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Carl Amery
Natur als Politik

Die ökologische Chance des Menschen


Reinbek bei Hamburg 1976 (Rowohlt); 222 Seiten; ISBN 3-499-17146-5






«Bisher hat sich der Materialismus damit begnügt, die Welt zu verändern; jetzt kommt es darauf an, sie zu erhalten.» Mit dieser zentralen These Carl Amerys ist das Programm seines Buches umrissen: Nur ein Materialismus, der den politischen Menschen als Wesen der Natur begreift, kann den Menschen ihre ökologische Chance geben.

Carl Amery geht in diesem Buch, das er als Fortführung von «Das Ende der Vorsehung» betrachtet, vor allem auf die Inkonsequenz des Historischen Materialismus ein, dessen naturgefährdende Rücksichtslosigkeit derjenigen des westlichen Industriesystems in nichts nachsteht. Im Gleichklang der west-östlichen Industriesysteme, im ehernen Verbund ihrer vermeintlichen sachlichen Notwendigkeit sieht er die realen Gefährdungen der Menschheit.

Der Kampf gegen diese Zerstörungskräfte kann – obwohl von globalen Daten bestimmt – nur in örtlicher Praxis erfolgen. Carl Amery spricht der zentral organisierten Entscheidungsmacht jegliche Erfolgschance bei der Erhaltung des Ökologiegleichgewichts ab: Er fordert die Politik der kleinsten Einheit. Damit ist der Techno-Diktatur des Industriesystems ebenso der Kampf angesagt wie der Öko-Diktatur.


Carl Amery


geboren 1922, gestorben am 24. Mai 2005, war Mitglied der Gruppe 47, von 1989 bis 1991 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums sowie Mitbegründer der E.-F.-Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie. Amery schrieb Hörspiele, mehrere Romane und wurde vor allen Dingen durch seine kulturkritischen Essays sowie als engagierter Ökologe bekannt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1991 mit dem Literaturpreis der Stadt München.


Inhaltsverzeichnis


Einleitung






I. Teil: Ökologischer Materialismus






1.

Für einen konsequenten Materialismus



2.

Der ökologische Ansatz



3.

Die ökologische Systemkritik







II. Teil: Retrospektive







1.

Versuch und Irrtum – Krise und Entfremdung



2.

Die Herrschaft – ihre Geburt, ihre Kindheit und ihre Jugend



3.

Die Dialektik der Zentralmacht



4.

Die Rache des Abschaums







III. Teil: Perspektiven







1.

Raum, Zahl und Zeit als Faktoren der ökologischen Perspektive



2.

Die reformistische Perspektive – das Elend der Lebensqualität



3.

Marxistische Perspektiven: die Vertagung der Freiheit



4.

Die Perspektive Adolf Hitlers: Geschichte als Naturgeschichte



5.

Die Perspektive des konsequenten Materialismus



6.

Zusammenfassung: Elf Thesen zum ökologischen Materialismus







IV. Teil: Imperative







1.

Die unverantwortlichen Verantwortlichen: Kein Appell



2.

An die Produzenten – das heißt an alle



3.

An mögliche Verbündete






Schlußwort


Leseprobe


Einleitung






Dieses Buch setzt dort ein, wo mein Ende der Vorsehung – Die gnadenlosen Folgen des Christentums endete. Damals ging es um einen Rückblick; ich versuchte zu zeigen, daß der heutige praktische und theoretische Materialismus aus den Wurzeln einer Tradition sich nährt, welche in den handlungsmächtigsten Regionen der Erde zwei wichtige Leitsätze verinnerlicht hat: erstens den Auftrag absoluter, um nicht zu sagen tyrannischer Weltbeherrschung an den Menschen als die einzige herrscherliche Art des Planeten – und zweitens die Deutung des Weltzustandes als eines Skandals, der durch «Heils-Geschichte» eines Tages in irgendeiner geheimnis-, aber auch glanzvollen Weise aufgehoben werden wird. Und wir haben versucht darzustellen, auf welche Weise der Weg des Christentums durch die Geschichte konsequent zum modernen Materialismus als Instrumentarium solchen Heiles geführt hat.

Die Folge solcher menschlicher Herrschaftsideologie und Herrschaftspraxis ist das, was man die ökologische Krise nennt. Sie wird rings um uns immer noch als völlig selbständige, gewissermaßen zusätzliche Krise behandelt, und man versucht immer noch, sie innerhalb der die Köpfe beherrschenden Ordnungs- bzw. Unordnungssysteme abzuhandeln und zu erklären. Die wunderlichen Fronten und Bündnisse, die dabei zustande kommen, gehen quer durch alle «weltanschaulichen» Lager, quer durch die geographischen und ideologischen Blöcke. Ehe wir uns mit dem «Warum» befassen, genügt hier ein kurzes Schema der Gruppen und Richtungen, die sich jeweils zu den sogenannten «Wachstumsgegnern» und den «Wachstumsbefürwortern» zusammenfinden.

In Theorie und Praxis gibt es Wachstumsbefürworter vor allem unter den Inhabern und Handhabern der Produktionsmittel, ob sie sich nun Kapitalisten oder Sozialisten bzw. Kommunisten nennen. In der Welt technischer Großvorhaben (Kriwoj Rog oder die Alaska-Pipeline, westdeutsche Atomkraftwerkskombinate oder Mehrjahrespläne der DDR) sind sich Parteien und Kapital, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Planer und Profitler über die Notwendigkeit, ja das Wünschenswerte weiteren Wachtstums einig. Ideologisch unterstützt werden sie von der institutionalisierten Philosophie bzw. der institutionalisierten «Wirtschaftswissenschaft» der alten Orthodoxien: von sogenannten Konservativen, denen es um Reichtum, von Revisionisten, denen es um die Finanzierung von Reformen, von Falken, denen es um den Rüstungsetat, und von Gewerkschaftern, denen es um Arbeitsplätze und höhere Tarifabschlüsse, das heißt um höhere Produktivität pro Arbeitsstunde zu tun ist. Hinter den sogenannten Sachzwängen (und hinter der nackten Angst vor Popularitätsverlust) bleibt dabei immer die alte, selten als solche erkannte Theologie sichtbar: das Dogma der Heilserzwingung durch Brechung der natürlichen Grenzen.

Ähnlich bunt ist die Zusammensetzung der Wachstumsgegner. Zu den Resten der alten konservativen Kulturpolitik stieß ganz plötzlich der autoritätsumwitterte Club of Rome, ein Club von Technokraten und Managern, der sozusagen aus heiterem Himmel und vom Großen Computer abgesegnet den Weltuntergang verkündete. Seine grundsätzlichen Thesen werden schon 1972 von einem stattlichen Prozentsatz sowjetischer Naturwissenschaftler anerkannt – viel vorbehaltloser, als dies im Westen geschah. Sozialistische Revisionisten gesellten sich dazu: Sicco Mansholt, Erhard Eppler, Jochen Steffen. Nach links schließt sich ein Spektrum unorthodoxer Linker an (bei uns am auffälligsten Hans Magnus Enzensberger mit seinem Kursbuch 33), letzten Endes aber auch H. Marcuse mit seiner im Eindimensionalen Menschen angelegten Industriekritik. Ganz wenige entschlossene Theoretiker des eigentlichen marxistischen Lagers folgten gleichfalls: nennen wir hier Guy Biolat, André Gorz und Wolfgang Harich.

Seit der wirklichen oder eingebildeten Rezession in Westdeutschland ist es um diese Theoretiker etwas ruhiger geworden. Der Konsolidierungsprozeß der Wachstumsgegner findet hier hauptsächlich in den Bürgerinitiativen statt, die sich zur Abwehr ganz bestimmter Gefahren bilden oder gebildet haben – als bisher klassischer Fall muß Wyhl genannt werden. Die Koalition von Wyhl, die aus uralten Ständen – Winzern, Bauern, Fischern –, einigen Arbeitern, Vertretern der Kirchen und linken Dissidenten besteht, erinnert nicht nur von ferne an eine Koalition, die der letzte Stuart, Jakob der Zweite, in England und Schottland gegen das heraufsteigende Industriezeitalter zu formen versuchte. Damals waren es die schottischen Highlander, die alten Landbesitzer, Reste älterer Wirtschaftsformen, Katholiken und, vor allem, die sogenannten Dissidenten, also die damalige christliche Ultralinke. Das englische Establishment hielt diese Koalition immerhin für gefährlich genug, um die sogenannte Glorreiche Revolution gegen Jakob in Gang zu setzen.

Bedeutet das, daß auch die Sache der Wachstumsgegner eine historisch überholte Sache ist, so wie sie es damals in den Inselkönigreichen war? Nun, die Sachlage hat sich eindeutig geändert. Damals war die Sache des Industriesystems im Aufstieg – heute ist sie eindeutig auf dem Rückzug, geistig wie materiell. Die Sache der Wachstumsgegner ist ebenso eindeutig die Sache der planetarischen Zukunft – ob dies den Herren von der Chase Manhattan, den Herren Friderichs und Filbinger, aber auch den Herren der sowjetrussischen Planungsstäbe paßt oder nicht.

Heute liegt ein genau gegenteiliger Tatbestand vor: Die öffentliche Begriffsbildung hinkt den Anforderungen der Zukunftspolitik nicht nur einen Schritt, sondern viele Bewußtseinsschritte hinterher. Die zentrale Problematik der Zukunft läuft Gefahr, im Pragmatismus unterzugehen; läuft Gefahr, von den uralten Herrschaftstricks der Etablierten unterlaufen zu werden, weil sie noch nicht auf die Höhe des Begriffs gebracht ist.

Das ist also die Aufgabe. Wir müssen eine Sicht der Dinge, eine Anordnung unserer Aufgaben und unserer Gedächtnisinhalte erarbeiten, welche den tatsächlichen, bereits allenthalben geführten Kämpfen zwischen «Wachstumsgegnern» und «Wachstumsfetischisten» ihre tatsächliche Bedeutung erst vermittelt – kurz: was fehlt, ist ein Konzept oberhalb der Taktik, ein Konzept auf der Höhe der Zeit.

Nun übersteigt ein Konzept, das, sagen wir, der kaltblütig-leidenschaftlichen, massiven Anstrengung etwa des Kapital von Marx entspricht, vorläufig die Fähigkeiten und vor allem die Arbeitsmöglichkeiten des Verfassers. Er kann lediglich hoffen, Wegweiser zu setzen, Markierungen, welche ihm, dem Zeitgenossen, aber auch den unmittelbar Zukünftigen eine solche systematische Anstrengung erleichtern. Er fühlt sich dazu gedrängt, weil die Zeit drängt. Wir sind zum Handeln gezwungen, und zwar in diesem Jahrzehnt. Und es ist völlig klar, daß die bisherigen Mächte (die Institutionen wie die Ideologien) weder gewillt noch imstande sind, das Notwendige hinreichend zu begründen und zu fördern. Der Grund ist bedrückend klar: ihr eigenes Überleben hängt von der Fortsetzung des Wahnsinnskurses ab, den die Menschheit ratlos und kurzsichtig steuert. Diese Institutionen und Ideologien sind längst so weit verselbständigt, daß sie, vor die Wahl gestellt, entweder sich oder die Menschheit zu opfern, natürlich für Letzteres votieren werden; trotz der Tatsache, daß vom Überleben der Menschheit auch ihr eigenes überleben abhängig ist.

Daran ist (um gleich eine These unserer Betrachtungen vorwegzunehmen) gar nichts Unheimliches, Gespenstisches oder gar Mystisch-Theologisches. Mythen, Systeme, Staaten, Institutionen stehen nicht außerhalb der natürlichen Gesetzmäßigkeiten und Kreisläufe, sie sind keine Einheiten eigener Definition. Sie sind vielmehr ökologische Gattungen zweiter, dritter, vierter Stufe. Für ihre Existenz sind sie auf Wirtstiere angewiesen, also auf ein Ökosystem von menschlichen Gehirnen. Zunächst sind sie symbiotisch, das heißt hilfreich, sie helfen dem Menschen, die Welt, in der er lebt, zu interpretieren und zu organisieren. Fast immer werden sie jedoch zu parasitären Gattungen, wenn ihre Zeit überschritten ist, das heißt, wenn sie nicht mehr imstande sind, die Hilfe in einer neuen Situation zu leisten, die sie anfangs geboten haben. Sie interpretieren nun die Welt nicht mehr für ihre Wirtstiere, sondern blockieren im Gegenteil die notwendige Information; sie organisieren nicht mehr das notwendige Überleben der Individuen und Gruppen, sondern organisieren vielmehr ihre Vernichtung.

«Revolution» ist also, ökologisch gesprochen, die Vernichtung parasitär gewordener Organisations- und Erklärungssysteme. Dabei geht meistens, wie die Geschichte zeigt, die Vernichtung des noologischen, das heißt des Erklärungssystems, der Vernichtung der organisatorischen, der «Herrschaf ts»systeme voraus.

Schicksalhaft wird, gerade in unserem Jahrhundert, die Möglichkeit der Scheinrevolution; der Möglichkeit nämlich, organisatorische Systeme vor ihrem entsprechenden noologischen System zu zerstören. Einer solchen Scheinrevolution folgt dann genau das, was das Bibelwort vor unserer Einleitung beschreibt (übrigens das Wort eines erfahrenen Dämonenaustreibers). Die Sätze aus dem Vorwort der Deutschen Ideologie von Marx, die ihm vorangehen, sind keineswegs die Meinung von Marx selbst, im Gegenteil macht er sich über diesen Ansatz lustig, welchen er der deutschen Philosophie seiner Tage zuschreibt. Marx, selbst ein Dämonenaustreiber von hohen Graden, gibt der organisatorischen Revolution eindeutig den Vorrang vor der noologischen – aber wie das Schicksal seiner eigenen Lehre beweist, hat er da noch nicht klar – wenn man will, nicht dialektisch – genug gesehen. So wurden etwa die leeren Räume seiner «Staats-Theorie» (die keine war) zum Schicksal der marxistischen Praxis – die Dämonen kehrten zurück, mit etlichen, die schlimmer waren als sie selber. Wird ein noologisches System nicht gründlich genug vernichtet, wird es nur verdrängt und nicht vollgültig ersetzt, erfolgt eine neue Setzung, scheinbar willkürlich und aufs Geratewohl, in Wahrheit aber aus den Beständen der alten Dämonie. So hat Lenin bestimmt nicht gewußt, was er der Revolution antat, als er die Formel «Sowjets plus Elektrizität» ausrief.

Vor dem Hintergrund dieser warnenden Beispiele, aber auch vor die Notwendigkeit raschen Handelns gestellt, gilt es also:

1. eine Erkenntnisweise zu finden, die es erlaubt, das zentrale Anliegen der Gegenwart auf den Begriff zu bringen – ich nenne sie im folgenden den ökologiscben Materialismus;

2. im Lichte dieser Erkenntnisweise unsere Geschichte, das heißt unsere kollektiven Gedächtnisinhalte zu revidieren und zu ergänzen;

3. die Perspektiven aufzuzeigen, die bisher zur Bewältigung der Krise dargeboten werden, und ihre Unzulänglichkeit zu beweisen – und

4. relativ sichere Voraussetzungen für gegenwärtiges Handeln unter solchen Umständen wenigstens zu skizzieren.

Damit ist die Gliederung für das Folgende gegeben. Eine letzte Vorbemerkung ist notwendig: den drei ersten, methodischen Teilen des Buches folgt ein vierter, der sich unmittelbar der hier und heute möglichen Praxis zuwendet, unter Berücksichtigung der besonderen Situation in der Bundesrepublik. Er ist, der Natur der Sache nach, konkreter und eindeutiger gehalten – selbst auf die Gefahr hin, daß er als «Simplifizierung» diffamiert wird. Da es dem Autor darum zu tun ist, möglichst bald aus der sicheren und keimfreien Zelle der Formulierungen selbst in die Praxis zu kommen, nimmt er dieses Risiko auf sich: die Praxis wird zeigen, wo und wie zu revidieren ist, nicht die mehr oder weniger eleganten Fehden der Mandarine.


Siehe auch:


Carl Amery: Das Ende der Vorsehung – Die gnadenlosen Folgen des Christentums (1972)



Carl Amery: Die Botschaft des Jahrtausends – Von Leben, Tod und Würde (1994)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 22.2.2001



Carl Amery: Global ExitDie Kirchen und der Totale Markt (2002)



Carl Amery (Hrsg.): Briefe an den Reichtum – mit einem Brief an den Bundesbräsidenten (2005)



Carl Amery: Eine andere Welt ist nötig – Vorschlag für eine Rede zum 8. Mai 2005



Carl Amery: Arbeit an der ZukunftEssays (2007)



Carl Amery – Der Poet für die Erde. Ein Nachruf von Claus Biegert