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Jakob von Uexküll
»Das sind wir unseren Kindern schuldig«




Hamburg 2007 (Europäische Verlagsanstalt); 148 Seiten; ISBN: 978-3-434-50611-9






In „Das sind wir unseren Kindern schuldig“ legt Jakob von Uexküll die Grundlagen seines Denkens und aktiven Handelns dar. Dabei geht er von einer für ihn unumstößlichen Erkenntnis aus, für die er unermüdlich kämpft: Dem ökonomischen Wachstum sind natürliche Grenzen gesetzt. Wir können unsere endliche Welt nicht endlos ausbeuten, ohne die Grundlagen unserer Zukunft selbst zu zerstören.

In allen seinen Tätigkeiten erweist er sich als einer der schärfsten Kritiker der als Globalisierung bekannten Konzentrations- und Vereinheitlichungsprozesse: Als Gründer des Alternativen Nobelpreises, Vordenker und Initiator des Weltzukunftsrates möchte er einen globalen Wandel befördern, der fair und nachhaltig ist. Dafür sucht er weltweit Dialog- und Koopeationspartner. (Klappentext)

Dem Äußeren nach ein kleines Büchlein, das man schnell gelesen hat, und das meiste, was drin steht, wissen wir schon. Aber die Lektüre wirkt stark nach (etwa wie ein freundschaftlicher Arschtritt): Die ungeschönte Darstellungsweise motiviert nachhaltig zu einem konsequenteren Überprüfen und Verändern des eigenen Lebensstils. Unbedingt empfehlenswert!
(Ernst Weeber)


Jakob von Uexküll


geboren 1944 in Uppsala, aufgewachsen in Schweden und Hamburg, studierte Philosophie, Politik und Ökonomie in Oxford. 1980 gründete er die Right Livelihood Foundation und stiftete den als »Alternativen Nobelpreis« bekannten Right Livelihood Award, der praktische Lösungen und Projekte der Hoffnung auf dem Weg zu einer besseren Welt fördert. Er ist der Initiator des World Future Council. Am 10. November 2006 wurde er in Vaduz (Liechtenstein) mit dem Großen Bindingpreis ausgezeichnet.


Inhaltsverzeichnis


Vorwort von Monika Griefahn



1. Werte in Zeiten des globalen Wandels



2. Weltbürger und globale Konsumenten



3. Chancen einer globalen Ethik



4. Spiritualität und Wirtschaft



5. Eine andere Menschheitsgeschichte



6. Zivilgesellschaft als Herausforderung



7. Der World Future Council (WFC)



„Der realistische Fortschritt“ – Jakob von Uexküll im Gespräch


Leseprobe


1. Werte in Zeiten des globalen Wandels






Sie wird uns als alleinseligmachend gepriesen und als unausweichlich verkauft: die Globalisierung. Und doch genießt sie inzwischen vielerorts einen ziemlich schlechten Ruf. Was ist sie überhaupt? Das Durchbrechen von Grenzen, das Ende des Anderen, meint Ulrich Beck. Tony Blair glaubt, sie sei zugleich ein Naturereignis und das Ergebnis der Wahl von Einzelpersonen, "the result of choices of individuals". Nimmt man diese Vorstellung ernst, leiden Globallsierungsgegner an einem psychologischen Problem: Sie flüchten aus der Wirklichkeit.






Andere behaupten, diese Globalisierung sei der politische Staatsstreich einer reichen Minderheit. Der US-Ökonom und Alternative Nobelpreisträger Hermann Daly nennt sie den letzten Versuch, den natürlichen Grenzen des Wachstums zu entkommen, indem man in den ökologischen und ökonomischen Raum anderer Länder hineinwächst. Es gibt Studien, die belegen, dass eine kleine Gruppe von US-Milliardären in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren eine Milliarde Dollar investiert haben, um die entsprechenden Think Tanks aufzubauen, Karrieren, Politiker und Medien zu fördern, die gerade dieses ökonomische Modell der Globalisierung propagieren.






David Korten, langjähriger Chef der Ford Foundation in Asien, Lehrer an der Harvard Business School, offensichtlich also niemand, der dem politisch linken Lager zuzurechnen ist, schreibt, dass es nicht einfach war, eine Welt zu schaffen, in der eine kleine Zahl von Dollarmilliardären so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Menschheit.






Es hat sehr große Anstrengungen dieser Milliardäre und ihrer Helfershelfer in Politik, Justiz und Medien gebraucht, diese Ordnung zu etablieren. Und es wird genauso große Anstrengungen der globalen Zivilgesellschaft brauchen, eine Globalisierung aufzubauen, die fair und nachhaltig ist.






Es gibt keinen Freihandel in diesem Globalisierungsmodell, es gibt einen kontrollierten Handel im Interesse einer mächtigen Minderheit. Denn wenn es wirklich um Freihandel ginge, wären die entsprechenden Abkommen, die die Übergangsfristen regeln, sehr kurz. Die Tatsache, dass sie Tausende von Seiten Umfang haben, zeigt, dass hier vielmehr der Schutz von Privilegien betrieben wird. Der amerikanische Ökonomie-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz hat darauf hingewiesen, dass wir einem globalen Wandel unterworfen sind, in dem sich das Kapital immer freier bewegen kann, aber nicht die Arbeit. Natürlich würde ein Modell mit anderen Regeln einen ganz anderen globalen Wandel, mit anderen Werten, Vorteilen und Nachteilen fördern.






Aber profitieren denn nicht alle irgendwie? Nein, nicht einmal nach den eigenen Kriterien dieser Globalisierung. Denn das Wirtschaftswachstum war, sowohl regional wie global, in den sechziger und siebziger Jahren überall bedeutend höher als in den letzten Jahrzehnten. Wir sollten nicht glauben, dass die Globalisierung, wie wir sie nun haben, „natürlich" ist oder dass sie unser Leben „dereguliert". Im Gegenteil: Es wird alles global detailliert reglementiert.






Eine Trägerin des Alternativen Nobelpreises, Vandana Shiva, erzählt, wie in Indien in den letzten Jahren eine sehr merkwürdige Kette von Speiseölvergiftungen auftrat. Man hatte so etwas vorher nie erlebt, die Verantwortlichen sind nie gefasst worden. Aber plötzlich hatte die Regierung einen Vorwand, den Handel mit lokal produziertem Speiseöl zu verbieten. Hunderttausende von Arbeitsplätzen, gingen verloren. Gleichzeitig öffnete man die Grenzen für genmanipulierte amerikanische Sojaölimporte. Hier geht es nicht um mehr "Effizienz". Es geht um Macht. Eine amerikanische Unternehmerin erzählte kürzlich, wie eine große Supermarktkette, die ihr ihre Produkte abkaufte, plötzlich forderte, von ihren besten Produkten schon im Voraus die Zeichnungen zu bekommen. Sie stellte dann fest, dass diese Zeichnungen nach Asien geschickt wurden, um herauszubekommen, wie billig man dort diese Produkte herstellen könnte. Dann kam ihr Großabnehmer und verlangte denselben Preis von ihr. Als sie sagte: „Na, dann kaufen Sie es doch in Asien", antwortete er: „Nein, nein, wir wollen ja Ihren Service, Sie sind ja hier vor Ort." Also asiatische Preise, aber Service vor Ort. Die Betreffende ist keine Unternehmerin mehr, denn sie ging natürlich danach sehr schnell bankrott.






Diese Methoden bezeichnet David Korten als Selbstmordwirtschaft, denn wer die lokale, die regionale Wirtschaft zerstört, zerstört die Basis jeder nachhaltigen Ökonomie. Korten fragt, warum es denn besser sei, von privaten als von staatlichen Planwirtschaften regiert zu werden. Die staatlichen Planwirtschaften kommen wenigstens formell dem ganzen Volk zugute, die Privaten sind aber gesetzlich dazu verpflichtet, nur ihren Aktionären zu dienen. Korten berichtet, heute seien die 52 größten Planwirtschaften der Erde private Großunternehmen. An 53. Stelle kommt dann Kuba. In seinem Buch The Post-Corporate World – Life after Capitalism beschreibt Korten eine Welt nach dem Kapitalismus. Sieht man auf die rückseitige Klappe, findet man unter den Zitaten, die das Buch loben unter anderem folgendes: „Ein erfrischendes Signal für die Zukunft", Klaus Schwab, World Economic Forum. Der Mann, der jährlich in Davos das größte Treffen der globalen Kapitalisten organisiert, empfindet also ein Buch über „das Leben nach dem Kapitalismus" als erfrischendes Signal für die Zukunft!






Die Regeln der derzeitigen Globalisierung sind nicht da, um etwa aus den Interessen aller Menschen ein gemeinsames Projekt zu destillieren. Im Gegenteil, es sind Gesetze, die die Interessen einer kleinen Minderheit allen anderen aufzwingt. Wer versuchte, sich zurückzuziehen, wie Freunde von mir in Skandinavien nach Tschernobyl, die im Wald lebten und dort Gemüse anbauten und Fische fingen, war der radioaktiven Verseuchung nur noch mehr ausgesetzt als die Leute in den Städten, die importierte, nicht radioaktive Lebensmittel kaufen konnten. Den Folgen etwa der C02-Emissionen können wir uns noch weniger entziehen.






Es heißt, der Weltmarkt schafft Arbeitsplätze, aber weniger als ein Prozent der globalen Arbeitsplätze wurde von den Großunternehmen geschaffen, die diese enorme Macht haben. Warum? Weil solche Arbeitsplätze sehr teuer sind. Weil in Indien zum Beispiel die Kosten eines Arbeitsplatzes für die regionale Wirtschaft ungefähr ein Prozent der Kosten eines Arbeitsplatzes für die globale Wirtschaft ausmachen. In Industrieländern wie Großbritannien ist der Unterschied immer noch eins zu fünf. Gustavo Esteva, ein Mexikaner, der lange für die UNESCO arbeitete und sich dann in die Slums von Mexiko City zurückzog, stellte fest, dass es in den achtziger Jahren den Armen und den Ärmsten besser ging, als „die Wirtschaft" zusammenbrach, weil sie außerhalb dieser Weltwirtschaft lebten. Plötzlich entstand eine Situation, in der die Mittelschicht es sich nicht mehr leisten konnte, zu McDonald's zu gehen, und die Armen machten kleine Imbissbuden auf und hatten plötzlich genügend Kunden. Die Vertreter für elektrische Geräte US-amerikanischer Herkunft machten ihre Büros in Mexiko zu, und die Mittelschicht wusste gar nicht mehr, wo sie diese Geräte reparieren lassen konnte, bis die Armen dann Reparaturwerkstätten gründeten. Das geht natürlich immer weniger, wenn der Grad der Weltmarkt-Integration wächst. Dann können die Ärmsten sich am wenigsten schützen. Das erlebten wir in den neunziger Jahren bei der Krise in Fernost. Es war zwar so, dass es zum Beispiel in Thailand hauptsächlich die Mittelschicht war, die unter der Krise litt. In Indonesien aber waren es schon die Armen, die überhaupt nichts mehr für sich selbst produzierten. Ihr Land war ihnen inzwischen von den Großgrundbesitzern weggenommen worden, die Tabak für den Export anbauten. Alte Fähigkeiten werden schnell vergessen, werden zerstört durch Billigimporte und belegt mit dem Stigma des Primitiven. Man baut keine Häuser aus Lehm mehr, man geht lieber in die Stadt und wird Automechaniker oder Fernsehreparateur.






Es gibt zwei grundsätzliche Entwicklungsmodelle für die Armen. Es gibt das Weltbank-Modell, das, wie die Weltbank inzwischen selbst zugibt, großteils fehlgeschlagen ist. Wenn man heute in afrikanischen, lateinamerikanischen und vielen asiatischen Ländern fragt, wie es der Mehrheit der Bevölkerung gehe, wie denn ihre Lebensqualität sich verändert habe, kommt fast immer die Antwort, der großen Mehrheit gehe es schlechter als noch vor zwanzig Jahren.






Es gibt aber ein anderes Modell: das Modell von Kerala. Kerala ist ein indischer Bundesstaat, noch ärmer als der indische Durchschnitt, wo man aber nicht warten wollte auf das eventuelle "trickle-down“, das Heruntertröpfeln des Geldes der Reichen. Die Menschen in Kerala haben sich in großen Volksorganisationen zusammengetan – mit dem Ziel, den Analphabetismus abzuschaffen (die Raten liegen heute bei denen der Industriestaaten), die Säuglingssterblichkeit zu reduzieren und die Lebenserwartung zu erhöhen. Auch diese liegen inzwischen auf dem Niveau der Industriestaaten. Aber jetzt sagen uns die Vertreter dieser großen Organisationen, es werde immer schwieriger, in der Zeit der Globalisierung dieses Modell aufrechtzuerhalten. Man könne die eigene Wirtschaft nicht mehr schützen. Der Druck der Individualisierung würde zunehmen, das Kerala-Modell sei altmodisch.






Wer wagt schon, wie Ex-Präsident Aristide in Haiti, zu erklären, sein Ziel sei es, das Volk von Haiti aus der Misere in eine Armut mit Würde zu führen? Heute sind die USA das globale Ziel. Unsere Regierungen dürfen uns vor diesem (illusionären) Ziel nicht mehr schützen. Das verstößt gegen irgendwelche Regelungen der Welthandelsorganisation, der Weltbank oder des Währungsfonds. Wir dürfen uns nicht schützen vor Importen von genmodifiziertem US-Getreide. Wir dürfen nicht mehr bestimmen, welche Risiken wir eingehen, welche Opfer wir dem Moloch Weltmarkt bringen.






Wenn die Abhängigkeit vom Weltmarkt total wird, gibt es kein Entkommen. Das ist bereits heute vielfach der Fall: Die Menschen hungern nicht, weil es in ihrem Land nichts zu essen gibt. Länder, in denen gehungert wird, sind oft Nettoexporteure von Lebensmitteln, auch in Zeiten des Hungers. Oder sie exportieren Futtermittel für unsere Tiere, weil unsere Tiere eine höhere Kaufkraft haben als die dortige Bevölkerung. Die großen Farmen gehören einheimischen Großgrundbesitzern, die in den Städten leben und keinen Kontakt mehr zur Landbevölkerung haben. Oder sie gehören ausländischen Unternehmen. Es gibt keine solidarische Reziprozität mehr. Es gibt nur noch die Geldwirtschaft. Alte Strukturen sind zerstört durch die Feier eines ungehemmten Individualismus, einer ungehemmten Habgier – ein menschlicher Charakterfehler, der plötzlich hoch gelobt wird als etwas Natürliches und Universelles.






Die wirtschaftliche Globalisierung bestimmt heute alle Aspekte des globalen Wandels. Alle Lebensbereiche werden zunehmend ökonomisch gesteuert. Die Demokratie regelt immer weniger, denn hinter den politischen Beschlüssen stehen Kosten-Nutzen-Analysen von Ökonomen. Bei drohenden Umweltschäden hat man zuerst den Menschen die logische Frage gestellt, wie viel Schadensersatz sie verlangen, um die Umweltschädigung, die durch den Bau zum Beispiel einer neuen Fabrik verursacht wird, zu akzeptieren. Allerdings wurden dann so hohe Schadensersatzforderungen gestellt, dass keines dieser Großprojekte einen wirtschaftlich Sinn hatte. Das war natürlich nicht das gewünschte Ergebnis. Die Ökonomen entschlossen sich daher, die Sache andersherum anzugehen. Jetzt fragen sie: Wie viel würden Sie bezahlen, damit diese Umweltschädigung nicht eintritt? Sie schauen sich dann den Verdienst der betroffenen Leute an und befinden, dass diese gar nicht so viel zahlen können und reduzieren die Beträge entsprechend, damit die Projekte ihren Auftraggebern noch „wirtschaftlich" erscheinen.






Diese Strategie ist auf dem Gebiet des Klimachaos besonders verheerend. Denn die meisten, die darunter leiden werden, leben in armen Ländern und die meisten, die dafür zahlen müssten, in den reichsten Ländern. Die Ökonomen glauben, dass man den Wert eines Lebens danach berechnen muss, was sich jemand leisten kann. Der Wert eines aus Bangladesch stammenden Menschen wird daher mit einem Fünfzehntel dessen bewertet, was den Lebenswert eines Amerikaners ausmacht. Die Bangladeschis können es sich also gar nicht leisten, sich vor dem Ertrinken zu retten! Durch diese Berechnungen kann man ökonomisch belegen, dass es billiger ist, sich dem Klimachaos anzupassen, als es zu verhindern. Das sind die versteckten Berechnungen, die hinter Bewertungen stehen, die angeblich neutral sind.






Die meisten Menschen wollen das Gefühl haben, im Einklang mit den Werten ihrer Gesellschaft zu leben. Ein Minister der vorherigen indischen BJP- Regierung, die mit aller Macht versucht hatte, Indien zu globalisieren und deswegen die Wahl verlor, sagte in einem Zeitungsinterview: „Mit den Werten ist es jetzt vorbei. Wir ermuntern die Leute, egoistischer zu werden." Die Wertelücke wird durch Marktwerte gefüllt. Der globale Wandel ist also nicht der Wandel des Bürgers zum Weltbürger, sondern der Wandel des Verbrauchers zum globalen Konsumenten.






(...)


Siehe auch


www.worldfuturecouncil.org/ – Website des World Future Council



www.worldfuturecouncil.org/deutsch.html



J. v. Uexküll / H. Girardet: Die Zukunft gestalten – World Future Council – Aufgaben des Weltzukunftsrates



H. Girardet (Hrsg.): Zukunft ist möglich. Wege aus dem Klima-Chaos – Ein Bericht des World Future Council