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Konrad Lorenz
Der Abbau des Menschlichen


München 1983 (Piper); 294 Seiten; ISBN 3-492-02833-0








Der Abbau des Menschlichen“ ist Konrad Lorenz‘ letzte umfassende und zusammenfassende Darstellung seiner Weltsicht. Als ich das Buch kurz nach seinem Erscheinen las, wußte ich nichts von der Biographie des Autors. So, wie ich den Inhalt des Buches verstand, hätte ich ihn niemals mit nationalsozialistischem Gedankengut in Verbindung gebracht. Erst als ich später diese „peinlichen“ biographischen Einzelheiten zur Kenntnis nehmen mußte, wurde mir bewußt, wie leicht sich gewisse von Konrad Lorenz vertretenen Auffassungen als faschistoid oder „sozialdarwinistisch“ interpretieren lassen, wenn man es darauf abgesehen hat. Ich kann und will mich einer solchen Interpretation aber auch heute (nach wiederholter Lektüre des Buches) noch nicht anschließen, verstehe Konrad Lorenz auch heute nicht als „werteblinden Biologisten“ und kann sein Buch immer noch wärmstens zum Lesen empfehlen – die Fähigkeit zum kritischen Hinterfragen beim Leser vorausgesetzt. (E.Weeber) – Siehe auch: Peter Kafka: Kontroverse um ein Denkmal. Das sogenannte Böse in Konrad Lorenz


Konrad Lorenz


(1903-1989), Mitbegründer der modernen Vergleichenden Verhaltensforschung (Nobelpreis 1973) ist als Forscherpersönlichkeit sehr umstritten, da er offensichtlich während der Zeit des Dritten Reiches mit der nationalsozialistischen „Rassen-Hygiene“ sympathisierte. Für manche Kritiker ist das Grund genug, Konrad Lorenz‘ Forschung, Thesen und Schlußfolgerungen gänzlich als „sozialdarwinistisch“ und faschistoid zu verwerfen.






Zwei Biographien:
Norbert Bischof, Gescheiter als alle die Laffen;
Klaus Taschwer / Benedikt Föger: Konrad Lorenz.


Inhaltsverzeichnis


Ein ganz kurzes Vorwort



Eine ganz kurze Zusammenfassung






ERSTER TEIL: FREIHEITSGRADE DER EVOLUTION






1. Kapitel: Der Glaube an eine zweckgerichtete Weltordnung



Seine demoralisierenden Folgen – Der Irrglaube an den sogenannten Fortschritt – Die Ablehnung einer nicht-zweckgerichteten Weltordnung – Die drei Arten zweckgerichteten Geschehens






2. Kapitel: Die Ungeplantheit der Stammesgeschichte



Der Begriff der Teleonomie – Das Unzweckmäßige – Funktionswechsel – Zickzackwege der Phylogenese – Sackgassen der Evolution – Die Wirkung innerartlicher Konkurrenz – Abbauende Evolution oder „Sacculinisierung“






3. Kapitel: Die schöpferische Evolution



Anpassung als kognitiver Vorgang – Der Weg zum Höheren – Kulturelle Evolution – Die Kultur als lebendes System – Vererbung und Veränderung in der Kultur – Die Ungeplantheit der Kulturentwicklung – Homo ludens






ZWEITER TEIL: DIE WIRKLICHKEIT DES „NUR“ SUBJEKTIVEN






4. Kapitel: Das Leib-Seele-Problem



Die Legitimierung phänomenologischer Verfahren – Kritik des Szientismus und seiner Kritiker – Die Unbezweifelbarkeit des Erlebens – Die Kunst als Wissensquelle der Phänomenologie – Drei Hypothesen zum Leib-Seele-Problem






5. Kapitel: Die Phänomenologie der Wertempfindungen



Teleonome Wertungsnormen – Überschuß und Mangel – Schönheitsempfinden und Domestikation – Bewertung von Domestikationserscheinungen im Verhalten – Wertempfindungen von recht und unrecht – Wertempfindungen für den Besitz






6. Kapitel: Die Frage nach nicht-teleonom programmierten Wertempfindungen



Gibt es an sich Schönes? – Die Empfindung für Harmonien – Die relative „Höhe“ von Harmonien – Die Wahrnehmung pathologischer Störungen – Die wirklich apriorische Wertempfindung






DRITTER TEIL: DER GEIST ALS WIDERSACHER DER SEELE






7. Kapitel: Das Unbehagen in der Kultur



Die Diskrepanz der Geschwindigkeiten – Neigung und Moral






8. Kapitel: Fehlleistungen ursprünglich sinnvoller Verhaltensweisen



Die Definition von normal und pathologisch – Ordnungsliebe und Überorganisation – Die Freude am Wachstum – Die Funktionslust – Die Freude am Wettbewerb – Arbeitsteilung und Spezialisierung – Der erzwungene Verzicht auf Einsicht – Die Werbung – Kollektiv-aggressive Begeisterung und politische Propaganda – Indoktrinierung






9. Kapitel: Irrgänge des menschlichen Geistes



Überwertige Ideen und Neurosen – Theoretische und praktische Auswirkungen des Szientismus






VIERTER TEIL: DIE GEGENWÄRTIGE LAGE DER MENSCHHEIT






10. Kapitel: Das technokratische System



Prinzipieller Optimismus – Stabilisierungsmechanismen des Systems – Der Wegfall der Selektion – Die pseudodemokratische Doktrin – Hospitalismus als Beispiel – Die Verschiebung des Wirklichkeitsbewußtseins – Der unerwünschte „autonome“ Mensch – Dressurmethoden






11. Kapitel: Die gegenwärtige Lage der Jugend



Der kritische Punkt – Nationaler Haß – Die sensitive Phase der Gruppenwahl – Die Sinnentleerung






12. Kapitel: Berechtigung zum Optimismus



Erreichbare Ziele der Erziehung – Du sollst nicht falsch‘ Zeugnis reden – Werte, die umgewertet werden müssen – Der erkenntnistheoretische Standpunkt






Nachwort: Das Credo des Naturforschers






Literaturverzeichnis


Leseprobe


Ein ganz kurzes Vorwort






Zur Zeit sind die Zukunftsaussichten der Menschheit außerordentlich trübe. Sehr wahrscheinlich wird sie durch Kernwaffen schnell, aber durchaus nicht schmerzlos Selbstmord begehen. Auch wenn das nicht geschieht, droht ihr ein langsamer Tod durch die Vergiftung und sonstige Vernichtung der Umwelt, in der und von der sie lebt. Selbst wenn sie ihrem blinden und unglaublich dummen Tun rechtzeitig Einhalt gebieten sollte, droht ihr ein allmählicher Abbau aller jener Eigenschaften und Leistungen, die ihr Menschentum ausmachen. Viele Denker haben dies gesehen, und viele Bücher enthalten die Erkenntnis, daß Umweltvernichtung und „Dekadenz“ der Kultur Hand in Hand gehen. Nur wenige aber betrachten den Abbau des Menschlichen als eine Krankheit, nur wenige suchen, wie Aldous Huxley das tat, nach Krankheitsursachen und möglichen Gegenmaßnahmen. Das vorliegende Buch soll dieser Suche dienen.






Eine ganz kurze Zusammenfassung






Erster Teil: Viele Menschen glauben, daß der Verlauf des Weltgeschehens vorherbestimmt und zweckgerichtet sei. In Wirklichkeit vollzieht sich das Werden der organischen Schöpfung auf unvorhersagbaren Wegen. Auf diese Erkenntnis gründet sich sowohl unser Glaube an die Möglichkeit wahrhaft schöpferischen Geschehens wie auch an die Freiheit und vor allem an die Verantwortlichkeit des Menschen. Deshalb setzt sich der erste Teil des Buches die Aufgabe, die Annahme eines vorherbestimmten Weltgeschehens zu widerlegen, das im Grunde keine Schöpfungsgeschichte wäre.






Zweiter Teil: Da alle moralische Verantwortlichkeit des Menschen von seinen Wertempfindungen bestimmt wird, muß dem epidemischen Irrglauben entgegengetreten werden, daß nur dem Zähl- und Meßbaren Wirklichkeit zukomme. Es muß überzeugend klargemacht werden, daß unsere subjektiven Erlebnisvorgänge den gleichen Grad von Realität besitzen wie alles, was in der Terminologie der exakten Naturwissenschaften ausgedrückt werden kann.






Dritter Teil: Begriffliches Denken und Wortsprache haben ein Wachstum des menschlichen Wissens, Könnens und Wollens, mit anderen Worten, des menschlichen Geistes bewirkt, dessen exponentiell zunehmende Geschwindigkeit den Geist tatsächlich zum »Widersacher der Seele« werden läßt. Der menschliche Geist schafft Verhältnisse, denen die natürliche Veranlagung des Menschen nicht mehr gewachsen ist. Sowohl kulturelle wie »instinktive«, genetisch programmierte Verhaltensnormen, die in historisch jüngster Vergangenheit noch Tugenden waren, bringen unter diesen Umständen Verderben.






Vierter Teil: Er handelt von der Lage, in die wir durch die im dritten Teil besprochenen Vorgänge geraten sind. Sie ist bedrohlich, gibt aber noch Raum für Hoffnung, trotz mancher nicht reversibler Teufelskreise der technischen und wirtschaftlichen Entwicklung. Der Technologie entstammende Denkgewohnheiten haben sich zu Doktrinen eines technokratischen Systems verfestigt, das durch Selbstimmunisierung geschützt ist. Die Technokratie hat eine Überorganisation zur Folge, deren entmündigende Wirkung mit der Zahl der zu organisierenden Menschen wächst. Auch auf kulturellem Gebiet fehlt die Vielfalt der Wechselwirkung, die Voraussetzung jeder schöpferischen Entwicklung ist. In besonders kritischer Lage ist die heutige Jugend. Um die drohende Apokalypse zu verhindern, muß gerade in den jungen Menschen die Wertempfindung für das Schöne und das Gute neu erweckt werden, die von Szientismus und technomorphem Denken unterdrückt wird. Die Erziehungsmaßnahmen beginnen damit, die Gestaltwahrnehmung zu üben, welche allein die Empfindung für Harmonien vermitteln kann. Wenn sie richtig funktionieren soll, bedarf sie, wie jeder Verrechnungsapparat, der Einspeisung einer sehr großen Zahl von Daten. Möglichst enger Kontakt mit der lebendigen Natur in möglichst frühem Alter ist ein vielversprechender Weg, dies zu erreichen.


Biographie


Norbert Bischof, Gescheiter als alle die Laffen
Ein Psychogramm von Konrad Lorenz
Hamburg-Zürich 1991, München 1993 (Piper), 176 Seiten; ISBN 3-492-11530-6






INHALT: Wozu ein Psychogramm? – Der Parteien Gunst und Hass – Der Denkstil – Der dunkle Punkt – Die Seewiesener „Forscherehe“ – Die väterliche Sphäre – Die mütterliche Sphäre – Das „narzißtische“ Konfliktpotential – Das „ödipale“ Konfliktpotential – Die Beziehung zur Partnerin – Die Verfluchung des Minderwertigen – Die sieben „Todsünden“ – Erbe und Umwelt – Die Feindschaft zwischen den Generationen – Die Silhouette des Tricksters – Literatur/Sach- und Personenverzeichnis






Der folgenden Auszug stammt aus dem Schlußkapitel dieses Buches:






»Ich habe diese Biographie gegen den Strich gebürstet, weil ich nicht mehr lesen konnte, was „Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen“ in den letzten Jahren alles an Halbwahrheiten, Mißverständnissen, ahnungslosem Geschwätz, böswilligen Verdrehungen und devoter Weißwäscherei über Konrad Lorenz verbreitet haben.

Wir können uns das nicht leisten. Machen wir uns nichts vor: Der „Vater der Graugänse“ hat der Wissenschaft vom Menschen einen Weg gewiesen, den einzigen vielleicht, der unter den heutzutage angebotenen weiterführen kann. Gefolgt aber ist ihm so gut wie niemand; Lorenz hat es nicht geschafft, einen Trend zu setzen. Daran ist zumindest mit schuld, daß aus seinem Vermächtnis vieles, was dauerhaften Bestand hat, was sich zu pflegen, zu bewahren, einzupflanzen und Wurzeln treiben zu lassen lohnt, mit Verunreinigungen durchsetzt ist, die auszuräumen bislang niemand sich die Mühe gemacht hat.

Ausräumen heißt freilich nicht ungeschehen machen. Jeder Mensch bleibt auch für seinen Schatten verantwortlich. Und, wenn wir versucht haben, das eine oder andere psychologisch zu verstehen, so haben wir es damit nicht entschuldigt. (...)

Es wäre (...) einfältig und würde wenig nützen, wollte ich nun zum Schluß versuchen, einen Katalog zusammenzustellen, der aufzählt, was wir Konrad Lorenz alles an richtungweisenden Erkenntnissen verdanken. Das hieße, den Leser zum Gang durch ein Museum ausgestopfter Ideen einzuladen. Ich plädiere dafür, daß man seine Werke weiterhin liest und sich von dem unsterblichen Lebensfunken, der darin immer glimmen wird, anstecken und inspirieren läßt. (...)

Was könnte die Wissenschaft vom Menschen alles von ihm lernen! Das unbeirrbare Bekenntnis zum kreativen Potential der Beobachtung, zum Primat der Deskription vor dem Experiment. Die konsequente Verwendung der Zweckmäßigkeit, der auf Bernd Hellmann zurückgehenden Frage „Ist das im Sinne des Erfinders?“ als heuristisches Prinzip der psychologischen wie der biologischen Forschung. Das Wissen, daß alle Psychologie vom Vergleich lebt. Die Einsicht, daß in den Lebenswissenschaften die Tiefe der Erkenntnis von der Breite der Induktionsbasis und nicht, wie in der Physik, von der Höhe des Abstraktionsniveaus abhängt. Die Erkenntnis, daß man organische Strukturen nur aus ihrem Gewordensein, aus der Evolution begreifen kann. Und nicht zuletzt: den Mut, sich im wissenschaftlichen Disput der Umgangssprache zu bedienen entgegen allen Modevorschriften eines Akademismus, der seine Banalität hinter der Gestelztheit objektloser Kunstworte zu verbergen sucht.

Sogar dort noch, wo sich der Schutt am höchsten türmt, in den „Todsünden“ („Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“) und ihren ominösen Vorstudien aus den Vierzigern, ist bleibende Einsicht zu bergen. Sie lautet, von allem aufgesetzten Optimismus gereinigt: Mit dem Menschen hat die Evolution ihr Ende erreicht. Wir sind die ersten Lebewesen, denen es gelungen ist, die natürliche Selektion zu entmachten. Jetzt hält uns nichts mehr auf. Wir werden aus der Form laufen. Vor uns liegt das Schicksal einer immer siecheren Menschheit in einer immer perfekteren Intensivstation – es sei denn, es gelänge uns, aus dem Taumel unserer vermessenen Gottebenbildlichkeit zu erwachen und noch rechtzeitig Lösungen zu finden, die es verdienen, weise oder wenigstens einigermaßen human genannt zu werden.

Konrad Lorenz hat uns solche Lösungen nicht hinterlassen. Die Zeichen, die er setzen wollte, tanzen wie Bojen an der Oberfläche der Wellen, ihnen fehlt das Bleigewicht, das in die Tiefen lotet. Aber sie schwimmen alle an der richtigen Stelle. Er mag es sich mit seinen Antworten oft zu leicht gemacht haben; aber was heißt das schon bei jemandem, der auf so charismatische Weise die richtigen Fragen zu stellen wußte!«






Klaus Taschwer / Benedikt Föger: Konrad Lorenz. Biographie
Wien 2003 (dtv/Zsolnay), 342 Seiten; ISBN: 978-3-423-34527-9






INHALT: Einleitung – Eine ungewöhnliche Familie – Eine prägende Kindheit – Sturm und Drang – Wissenschaftliche Anfänge – Der Begründer einer neuen Disziplin – Nazi aus Begeisterung – Psychologieprofessor in Königsberg – Der tapfere Soldat – Die Jahre der Bewährung – Eine kurze Heimkehr – Internationaler Aufbruch – Das oberbayerische Forscherdorf – Jenseits von Gut und Böse – Der Patriarch von Seewiesen – Rückkehr und Triumph – Der gute Mensch von Altenberg – Das ökologische Gewissen – Der Kreis schließt sich – Epilog – Anhang (Quellen, Anmerkungen, Bibliographie, Dank, Bildnachweis, Register)






Die folgenden Auszüge stammen aus dem Kapitel „Das ökologische Gewissen“ (S. 264 ff):






Während sich in Österreich Anfang der achtziger Jahre die Umweltschutzbewegung als ernstzunehmende politische Kraft etablierte, so war Konrad Lorenz nach wie vor mit den Problemen der Menschheit als Ganzes beschäftigt. Rechtzeitig zu seinem achtzigsten Geburtstag im November 1983 erschien ein neues Buch, in dem er sich einmal mehr kritisch mit dem Zustand der Zivilisation beschäftigte. Ursprünglich war das Werk als zweiter Band zu Die Rückseite des Spiegels geplant gewesen (...). Das Buch hatte eine langwierige Entstehungsgeschichte, die sich auch an den vielen verschiedenen Arbeitstiteln ablesen läßt, die das über Jahre hinweg eher unorganisiert wachsende Manuskript hatte. Ursprünglich sollte es »Das Böse« – heißen als Gegenstück zu Das sogenannte Böse. Dann war einige Zeit »Verlust der Menschlichkeit« im Gespräch. Ein weiterer Titelvorschlag war dann »Abbau des Menschentums«, der auf Vorschlag des aus Österreich emigrierten MIT-Physikers Victor Weisskopf kurzfristig zu »Gegen den Abbau des Menschentums« verändert wurde, um die optimistischen Aspekte stärker zu betonen. Schließlich entschied man sich doch für eine pessimistische Version, die auch dem eher düsteren Charakter des Buches besser entsprach: Der Abbau des Menschlichen.

Die Arbeit wurde immer wieder von Schicksalsschlägen, von Lorenz' sich häufenden Krankheiten bzw. Umweltaktivitäten unterbrochen, aber natürlich auch von seinen Forschungen über die Gänse in Grünau und die Fische in seinem Altenberger Aquarium. Und er verlor im Laufe des zähen Schreibprozesses auch das Interesse am eigenen Text, was zumindest einige spätere Aussagen nahelegen: »Der „Abbau“ ist ja eine Predigt, zu der ich mich verpflichtet gefühlt habe, die mir aber eigentlich eher fad ist.« Eigentlich würden ihn seine Wildgänse im Almtal »viel mehr interessieren wie die widerlichen, blöden, geldgierigen Menschen«. Er habe das Buch nur aus purer Verantwortlichkeit geschrieben, »das ich eigentlich gar nicht liebe«. Zum Schluß habe ihm sogar vor dem Manuskript gegraust, und er habe »es weggeschmissen«.

Die augenscheinliche Unlust führte letztlich zu einem Manuskript, das nicht brauchbar war. Selbst sein Verleger Klaus Piper, der natürlich wußte, daß so ziemlich jedes Lorenz-Manuskript Goldes wert war, riet davon ab, es in der vorliegenden Form zu publizieren. Was also tun? Von der Publikation völlig absehen? Schließlich nahmen sich die Tochter Agnes Cranach und seine Schwiegertochter Beatrice Lorenz des Texts an und retteten, was zu retten war. In den Worten von Lorenz: »Diese sehr gescheiten Mädchen haben eine Reihe anerkennenswerter Stilverbesserungen vorgenommen und zahlreiche wirklich streichenswerte Stellen gestrichen« – insgesamt rund ein Viertel des Texts. (...)

Im wesentlichen besteht das Buch aus vier Hauptteilen, die durch folgende Argumentation zusammengehalten sind: Ausgangspunkt für Lorenz ist die grundsätzliche Unvorherbestimmbarkeit der Evolution wie auch des Weltgeschehens. Das aber dürfe nicht bedeuten, wie er im ersten Teil mit dem Titel »Freiheitsgrade der Evolution« darlegt, sich in Fatalismus zu ergehen im Gegenteil: Den Menschen komme daher eine besondere Verantwortlichkeit für ihre eigene Zukunft und die des Planeten zu. Von dieser Ausgangsüberlegung kommt er im zweiten Teil (»Die Wirklichkeit des „nur“ Subjektiven«) zur Frage, wodurch diese Verantwortlichkeit zum Positiven verändert werden könnte bzw. wodurch sie überhaupt bestimmt ist. Es seien unsere Wertempfindungen, die ebenso »wirklich« sind wie das, was von den Naturwissenschaften untersucht wird. Nur weil sie nicht zähl- oder meßbar sind, müßten sie trotzdem ernst genommen werden, zumal er wie vor vierzig Jahren immer noch von angeborenem moralischem und ästhetischem Empfinden ausging, das durch Domestikation gefährdet sei.

Im Zentrum des dritten Teils (»Der Geist als Widersacher der Seele«) steht eine evolutionäre Deutung der menschlichen Entwicklung und ihrer künftigen Gefahren. Im Gegensatz zu seinen früheren Arbeiten beklagt der Menschheitsarzt nicht mehr die Gefahren des genetischen Verfalls, sondern ein unaufhaltsames Anwachsen unseres Wissens, Könnens und Wollens. Was uns vom Tier unterscheidet – nämlich das begriffliche Denken und die Wortsprache –, habe eine solche Eigendynamik entwikkelt, daß unsere natürliche Veranlagung den von uns selbst geschaffenen Verhältnissen nicht mehr gewachsen sei: Der Geist wurde zum Widersacher der Seele. Im vierten und letzten großen Abschnitt des Buches wendet Lorenz sich der »gegenwärtigen Lage der Menschheit« zu, die er von einem technokratischen System beherrscht sieht, das die Menschen zunehmend entmündige. Besonders kritisch sei für ihn nach wie vor die Lage der Jugend, der dadurch geholfen werden könne, indem man gerade in ihr die Wertempfindungen für das Schöne und Gute neu erwecken sollte. Ein möglichst enger Kontakt mit der lebendigen Natur in möglichst frühem Alter sei ein vielversprechender Weg, dies zu erreichen. Und für die Großstadtkinder empfehle sich ein Aquarium.

Das Buch war, wie der Autor selbst gut genug wußte, kein allzu großer Wurf. Was der Arzt und Biologe zeitdiagnostisch als pathologische Störungen beschreibt, mag zwar immer wieder gut beobachtet sein. Doch die konkreten Erklärungen, wie es dazu gekommen ist, bleibt er letztlich schuldig. Immerhin hat sich Lorenz in dem Text von seiner fixen Idee aus der NS-Zeit zum Teil verabschiedet, nämlich der Warnung vor einer genetischen Degeneration, die er noch in den Acht Todsünden ausgesprochen hatte: In der Zwischenzeit war ihm klargeworden, daß es einfach zu viele Menschen gibt, deren Gen-Pool einen Rückhalt gegen negative Veränderungen der Erbsubstanz böte. Problematisch bleibt indes seine Behauptung angeborener ethischer und ästhetischer Wertempfindungen bzw. der natürlichen Empfindungen des Schönen und Harmonischen, die er vierzig Jahre zuvor erstmals und ganz ähnlich formuliert hatte. Und ob der liebevolle Umgang mit Tieren tatsächlich ein Allheilmittel gegen den Abbau des Menschlichen ist, wird von Lorenz vorsorglich selbst etwas relativiert: »[Ich habe] den leisen Verdacht, daß das Mitleid mit Tieren bei vielen Menschen in umgekehrtem Verhältnis zu ihrer Menschenliebe steht. Es wäre nicht uninteressant zu erfahren, ob es viele Menschen gibt, die sich gleicherweise für Tierschutz und für Amnesty International einsetzen.«

Noch ehe das Buch im Herbst 1983 zum 80. Geburtstag erschien, gab es wieder Vorabdrucke des Texts, so unter anderem in der Oktober-Aus gabe des Männermagazins Penthouse oder in der konservativen österreichischen Tageszeitung Die Presse. Außerdem habe ihn jene »pure Gewissenhaftigkeit«, aus der er das Buch geschrieben habe, auch gezwungen, »jeden depperten Reporter zu empfangen, der sich dafür interessierte, eben weil ich die Verpflichtung fühlte, meinen Sermon nach Möglichkeit zu verbreiten«. Die Öffentlichkeitsarbeit sollte sich bezahlt machen: Im Herbst 1983 erschien eine Vielzahl von Interviews, in den Feuilletons der großen deutschsprachigen Zeitungen und Zeitschriften wurde das Buch in aller Ausführlichkeit – und meist positiv – besprochen, im Spiegel etwa gleich auf über fünf Seiten. Und in der Welt lobte der Rezensent das fußnotenfreie und registerlose Buch gar als »Meisterstück moderner Prosa, von der sich junge Romanciers eine Scheibe abschneiden sollten«.

So wurde auch Der Abbau des Menschlichen zu einem weiteren Verkaufsschlager aus dem Hause Lorenz, dessen Name längst für einen sicheren Bestseller bürgte. (...) Bis heute hat sich Lorenz' wohl düsterstes Werk mehr als 150 000 mal verkauft und Tantiemen von mehreren 100 000 Euro eingebracht. Abgesehen vom vielen Geld brachte ihm das Buch aber auch zahlreiche begeisterte Leserreaktionen ein, wie zum Beispiel jene von Sir Karl Popper, der sich in einem Brief an Lorenz besonders angetan zeigte: »Ich habe Dein neues wunderschönes und menschliches Buch gelesen. Es ist mir aus der Seele geschrieben. Es hat alle Erwartungen übertroffen.«


Siehe auch


Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit (1973)



Die Rückseite des Spiegels – Wikipedia



100 Jahre Konrad Lorenz“ – Ausgabe 4/2003 des Wissenschaftsmagazins „heureka“



Peter Kafka: Kontroverse um ein Denkmal. Das sogenannte Böse in Konrad Lorenz