung. Was für die Mehrheit der Menschen und für die Umwelt genau das Falsche ist, ist unter den gegebenen Spielregeln für die Gewinner dieser zerstörerischen Prozesse gerade das Attraktive – auch wenn sie in der Regel nicht zugeben würden, dass sie die Negativkonsequenzen ihrer Handlungen befürworten. Schnell ist die Schuld bei finsteren Potentaten oder Sozialschmarotzern gefunden, die dazu beitragen, dass auf diesem Globus am Ende immer das Gegenteil von dem herauskommt, was angeblich alle wollen. In Wirklichkeit sind aber die systemischen Bedingungen die Wurzel des Übels, die ihrerseits auch noch finstere Potentaten und Sozialschmarotzer hervorbringen.






Die gewaltige Herausforderung der Ökosozialen Marktwirtschaft liegt darin, dass sie nicht mehr in abgeschotteten Räumen zu haben ist, Europa wird keine Insel der Seligen in einem marktradikalen Umfeld bleiben können. Die Ökosoziale Marktwirtschaft kommt entweder global, oder sie kommt gar nicht.






Ihre Ziele sind:






1.

Weltweit verbindliche soziale und ökologische Standards im Interesse aller Menschen und im Interesse des gemeinsamen Lebensraums. Die schrittweise Entwicklung solcher Standards in ärmeren Ländern bedarf einer fairen Kofinanzierung, die über die Förderung der UN-Millenniumsentwicklungsziele und deren Umsetzung hinausgehen muss. Im Sinne einer möglichst praktikablen Global Governance erscheint es sinnvoll, die bestehenden internationalen Institutionen in den Dienst dieser Vorhaben zu stellen. Das erfordert selbstverständlich Beschlüsse der jeweiligen Mitglieder über geänderte Spielregeln und Aufgabenstellungen von WTO, Weltbank und anderer Organisationen.







2.

Ein neues Bretton-Woods-Abkommen im Sinne eines neuen und durchsetzbaren Ordnungsrahmens für die globalen Finanzmärkte, um einseitigen Bereicherungsprozessen und um dem Gefahrenpotenzial der Spekulation begegnen zu können und um einen Kollaps der Weltfinanzmärkte vielleicht gerade noch rechtzeitig zu verhindern. Die Bedrohung resultiert unter anderem aus der dramatischen Überschuldungssituation der USA sowie aus einer gigantischen, nicht gedeckten Geldschöpfung im Weltfinanzsystem, vor allem im Bereich der Kreditgenerierung, was in der Folge von Basel II verstärkt wurde. Diese Geldwertschöpfung richtet sich zurzeit noch auf die so genannten Asset-Märkte, zum Beispiel Immobilien oder unterschiedliche Formen von Verbriefungen, und taucht insofern (noch) nicht als Inflationsrate in den normalen Konsummärkten auf.







3.

Ein entscheidender Eckpunkt für eine weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft ist die Entwicklung weltweit verbindlicher steuerpolitischer Grundsätze. Dazu zählen unter anderem die vergleichbare Besteuerung von nationalen und transnationalen Unternehmen und die Beseitigung von Steueroasen. Eine immer extremere Lastenverteilung soll dadurch korrigiert, der »Steuerwettlauf nach unten« überwunden und die Finanzierung der Erfordernisse des Gemeinwohls gewährleistet werden.







4.

Das mittelfristige Ziel einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft wäre die Entwicklung einer Art globalen Finanzausgleichs, um die Lebensqualität aller Menschen auf dem Globus zu sichern. Es geht darum, ein weltweites Prinzip zu etablieren, das Zusammenhalt stiftet: Wohlstand für alle, aber weltweit und stets im Rahmen ökologischer Nachhaltigkeit.







5.

In diesem Sinne ist die weltweite Durchsetzung des Verursacherprinzips und der ökologischen Kostenwahrheit ein Kernelement weltweiter Ökosozialer Marktwirtschaft.






All das ist im Rahmen der gegebenen Freihandelslogik nicht möglich. Wollte man das Modell einer Ökosozialen Marktwirtschaft auf den Welthandel übertragen, wäre ein neues Design der Regelwerke erforderlich: der WTO-Standards, die den Handel fördern, dazu IWF- und Weltbank-Standards, die den Geldbereich betreffen, sowie den Standards der International Labour Organization (ILO), die sich mit Arbeitnehmer- und mit Menschenrechten, insbesondere dem Verbot (brutaler Formen) der Kinderarbeit, befassen, schließlich UNEP- und UNESCO-Standards, die den Umweltschutz und die Förderung der kulturellen Vielfalt zum Gegenstand haben. Alle diese globalen Systeme müssten auf internationaler Ebene vernünftig miteinander verschränkt und zur Wirkung gebracht werden.






Noch duldet der über die WTO -Regeln geförderte Freihandel die Kinderarbeit, die von der ILO verboten wird, von anderen Menschenrechtsfragen ganz zu schweigen. Die globalen Regelwerke sind nicht nur inkohärent, sie haben auch eine gewaltige Schlagseite. Soziale, kulturelle und ökologische Fragen stehen in der zweiten Reihe und können in der Regel international nicht durchgesetzt werden. Ganz anders sieht das bei den Handels- und Geldsystemen aus. Nur sie sind mit der Macht ausgestattet, ihre Prinzipien mit Hilfe von Schiedsgerichten, durch Geldentzug, Strafzölle, Polizeimaßnahmen bis hin zu Militärinterventionen durchzusetzen. Die dort angewandten Prinzipien hinsichtlich der Frage, welche Waren gehandelt werden dürfen beziehungsweise müssen, beinhalten eben auch, dass man sich nicht an die anderen Prinzipien, zum Beispiel der ILO bezüglich eines Verbots der Kinderarbeit, halten muss, um am Handel oder am internationalen Kreditgeschehen teilnehmen zu können. Ganz im Gegenteil, man wird verklagt und bestraft, wenn man versucht, den Handel entsprechender Güter zu unterbinden. So werden dann letztlich Umwelt-, Sozial- und Kulturstandards in ärmeren Ländern über IWF- und Weltbankaktivitäten ausgehebelt.


Ein Kritikpunkt


Im Abschnitt Der Mensch hält das hohe Tempo nicht mehr aus (S. 34 ff) wird Sergey Kapitzas These erläutert, „dass wir uns dem Punkt nähern, an dem die bisherigen Wachstumsmuster der Menschheit zwangsläufig abbrechen, weil der Superorganismus Menschheit die nötigen Innovationen nicht mehr schnell genug liefern kann. (...) Die ultimative Grenze für die Größe der Menschheit ist die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns, der entscheidende Engpass ist die erreichbare Innovationsgeschwindigkeit. Die Innovationen, die heute notwendig wären, um die Probleme der Menschheit bei weiterem Wachstum gemäß der bisherigen Logik zu lösen, würde die ‚Hardware‘ des Menschen völlig überfordern.“ Diese These legt die Folgerung nahe, dass die globale Krisensituation beherrscht werden könnte, wenn die Leistungsfähigkeit unseres Großhirns nur groß genug wäre, um einer beliebig hohen Innovationsgeschwindigkeit standhalten zu können.

Diese Folgerung halte ich für falsch.

Es stimmt, dass der Mensch das hohe Tempo nicht mehr aushält. Aber nicht, weil er nicht innovativ genug ist, sondern erstens, weil seine Seele viel weniger Innovationen verkraftet als sein Geist hervorzubringen vermag, und zweitens, weil seine Innovationen, verstärkt durch Bumerangeffekt und Globalisierung, eine Menge unerwünschter Nebenwirkungen nach sich ziehen, die das ökologische und soziale System – und damit auch den Menschen – überfordern. Nach Kapitzas These müsste jedes einzelne Problem, das als Folge unserer Innovationen auftritt, wieder mit einer Innovation beantwortet werden. Meiner Meinung nach hat diese Strategie, nach der wir bisher verfahren, unter den Bedingungen der Globalisierung nichts anderes zur Folge als eine enorme Vervielfältigung der Probleme. Die Grenze der Innovationsgeschwindigkeit wird nicht von den Großhirnfähigkeiten des Menschen vorgegeben, auch nicht vom Superorganismus Mensch, sondern vom übergeordneten Superorganismus Ökosphäre. Wenn unsere Innovationen immer gleich global wirksam werden – wie sie das jetzt tun – dann dürfen wir nicht mehr beliebig viele davon in beliebig kurzer Zeit verwirklichen.

Eine sehr treffende Formulierung unseres Problems hier auf Erden fand ich vor einem Jahrzehnt in den Vorträgen und Büchern des gesellschaftlich engagierten Astrophysikers Peter Kafka (1933-2000), der es meiner Meinung nach verdient hätte, viel öfter von anderen Autoren zitiert zu werden. Er beschrieb die globale Krise, in der wir uns befinden, als eine Beschleunigungskrise: „Das Wesen der Krise liegt darin, daß das Große und das Schnelle im Evolutionsprozeß einen Selektionsvorteil haben und daß deshalb die Innovationsgeschwindigkeit und die globale Vereinheitlichung so lange zunehmen, bis das Neue nicht mehr in genügend vielen unabhängigen Versuchen und nicht mehr hinreichend lange ausprobiert werden kann. Deshalb passen die verschiedenen Teile der Wirklichkeit immer weniger zusammen. Wie ich es schlagwortartig zusammenzufassen pflege: Die logischen Voraussetzungen erfolgreicher evolutionärer Wertschöpfung sind verletzt, seit Vielfalt und Gemächlichkeit durch Einfalt und Raserei ersetzt wurden. Abbau und schließlich Zusammenbruch der komplexen Ordnung von Biosphäre und Gesellschaft setzen ein.“ (1) An anderer Stelle: „Wir müssen verstehen lernen, wovon es eigentlich abhängt, ob der Fortschritt ‚aufwärts‘ oder ‚abwärts‘ führt. (...) Entscheidend ist die Einsicht, daß zwar größere Organisationsform und höhere Innovationsgeschwindigkeit ‚selektive Vorteile‘ in der evolutionären Konkurrenz haben – daß es aber selbstverständlich für beides kritische Grenzen gibt. Die Grenze der Größe ist klar: Globaler als global kann‘s nicht werden. Aber auch die kritische Grenze der Fortschrittsgeschwindigkeit ist leicht zu begreifen: Wenn an der Front im Reich der Möglichkeiten so schnell vorangestürmt wird, daß völlig unerprobte Bereiche verwirklicht werden, bevor auch nur einmal der Lebenszyklus der führenden Gestalten durchlaufen ist, dann wird es extrem unwahrscheinlich, daß Neues und Altes noch auf lebensfähige Weise zusammenpassen. Die Wirklichkeit findet dann im Raum der Möglichkeiten nicht mehr aufwärts zu höherer Komplexität, sondern taumelt abwärts, in kompliziertes Chaos. (...) Die irdische Schöpfungsgeschichte konnte erst mit dem Menschen in diese Krise geraten. Ich habe sie die globale Beschleunigungskrise genannt. Die Untergangssymptome in Biosphäre und Gesellschaft zeigen uns: Unsere Zeit ist die singuläre Stelle in der irdischen Geschichte, an der die kritischen Grenzen des Großen und Schnellen erreicht werden. Dies mußte irgendwann geschehen – und wir sind es, die es trifft. Aber Krise heißt nicht Untergang, sondern Entscheidung. Die Systemlogik zeigt: Die innere Zeitskala der globalen Instabilität ist ein Menschenalter. Wir und unsere Kinder werden also die Entscheidung treffen.“ (2)

Die nah-chaotische Situation auf unserem Planeten ist also nicht auf die mangelnde Innovationsfreudigkeit oder -fähigkeit des Menschen zurückzuführen, sondern auf die zu schnelle Abfolge global wirksamer Innovationen, die im komplexen System Ökosphäre Turbulenzen erzeugt. Die Krise zwingt uns jetzt zwar auf bestimmten Gebieten zu schnellem Handeln, dieses Handeln muss aber vor allem darauf abzielen, unsere „Gewohnheiten“ so zu verändern, dass sie gerade nicht mehr so „innovativ“ auf den Globus wirken wie bisher, sondern einem organischen Wachstum Raum und Zeit lassen.

Die Folgen einer Erneuerung – sprich: Veränderung – können in einem komplexen System nicht auf längere Sicht vorausgesehen werden. Zunächst ist so gut wie jede Veränderung eine Störung. Ob sie sich auf Dauer als Vorteil erweist, also bewährt, zeigt sich erst im Laufe der Zeit. Es gibt kein anderes zuverlässiges Kriterium für die „Richtigkeit“ einer Erneuerung als die Bewährung. Wenn der Fortschritt in einem komplexen System wie der Ökosphäre durch die ständigen evolutionären Veränderungen „aufwärts“ führen soll, dann braucht dieses System also genügend Zeit, um gestörte Regelkreise neu einzuspielen zu können; wenn ein komplexes System wie der Superorganismus Menschheit sich „richtig“ verhalten können soll, dann braucht es Zeit, um aus Fehlern wirklich lernen zu können.

Selbstverständlich ist ein System nur lebensfähig, wenn es mit Fehlern umgehen kann, und umso robuster, je größer seine Fehlertoleranz ist. Das System lernt aus Fehlern. Die Geschicklichkeit des Homo habilis und die Klugheit des Homo sapiens kommen aus dem Experimentieren, und Experimentieren heißt, dass es auch zu Fehlschlägen, Abstürzen und Bruchlandungen kommen kann. Mit dem Experimentieren müssen wir dann aufhören, wenn ein Fehlschlag ausgeschlossen werden soll – weil er uns das Leben kosten würde. Wir sollten also nicht mit unserer Ökosphäre experimentieren, indem wir zu schnell an den „Stellschrauben“ des globalen Systems herumdrehen – die Folgen sind nicht absehbar.

Die Globalisierung allein stellt noch kein Problem dar, solange es sich dabei um die allmähliche Verbreitung von langfristig Bewährtem handelt. Und der chaotische Zusammenbruch eines Teilsystems infolge überstürzter Innovationen ist für die Gesamtheit der Biosphäre oder der Weltgesellschaft leicht zu verkraften, solange es sich dabei um ein lokal begrenztes Ereignis handelt. Bedenklich wird die Situation dann, wenn beides zugleich geschieht: wenn die kritische Innovationsgeschwindigkeit global überschritten wird. Und die kritische Innovationsgeschwindigkeit ist mit größter Wahrscheinlichkeit global überschritten, wenn wir, die „Anführer“ an der „Front“ der irdischen Evolution, uns anschicken, aus unseren kurzsichtigen Nützlichkeitserwägungen heraus innerhalb einer einzigen Generation den gesamten Planeten rundherum mit unerprobten, unbewährten technischen, biologischen und gesellschaftlichen Neuerungen zu überziehen. Die Neuerungen bauen nicht mehr auf Bewährtem auf, sondern eher auf zuvor gemachten Fehlern. Die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler, bevor sie korrigiert werden können, neue Fehler hervorbringen, wird dadurch immer höher, die Wahrscheinlichkeit, dass das Neue mit dem Alten auf lebensfähige Weise zusammenpasst, immer geringer.

Noch schnellere und umfassendere Innovationen und noch stärkere globale Vereinheitlichung anzumahnen, um der globalen Krise Herr zu werden, gleicht der Absicht, einen Flächenbrand mit Wind auszublasen. Dabei sind wir inzwischen zur Eile gezwungen, denn die von uns erzeugten Probleme werden – wie es aussieht ebenfalls in exponentieller oder hyperbolischer Progression – immer zahlreicher und dringender. Die Probleme können angeblich aber nur mit neuer Technik bewältigt werden, und die neue Technik muss erwirtschaftet werden, und die Wirtschaft braucht „Wachstum“, und das „Wachstum“ muss durch starken Konkurrenzdruck erzwungen werden. Fast wie religiöse Eiferer beschwören Politiker und Wirtschaftsexperten den Wettbewerb, den globalen Verteilungskampf um Lebensgrundlagen, als den Motor unseres einzigen Rettungsfahrzeugs – eine positive Rückkopplung, die nur in einem Zusammenbruch enden kann, wenn nicht zuvor noch ein menschenfreundlicher Phasenwechsel erreicht wird.

Angesichts der Frage, ob es noch realistisch ist, auf einen „ökosozialen“ Phasenwechsel zu hoffen, werde ich, ehrlich gesagt, in meinem Gemüt immer wieder von Zweifeln geplagt, denen ich dann gedanklich entgegenwirken muss. Die globale Krise ist zwar unausweichlich, aber der zunehmenden Druck der Notlage erhöht auch die Wahrscheinlichkeit für entscheidende „Durchbrüche“ zu neuen geistigen und politischen Freiheitsgraden, um vermeintliche Sachzwänge zu überwinden, fatale positive Rückkopplungen zu stoppen und neue Attraktoren für einen weiteren „aufwärts“ führenden Fortschritt wirksam werden zu lassen. In den Worten Peter Kafkas: „Der Leidensdruck der Mehrheit wird ständig wachsen, und die Verbreitung neuer Ideen wird sich mit aller Medienmacht nicht ganz verhindern lassen. (...) Das Umkippen wird ähnlich geschehen, wie wir es von ‚Phasenübergängen‘ in sehr viel simpleren Systemen kennen: Bei der Annäherung an einen ‚kritischen Punkt‘ lassen lokale Gegebenheiten an irgendeiner Stelle zuerst deutlich werden, daß die bisher attraktiven Leitideen nicht mehr weiterführen. Es treten verstärkt Probleme auf, die zu heftigerem Gezappel führen. Beim damit verbundenen Abtasten benachbarter Möglichkeiten findet die Wirklichkeit in den Einzugsbereich einer weiterführenden Idee, deren innere Organisation das Zappeln so weit dämpft, daß sie nicht so leicht wieder verlassen wird. Die Stelle, an der dieser Übergang gelungen ist, wird dann zur Keimzelle, von der aus das gesamte System, das ja ebenfalls dem kritischen Punkt nahe ist, zum Umkippen in die neue lebensfähigere Gestalt angeregt wird.“ (3)

Das Zappeln ist in vollem Gange – in weltweiten Initiativen wie der Global Marshall Plan Initiative, aber auch in unzähligen praktischen Alternativprojekten überall auf der Welt. Die schnellen Innovationen (im Sinne einer Abkehr von der bisherigen Wachstumslogik hin zu den zukunftsfähigeren Ideen, die längst in greifbarer Nähe sind) und die globale Vereinheitlichung (im Sinne einer weltweiten Solidarisierung der Menschen untereinander und der Menschheit mit aller anderen Kreatur) müssen vor allem in den Köpfen und Gemütern der Menschen stattfinden – auch das Buch Welt mit Zukunft hilft dabei. Auf materieller Ebene muss eine große, bunte und fehlerfreundliche Vielfalt praktischer Initiativen erstarken. Viele Bestrebungen der Dezentralisierung und Regionalisierung gehen ja schon in diese Richtung.

Manchmal kommt mir unsere menschengeprägte Welt wie ein verwüstetes und verbranntes Schlachtfeld vor. Doch überall kann man zwischen den Trümmern und aus der Asche auch frisches Grün hervorsprießen sehen. Dieses Bild hilft mir immer wieder. Und wir wissen inzwischen: In so komplexen Systemen wie der Ökosphäre oder der menschlichen Gesellschaft oder auch nur der öffentliche Meinung in einer Demokratie können schon kleine Anstöße in verhältnismäßig kurzer Zeit erstaunlich große Umschwünge bewirken. Vieles ist möglich.

Jakob v. Uexküll, der schwedisch-deutsche Menschenrechtler und Stifter des Alternativen Nobelpreises, beantwortet die Frage, ob er eher Optimist oder eher Pessimist sei, gerne so: „Es gibt viel zu viele Möglichkeiten, als dass man Pessimist sein kann. Es gibt natürlich auch allzu viele Krisen, als dass man einfach Optimist sein kann. Ich sage immer, ich bin Possibilist, ich sehe die Möglichkeiten.“ Greifen wir also, wo wir können, die Möglichkeiten auf.


(1) Peter Kafka, Gegen den Untergang. Schöpfungsprinzip und globale Beschleunigungskrise, München 1994, (S. 11)
(2, 3)
Peter Kafka, Wohin rennen wir eigentlich? Wirtschaften für das Leben – Gegen den Verlust und Ausverkauf von immer mehr Lebensbereichen an den totalen Markt. Erweiterte nachträgliche Schriftfassung einer Ansprache beim „Politischen Samstagsgebet“ in der Erlöserkirche München Schwabing am 13.11.1999.


Siehe auch:


Wikipedia – Franz Josef Radermacher