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Vandana Shiva
Erd-Demokratie

Alternativen zur neoliberalen Globalisierung


Zürich 2006 (Rotpunktverlag); 292 Seiten; ISBN-10: 3858693278, ISBN-13: 978-3858693273






Als der koreanische Bauer Lee Kyung Hae sich 2003 am WTO-Ministertreffen von Cancún vor den Augen der Konferenzteilnehmer erstach, trug er ein Schild mit der Aufschrift »Die WTO tötet Bauern«. Sein Suizid ist lediglich der sichtbarste unter Zehntausenden: In Indien etwa sind allein im letzten Jahrzehnt 30 000 Bauern durch die Globalisierungspolitik getötet worden. Die wirtschaftsorientierten Handelsregeln der WTO entziehen den Kleinbauern auf der ganzen Welt die Existenzgrundlage und treiben sie in die Verzweiflung. Die indische Ökofeministin und Trägerin des Alternativen Friedensnobelpreises Vandana Shiva nennt ihre Vision einer gerechten Weltordnung »Erd-Demokratie«: eine Demokratie, die lokal und regional verankert ist – aber auf zentralen, universell gültigen Werten gründet. Eine Demokratie, die niemanden ausschließt von der Teilhabe an den Schätzen der Natur. Eine weltumspannende Demokratie, in der nicht die Interessen der Wirtschaft, sondern die Menschen und der nachhaltige Umgang mit der Natur im Zentrum stehen. Das Buch ist die Quintessenz der jahrelangen Forschungsarbeit Vandana Shivas zu ökologischen, gesellschaftlichen und politischen Themen – mit der »Erd-Demokratie« vereint sie ihre Einsichten in einer großen Leitidee.


Vandana Shiva


Prof. Dr., geboren 1952 in Indien, Physikerin und Philosophin, zählt zu den herausragenden Denkerinnen unserer Zeit, wenn es um die Themen Umwelt, Frauenrechte und dezentralisierte Ökonomie geht. Im Laufe ihrer Arbeit hat sie den Begriff des »Ökofeminismus« geprägt: »Frauen und Natur wurden durch die industrielle Revolution auf ihre Rolle als Lieferanten von menschlichem und natürlichem Rohmaterial reduziert.« Daneben gilt ihr Engagement insbesondere dem Kampf um Biodiversität und gegen Biopatente. 1982 gründete sie die Research Foundation for Science, Technology and Ecology. Sie berät die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisationen der Vereinten Nationen (FAO) und ist Mitglied des Third World Networks. Die von Vandana Shiva ins Leben gerufene Organisation »Navdanja« (neun Saaten) gilt als Pionier einer Bewegung zur Sicherung von Saatgut traditioneller Nahrungspflanzen. Vandana Shiva ist Mitglied des Club of Rome, des Exekutivkomitees des Weltzukunftrates und Vizepräsidention von Slow Food International. Ihr Wirken als Wissenschaftlerin und Aktivistin wurde durch verschiedene Preise gewürdigt, u.a. den Alternativen Nobelpreis (1993), den Global 500 Award des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen und zuletzt den Save the World Award (2009). 2010 wurde ihr der Sydney Peace Prize verliehen. – Im Rotpunktverlag erschienen: Der Kampf um das blaue Gold. Ursachen und Folgen der Wasserverknappung (2003), Geraubte Ernte. Biodiversität und Ernährungspolitik (2004); Erd-Demokratie. Alternativen zur neoliberalen Globalisierung (2006), Leben ohne Erdöl. Eine Wirtschaft von unten gegen die Krise von oben (2009).


Inhaltsverzeichnis


Einleitung – Die Erde gehört nicht dem Menschen




Die zehn Prinzipien der Erd-Demokratie





Alle Spezies, Völker und Kulturen haben einen inneren Wert – Die Erdgemeinschaft ist eine Demokratie allen Lebens – In Natur und Kultur muss Diversität verteidigt werden – Alle Lebewesen haben ein natürliches Recht auf Lebensunterhalt – Erd-Demokratie basiert auf lebendigen Ökonomien und auf wirtschaftlicher Demokratie – Lebendige Ökonomien bauen auf lokale Wirtschaft – Erd-Demokratie ist eine lebendige Demokratie – Erd-Demokratie basiert auf lebendigen Kulturen – Lebendige Kulturen nähren das Leben – Erd-Demokratie globalisiert Frieden, Fürsorglichkeit und Solidarität








1. Lebendige Wirtschaft




Die drei Wirtschaftsmodelle





Die Naturwirtschaft – Die Bedarfswirtschaft – Markt und Märkte – Die Herrschaft des Marktes




Vom Gemeingut zur Ware





Terra nullius – Die Einhegung der Allmende – Kolonialismus als Einhegung – Die Geburt der Konzerne – Die Wirtschaftsglobalisierung – Wachstum und Effizienz des Marktes – Globalisierte Agrikultur – Die Mär von der billigen Nahrung




Aktuelle Einhegungen





Das Recht an geistigem Eigentum – Die Privatisierung des Wassers – »Übergriffe« und Einhegungen – Verlust der Arbeitssicherheit




Die Blindheit des Marktes





»Fortschritt« statt Nachhaltigkeit – Kapitalakkumulation statt Stabilität – Die falsche Tragik der Allmende – Mythos Überbevölkerung




Eine Wirtschaft für alle





Gerechtigkeit und Stabilität – Die Lokalisierung der Wirtschaft – Die Regulierung des Marktes – Stärkung der Existenzgrundlagen




Lebendige Wirtschaft in der Praxis





Die Chipko-Frauen – Navdanya: eine lebendige Nahrungswirtschaft – Lijjad Papad: eine Frauenwirtschaft – Dabbawalas: die Würde der Arbeit – Der Kreis des Lebens






2. Lebendige Demokratie




Die Demokratie neu erfinden





Die Krise der Demokratie – Sieg in Cancún – Der freie Markt und der Fundamentalismus




Das Lokale und das Globale neu definieren





Die Gesellschaft, der Staat und die Konzerne – Von der Ausgrenzung zur Integration – Lokalisierung heißt nicht Abschottung – Protektionismus von unten




Vielfalt und Freiheit





Saatgut als Menschenrecht – Im Alltag beginnen




Biodiversität statt Monokultur





Giftige Verschmutzung – Schwindende Wasserressourcen – Bodenerosion und Bodenfruchtbarkeit – Treibhausgase und Klimawechsel – Biologischer Anbau ist ökologisch und wirtschaftlich




Demokratie für alle






3. Lebendige Kultur




Von Kulturen des Todes zu Kulturen des Lebens





Die Monokultur des Denkens – Ahimsa: eine Kultur der Gewaltlosigkeit




Globalisierung und Kulturkriege





Der Krieg gegen die Bauern – Globalisierung als Genozid – Agroexport und Auftragslandwirtschaft




Der Krieg gegen die Frauen





Handel versus Naturwirtschaft – Globalisierung und Gender – Religiöser Fundamentalismus und Marktfundamentalismus – Fetozid: wenn Frauen verschwinden – Wächterinnen über Leben und Zukunft – Erklärung gegenseitiger Abhängigkeit








4. Erd-Demokratie in Aktion




Bija Swaraj: die Demokratie allen Lebens





Basmati-Biopiraterie – Bija Satyaghara: ziviler Ungehorsam




Anna Swaraj: Nahrungsdemokratie





Ein Gesetz für den Nahrungsfaschismus – Vielfältige Gesetze für eine vielfältige Nahrungswirtschaft – Das Recht auf Information – Terra Madre: Ein Fest der lebendigen Wirtschaft – Ein anderes Paradigma für Nahrung – Nahrungsdemokratie




Jal Swaraj: Wasserdemokratie





Frauen gegen Coca-Cola – Die Erklärung von Plachimada – Wasserdemokratie in Delhi schaffen – Bürgerfront für Wasserdemokratie – Flussumleitung: das Traumprojekt der Wasserpiraten – Der Himalaja-Teil – Der Halbinsel-Teil




Die Freiheit zu leben








Literatur


Leseprobe


Einleitung
Die Erde gehört nicht dem Menschen






Erd-Demokratie ist sowohl eine uralte Weltanschauung als auch eine neu entstehende politische Bewegung für Frieden, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit: Erd-Demokratie verbindet das Besondere mit dem Allgemeinen, das Verschiedenartige mit dem, was wir alle gemein haben, und das Lokale mit dem Globalen. Sie beinhaltet das, was wir in Indien vasudhaiva kutumbkam (»Erdfamille«) nennen – die Gemeinschaft aller Lebewesen, die von der Erde getragen und genährt werden. Seit je haben die amerikanischen Ureinwohner und die indigenen Kulturen auf der ganzen Welt das Leben als ein Kontinuum zwischen Menschen und anderen Spezies sowie zwischen gegenwärtigen, vergangenen und zukünftigen Generationen erlebt und verstanden. Eine Rede aus dem 19. Jahrhundert, welche Häuptling Seattle zugeschrieben wird, beschreibt das Kontinuum des Lebens so: »Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen – oder die Wärme der Erde? Diese Vorstellung ist uns fremd. Wenn wir die Frische der Luft und das Glitzern des Wassers nicht besitzen – wie könnt ihr sie von uns kaufen? Jeder Teil dieser Erde ist meinem Volk heilig, jede glänzende Tannennadel, jeder sandige Strand, jeder Nebel in den dunklen Wäldern, jede Lichtung, jedes summende Insekt ist heilig in den Gedanken und Erfahrungen meines Volkes. Der Saft, der in den Bäumen steigt, trägt die Erinnerung des roten Mannes. [...] Denn das wissen wir, die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde – das wissen wir: Alles ist miteinander verbunden, wie das Blut, das eine Familie vereint. Alles ist verbunden.« (Seattle 1997, 8-26)

Erd-Demokratie steht für das Bewusstsein dieser Verbindungen und der Rechte und Pflichten, welche daraus erwachsen. Häuptling Seattles Protest – »die Erde gehört nicht dem Menschen« – findet Widerhall in der ganzen Welt, wenn Menschen sich gegen die Vermarktung ihrer Nahrung, ihres Wassers, ihres Saatgutes und ihrer Diversität wehren. Dieser Widerstand gegen die Privatisierung im Namen der unsinnigen Ideologie, die sich Wirtschaftsglobalisierung nennt, ist ein Grundstein der Erd-Demokratie. Die Wirtschaftsglobalisierer sehen die Welt als etwas, das man besitzen kann, und nutzen den Markt als reine Profitmaschine. Demgegenüber beschlossen 1993 in Bangalore eine halbe Million indischer Bauern, sich der Klassifikation von Saatgut als Privateigentum zu widersetzen, welche von den TRIPS (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights) verlangt wurde, dem Abkommen der Welthandelsorganisation WTO über handelsbezogene Rechte an geistigem Eigentum. 1993 in Seattle und 2003 in Cancún stoppten Proteste die Ministertreffen der Welthandelsorganisation. Millionen von Menschen haben kreativ, fantasievoll und mutig auf die Pläne der Wirtschaftsglobalisierer reagiert, weil sie die Erde als Familie sehen, als Gemeinschaft aller Lebewesen und als Gemeinschaft von Menschen aller Hautfarben, Glauben, Klassen und Länder.

Global operierende Konzerne wollen sich die Welt als Privatbesitz aneignen. Im Gegensatz dazu verteidigen soziale Bewegungen auf lokalem wie globalem Niveau den Planeten als Gemeingut. Privatunternehmen verstehen die Welt als globalen Supermarkt , in dem Güter und Dienstleistungen mit hohen – aber externallsierten – ökologischen, sozialen und ökonomischen Kosten produziert und zu lächerlich tiefen Preisen verkauft werden. Im Gegensatz dazu wehren sich Kulturen und Gemeinschaften überall gegen die Zerstörung ihrer biologischen und kulturellen Diversität, ihrer Lebensweisen und ihres Lebensunterhaltes. Die selbstmörderische globalisierte freie Marktwirtschaft beutet die lebenswichtigen Ressourcen der Erde aus. Sie übernutzt und verschmutzt die Umwelt und marginalisiert Millionen von Bäuerinnen, Handwerkern und Arbeitern. Im Gegenzug verteidigen und entwickeln viele Gemeinschaften resolut eine lebendige Wirtschaft, welche das Leben auf dieser Erde schützt und der Kreativität förderlich ist.

Die Globalisierung der Wirtschaft bedingt neue Einhegungen der Allmende; Zäune und Mauern, welche Menschen ausgrenzen, wo nötig mit Gewalt. Statt einer Kultur der Fülle schafft die profitgetriebene Globalisierung eine Kultur des Ausschlusses, der Enteignung und der Knappheit. Wenn die Globalisierung alle Lebewesen und Ressourcen in Waren verwandelt, besetzt sie in Wirklichkeit die ökologischen, kulturellen, ökonomischen und politischen Räume, auf die alle einen Anspruch haben. Das »Eigentum« der Reichen ist in der Enteignung der Armen begründet – es sind die gemeinschaftlichen, öffentlichen Ressourcen der Armen, die privatisiert, und die Armen selbst, die wirtschaftlich, politisch und kulturell enteignet werden.

Patente auf Leben und die Rhetorik der »Eigentümer-Gesellschaft« (ownership society), in welcher alles – Wasser, Biodiversität, Zellen, Gene, Tiere, Pflanzen – zum Besitz wird, sind Ausdruck einer Weltsicht, in der Lebensformen keinen inneren Wert und keinen eigenen Status haben. Es ist eine Weltsicht, in welcher das Recht der Bauern zu säen, das Recht der Patienten auf erschwingliche Medizin und das Recht der Produzenten auf einen fairen Anteil an den Naturressourcen ohne weiteres verletzt werden können. Der Begriff »Eigentümer-Gesellschaft« beschönigt die lebensfeindliche Philosophie derer, die – auch wenn sie »ja zum Leben!« schreien – alle Gaben dieser Erde und alle menschliche Kreativität zu kontrollieren und zu monopolisieren suchen. Die Einhegungen der Allmenden, welche in England begannen, haben Millionen von überflüssigen Menschen geschaffen. Während mit diesen ersten Einzäunungen bloß Land gestohlen wurde, werden heute alle Aspekte des Lebens eingehegt – Wissen, Kultur, Wasser, Biodiversität und öffentliche Dienste wie das Gesundheits- und das Bildungswesen. Dabei sind Gemeingüter der höchste Ausdruck einer ökonomischen Demokratie.

Die Privatisierung öffentlicher Güter und Dienstleistungen und die Monetarisierung und Kommerzialisierung der lebenswichtigen Netze der Armen ist ein doppelter Diebstahl, welcher die Menschen sowohl ihrer wirtschaftlichen wie auch ihrer kulturellen Sicherheit beraubt. Millionen, die ihre sichere Existenz und ihre Identität verlieren, werden in die Arme von extremen, terroristischen und fundamentalistischen Bewegungen getrieben. Diese Bewegungen identifizieren den anderen als Feind und konstruieren gleichzeitig exklusive, abschottende Identitäten, um sich von denen abzugrenzen, mit denen sie in Wirklichkeit ökologisch, kulturell und ökonomisch verbunden sind. Diese falschen Abspaltungen bewirken ein feindseliges und gleichsam kannibalistisches Verhalten. Der Aufstieg des Extremismus und Terrorismus ist eine Antwort auf die Grenzziehungen und die wirtschaftliche Kolonisation im Rahmen der Globalisierung. Unter agroindustriell gehaltenen Tieren hört der Kannibalismus auf, sobald Hühner und Schweine ins Freie gelassen werden. Auch Terrorismus, Extremismus, ethnische Säuberungen und religiöse Intoleranz sind unnatürliche Zustände, verursacht durch die Globalisierung; sie haben keinen Platz in der Erd-Demokratie.

Einhegungen schaffen Ausgrenzungen, und ebendiese Ausgrenzungen machen die versteckten Kosten der Wirtschaftsglobalisierung aus. Unsere erfolgreichen Bewegungen gegen die Biopiraterie von Neem, Basmati und Weizen hatten alle ein Ziel: Wir verlangten unser kollektives biologisches und intellektuelles Erbe als Gemeingut zurück. Bewegungen wie der schließlich siegreiche Kampf, den ein paar einheimische Frauen zunächst in einem winzigen Weiler namens Plachimada im indischen Staat Kerala gegen einen der weltgrößten Konzerne, Coca-Cola, aufgenommen hatten, bilden den Kern der entstehenden Erd-Demokratie.

Neue handelsbezogene Rechte des geistigen Eigentums stecken heute die biologischen, intellektuellen und digitalen Allmenden ab. Die Privatisierung schränkt beispielsweise Wasserrechte ein. Die Einhegung jedes dieser Allgemeingüter vertreibt und entrechtet Menschen. Für die meisten bedeutet das Mangel und Entbehrung. Bloß ein paar wenigen bringt es »Wachstum«. Aus marginalisierten Menschen werden überflüssige; in der schlimmsten Form führt die herbeigeführte Knappheit von lebenswichtigen Gütern zur Aberkennung der Existenzberechtigung selbst. Wenn der Gebrauch von genetisch modifiziertem Saatgut und die Praxis der geschlechtsbedingten Abtreibungen zunehmen, verschwinden ganze Gruppen von Menschen – zuerst die Frauen und Kleinbauern. Das Ausmaß und die Geschwindigkeit dieses Verschwindens sind proportional zum »ökonomischen Wachstum« unter dem Diktat der neoliberalen Wirtschaftsglobalisierung.

Auf den Straßen von Seattle und Cancún, in Häusern und auf Höfen der ganzen Welt wird in diesem Moment eine ganz andere menschliche Zukunft geboren. Eine Zukunft, die auf Einbezug, nicht auf Ausgrenzung basiert; auf Gewaltlosigkeit, nicht auf Gewalt; auf der Rückeroberung der Allmenden, nicht auf ihrer fortschreitenden Einhegung; darauf, dass wir die Schätze der Erde freigiebig teilen und sie nicht monopolisieren und privatisieren. Weltentwürfe wie das militaristische rechtskonservative »Projekt für das neue amerikanische Jahrhundert« (Project for the New American Century) werden von engstirnigen Menschen hinter geschlossenen Türen ausgebrütet. Demgegenüber entfaltet sich das Volksprojekt, das ich Erd-Demokratie nenne, in einer Atmosphäre des Dialogs und der Vielfalt, des Pluralismus und der Partnerschaft, des Teilens und der Solidarität. Dank unseren Fähigkeiten zur Selbstverwaltung, unserer mannigfachen Verbundenheit mit der Erde und unserer Vielzahl und Vielfalt betrifft der Erfolg der Erd-Demokratie nicht bloß das Schicksal und Wohlergehen aller Menschen, sondern aller Lebewesen überhaupt. Erd-Demokratie handelt nicht bloß vom nächsten Protest oder vom nächsten World Social Forum; es geht auch darum, was wir in der Zwischenzeit tun. Erd-Demokratie spricht das Globale in unserem Alltag und in unserer alltäglichen Wirklichkeit an und schafft globalen Wandel, durch lokale Veränderungen. Diese Eingriffe mögen klein scheinen, aber ihr Einfluss ist weit reichend – sie betreffen die Evolution der Natur und unser menschliches Potenzial. Mit diesen Veränderungen brechen wir den Teufelskreis der Gewalt, in dem eine selbstmörderische Gesellschaft, eine selbstmörderische Wirtschaft und eine selbstmörderische Politik sich gegenseitig füttern. Erd-Demokratie führt uns hin zu einem positiven Kreis der kreativen Gewaltlosigkeit, in welchem eine lebendige Kultur eine lebendige Demokratie und eine lebendige Wirtschaft nährt.






[...]






Die zehn Prinzipien der Erd-Demokratie






Alle Spezies, Völker und Kulturen haben einen inneren Wert
Alle Lebewesen sind Subjekte und haben Integrität, Intelligenz und Identität; sie sind nicht frei verfügbare Objekte für Besitz, Manipulation, Ausbeutung oder Liquidation. Kein Mensch hat das Recht, andere Spezies und andere Menschen zu besitzen oder sich das Wissen anderer Kulturen durch Patente und andere intellektuelle Eigentumsrechte anzueignen.

Die Erdgemeinschaft ist eine Demokratie allen Lebens
Wir sind alle Mitglieder der Erdfamilie, verbunden durch das fragile Lebensnetz des Planeten. Wir alle haben die Pflicht, so zu leben, dass die ökologischen Vorgänge der Erde und die Rechte sowie das Gemeinwohl aller Spezies und aller Menschen geschützt sind. Kein Mensch hat das Recht, in den ökologischen Raum anderer Spezies und anderer Menschen einzudringen oder sie mit Grausamkeit und Gewalt zu behandeln.

In Natur und Kultur muss Diversität verteidigt werden
Biologische und kulturelle Vielfalt sind an sich schon Ziel und Zweck. Biologische Diversität ist ein Wert und eine Quelle von Reichtum, sowohl materieller als auch kultureller Art, welche ihrerseits die Bedingungen für Nachhaltigkeit schafft. Kulturelle Vielfalt schafft die Grundlagen für den Frieden. Die biologische und kulturelle Vielfalt zu verteidigen ist Pflicht aller Menschen.

Alle Lebewesen haben ein natürliches Recht auf Lebensunterhalt
Alle Mitglieder der Erdgemeinschaft, alle Menschen haben ein Recht auf Unterhalt – auf Essen und Wasser, auf eine sichere und saubere Wohnstätte, auf Sicherheit ihres ökologischen Raumes. Ressourcen, welche für diesen Unterhalt lebensnotwendig sind, müssen Allgemeingut bleiben. Das Recht auf Unterhalt ist ein natürliches Recht, weil es das Recht auf Leben ist. Diese Rechte werden nicht von Staaten oder Konzernen verliehen, noch können sie durch staatliches oder wirtschaftliches Handeln aufgehoben werden. Kein Staat und kein Unternehmen hat das Recht, diese Naturrechte auszuhöhlen oder zu unterlaufen oder die lebenserhaltenden Gemeingüter einzugrenzen.

Erd-Demokratie basiert auf lebendigen Ökonomien und auf wirtschaftlicher Demokratie
Erd-Demokratie basiert auf wirtschaftlicher Demokratie. In der Erd-Demokratie schützen und erhalten die wirtschaftlichen Systeme die ökologischen Zusammenhänge; sie sorgen für das Auskommen der Menschen und decken die Grundbedürfnisse aller ab. In der Erd-Demokratie gibt es keine überflüssigen Leute oder unwichtigen Spezies und Kulturen. Die Erd-Wirtschaft ist eine lebendige Wirtschaft. Sie basiert auf nachhaltigen, vielfältigen und pluralistischen Systemen, die Natur und Menschen schützen, die demokratisch bestimmt wurden und die auf das Gemeinwohl aller hinarbeiten.

Lebendige Ökonomien bauen auf lokale Wirtschaft
Der Schutz der Ressourcen dieser Erde und die Schaffung von nachhaltigen und befriedigenden Lebensweisen werden am sorgsamsten, kreativsten, effizientesten und gerechtesten auf lokaler Ebene erreicht. Die Lokalisierung der Wirtschaft ist ein sozialer und ökologischer Imperativ. Bloß Güter und Dienstleistungen, welche nicht lokal produziert werden können – unter Nutzung von lokalen Ressourcen und lokalem Wissen – sollen nichtlokal produziert und über weite Distanzen gehandelt werden. Erd-Demokratie basiert auf dynamischen lokalen Wirtschaften, welche die nationalen und globalen Ökonomien stützen. In der Erd-Demokratie zerstört und zerstampft die globale Wirtschaft weder die lokalen Ökonomien, noch marginalisiert sie Menschen. Lebendige Ökonomien erkennen die Kreativität aller Menschen an und schaffen Raum, damit vielfältige Fähigkeiten ihr Potenzial erreichen können. Lebendige Ökonomien sind vielfältige und dezentralisierte Ökonomien.

Erd-Demokratie ist eine lebendige Demokratie
Eine lebendige Demokratie basiert auf der Demokratie allen Lebens und der Demokratie des Alltagslebens. In lebendigen Demokratien können wir alle mitentscheiden, welche Nahrung wir essen, was für Wasser wir trinken, welches Gesundheitswesen und welche Bildung wir haben. Lebendige Demokratie wächst wie ein Baum von unten nach oben. Erd-Demokratie gründet auf lokale Demokratie mit lokalen Gemeinschaften – organisiert nach den Prinzipien der Integration, der Vielfalt und der ökologischen sowie sozialen Verantwortung. Lokale Gemeinschaften sind die höchste Autorität bei Entscheidungen, die die Umwelt, die natürlichen Ressourcen und den Lebensunterhalt ihrer Mitglieder betreffen. Autorität wird nur nach dem Subsidiaritätsprinzip an weiter entfernte Ebenen der Regierung delegiert. Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ist die Grundlage der Erd-Demokratie.

Erd-Demokratie basiert auf lebendigen Kulturen
Lebendige Kulturen fördern Frieden und schaffen Raum für die Ausübung verschiedener Religionen und die Akzeptanz von verschiedenen Konfessionen und Identitäten. Lebendige Kulturen nähren eine blühende kulturelle Vielfalt, die sich an unserem gemeinsamen Menschlichsein und an unseren gemeinsamen Rechten als Mitglieder der Erdgemeinschaft orientiert.

Lebendige Kulturen nähren das Leben
Eine lebendige Kultur würdigt und respektiert alles Leben; sie bietet Raum für Menschen beider Geschlechter und aus allen Kulturen sowie für gegenwärtige und zukünftige Generationen. Lebendige Kulturen sind deshalb ökologische Kulturen, welche keine lebenszerstörenden Lebensweisen, Konsumgewohnheiten und Produktionsmuster propagieren, auch nicht die Übernutzung und Ausbeutung von Ressourcen. Lebendige Kulturen sind vielfältig und gründen auf Ehrfurcht vor dem Leben. Lebendige Kulturen erkennen die Vielheit von Identitäten an, welche an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Gemeinschaft existieren – und ebenso ein planetarisches Bewusstsein, welches das Individuum mit der Erde und allem Leben verbindet.

Erd-Demokratie globalisiert Frieden, Fürsorglichkeit und Solidarität
Erd-Demokratie verbindet Menschen zu Kreisen der Fürsorglichkeit, der Zusammenarbeit und der Anteilnahme, statt sie durch Wettbewerb und Konflikt, Furcht und Hass zu spalten. Angesichts einer Welt der Habgier, der Ungerechtigkeit und des Überkonsums globalisiert Erd-Demokratie Solidarität, Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit.


Siehe auch


Vandana Shiva: Leben ohne Erdöl Eine Wirtschaft von unten gegen die Krise von oben



Geseko von Lüpke: Die Alternative – Wege und Weltbild des Alternativen Nobelpreises.



Herbert Rauch / Alfred Strigl: Die Wende der Titanic – Wiener Deklaration für eine zukunftsfähige Weltordnung



Jerry Mander / John Cavanough (Hrsg.): Eine andere Welt ist möglichAlternativen zur Globalisierung