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Carl Amery
Die Botschaft des Jahrtausends

Von Leben, Tod und Würde

München 1994 (List); 178 Seiten; ISBN 3-471-77022-4








Ein Jahrhundert, ja ein Jahrtausend geht zu Ende, und Carl Amery fragt, was denn die Botschaft des Jahrtausends sei. Mit seiner Antwort kehrt er zurück zur Arbeit an einer Grünen Philosophie und sagt, daß sie nach Jahren der Verdrängung durch sogenannte politische Aktualitäten wieder an die Spitze aller Dringlichkeiten gesetzt werden müsse, weil es sich schließlich um die Gattungsfrage handle, das heißt die Frage der Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit einer menschlich bewohnbaren Zukunft.




Die Botschaft des Jahrtausends sieht er in dieser nicht mehr zu umgehenden Dringlichkeit. Bis vor kurzer Zeit war die Menschheit von „Höherer Gewalt“ bedroht und gleichzeitig an einer lebensbedrohenden Expansion gehindert. Die Situation hat sich gründlich geändert, und es ist zu befürchten, daß in der Suche nach einem Ausgleich der Waagschalen von Leben und Tod entweder die biologische Barbarei (Vorläufer Adolf Hitler!) oder ein technokratisch orientiertes Selektions-Management siegreich bleibt. Dem gilt es im Namen menschlicher Würde entgegenzutreten. Die letzte, allerschwierigste Frage lautet: Wie hat der Mensch zu leben, der wenigstens im Ansatz den Auflagen der Natur folgt, um die Zukunft zu sichern?


Carl Amery


geboren 1922, gestorben am 24. Mai 2005, war Mitglied der Gruppe 47, von 1989 bis 1991 Präsident des bundesdeutschen PEN-Zentrums sowie Mitbegründer der E.-F.-Schumacher-Gesellschaft für politische Ökologie. Amery schrieb Hörspiele, mehrere Romane und wurde vor allen Dingen durch seine kulturkritischen Essays sowie als engagierter Ökologe bekannt. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, unter anderem 1991 mit dem Literaturpreis der Stadt München.


Inhaltsverzeichnis


I

Der Ansatz



II

Grundsätzliches I: Leben/Tod



III

Grundsätzliches II: Homo ss (sapiens sapiens)



IV

Taten Gottes



V

Taten des Menschen



VI

Das 20. Jahrhundert – Ein Deutungsversuch




Zwischenstand




Lesefrüchte



VII

Der notwendige Fortschritt



VIII

Das letzte Gefecht der Machbarkeit: Planet Management



IX

Leben/Tod/Würde: Der endgültige Test



X

Causa finalis – oder Der Dritte Bund


Leseprobe


Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? (Joh. 6, 60)






Der Ansatz






Diese Arbeit hat zwei Anlässe: den Kalender – und die Pflicht, unser Denken ein, zwei Schritte weiterzubringen.






Der Kalender nähert sich dem Ende eines Jahrtausends. Dies wurde durch einen frommen Mann festgesetzt, der das Geburtsjahr des Jesus von Nazaret auf das Jahr 753 nach der Gründung Roms berechnete (die Rechnung war etwas ungenau). Wäre unsere Kultur noch christlich, stünde dem vierstelligen Datum höchste Bedeutung zu; unsere letzten Jahrhunderte haben dafür gesorgt, daß sich das geändert hat. Immerhin haben wir auch dafür gesorgt, daß Chinesen, Buschmänner, Polynesier an einen Kalender gekettet sind, der mit ihrer Geschichte nur wenig (und meist Unerfreuliches) zu tun hat. Das ist wohl schon die erste knappe Botschaft: knapp und banal, aber recht aufschlußreich.






Vor tausend Jahren, als unsere kleine abendländische Welt noch frömmer war, legte sich das Datum wie eine schwarze Wolke über die Gemüter: Erfüllte sich mit dem ersten Millenium nicht die Weissagung vom Endgericht, das man längst nicht mehr, wie die ersten Christen, ersehnte, aber doch noch als die End-Ursache, die causa finalis allen menschlichen Lebens anerkannte?






Nun, das Gericht blieb aus. Dafür scheint es, aufgrund neuerer und ganz anderer Daten, nach dem zweiten Jahrtausend ins Haus zu stehen – wir nennen das die Gattungsfrage. Sie lautet simpel und grausam: Geht's nicht doch zu Ende mit der Menschheit?






Wer älter als vierzig Jahre ist, hat erlebt, wie sich die schwarze Wand dieser Frage höher und höher schiebt, wie sie das muntere Fortschrittsblau verschlingt. Dies ist wohl das eigentliche Jahrhundertereignis, im Geschichtsgrunde viel wichtiger als der Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus.






Es begann damals, in den sechziger Jahren, mit dem Klang von Jericho-Posaunen, mit dem Aufgang vieler neuer Namen und Ideen. Paul Ehrlich, Rachel Carson, E.F. Schumacher, Edward Goldsmith, Ivan Illich, der Meadows-Bericht an den Club of Rome, Gregory Bateson und Hans Jonas, dazu die stürmische Entwicklung der Lebenswissenschaften: genaue Lehrer, lesbare Propheten, zornige und abgeklärte. Kurz: Das Jahrhundert, bisher von Kirchen- und Gegenkirchenvätern des 19. Jahrhunderts mehr schlecht als recht genährt, schien endlich zu seiner eigenen großen Theorie erwacht zu sein.






Umfassende soziale Bewegung folgte; und eine Zeitlang, in der Siebzigerdekade, hatten die Verwalter des Selbstmordprogramms, die unverantwortlichen Verantworter in den teuren Chefetagen, tatsächlich so etwas wie Angst davor ...






Das ist vorbei.






Woran liegt's?






An der Natur der Botschaft selbst wohl nicht. Sie ist unerbittlich und gewaltig – um Welten gewaltiger als etwa die der Herren Marx & Engels 1848. Und wenn der Gattung ein Funke Einsicht, ein Quentchen Logik gegeben wäre, müßte die Antwort leidenschaftlicher ausfallen als auf, sagen wir, einige Zweifel an der Zweckmäßigkeit der gegenwärtigen Besitz- und Produktionsverhältnisse. Warum ging dann nie, auch damals in den Siebzigern nicht, von unserer Botschaft jene knochenerweichende Strahlung, jener Hauch des Entsetzens aus, den das Kommunistische Manifest über ein Jahrhundert lang aussandte?






Nun, es mag sein, daß den meisten Besitzverhältnisse wichtiger sind als das Überleben der Menschheit. Dennoch: Es muß Gründe geben, warum die allumfassende Bedeutung der ökologischen Perspektive nie wirklich in den Geistern aufging; warum die Posaunen der Propheten nicht einmal die Vorwerke des Techno-Systems zum Wanken brachten; warum eine soziale Bewegung, die von einem gewaltigen Bekehrungs-Erlebnis erfüllt war, einerseits zu einer Normalpartei, andererseits zu einem preisgünstigen Angebot auf den Wühltischen der Betroffenheits-Industrie, der Esoterik, des New-Age-Rummels wurde.






Und es muß vor allem Gründe dafür geben, daß die famose Wende von 1980 bis 1990 das Bewußtsein der Bewußtseinsbefingerer zuerst in den stumpfsinnigsten Konsumkarneval und schließlich in die Nationalmoräste des Jahrhundertbeginns zurückschnipste. Die Botschaft, soweit noch beredet, ist zu fatalistischen Partystichworten verkommen: der Mensch als Selbstmordversuch der Natur — als Irrläufer der Evolution — vom Prinzip Verantwortung zum Prinzip Akzeptanz — das gnostische Nein zur bösen Schöpfung — und das Büffet ist auch schon besser gewesen ...






Also nochmal: Woran liegt's?






(...)






Homo ss (sapiens sapiens)






Zunächst waren und sind wir Primaten. Mit den Schimpansen verbinden uns 98,8 Prozent unseres Erbguts. (Deren Abstand zum Gorilla ist wesentlich größer.) Unser Stammbaum ist lächerlich kurz, wenn man ihn etwa mit dem der Saurier vergleicht. Und die Weise, in der wir uns in dieser Lebensspanne der Biosphäre bedient haben, unterscheidet sich zunächst überhaupt nicht von der anderer Arten.






Wie bei Bierhefe und Schimpansen ist oberstes, hartnäckig und eindeutig verfolgtes Gebot die Vermehrung, die Verstetigung, die zunehmende Sicherheit und Bequemlichkeit zunächst der Gruppe, dann des einzelnen. Dies wurde und wird nicht nur gegen die Natur durchzusetzen versucht, sondern auch gegen Artgenossen und Gruppen von Artgenossen. Die höhere Gewalt der irdischen Wirklichkeit war dabei lang so bestimmend, daß die Gesamtvermehrung der Menschheit in Grenzen blieb. Innerhalb dieser Grenzen setzten wir uns immer wieder mit Verhaltensmustern durch, die wir mit unseren 98,8prozentigen Vettern teilen.






Wie wir wissen, verwenden die Schimpansen Werkzeuge, lügen, treiben Politik, führen Vernichtungskriege gegen Gruppen der eigenen Art, kurz: Sie erfreuen sich der gleichen fortschrittlichen Ausrüstung und handhaben sie fast so trefflich, wie wir das tun. Max Scheler hat dazu bemerkt, daß Alva Edison als Bastler und Glühbirnen-Erfinder durchaus noch in den Bereichen der Schimpansen handelt und wirkt.






Nicht aber die Person Alva Edison, der Homo sapiens sapiens. Da stehen wir an der entscheidenden Weggabel der Entwicklung.






Wo, so fragt Scheler weiter, liegt dann wirklich der Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse? Was steckt, wie wir heute fragen können, in den eins Komma zwei Prozent?






Der Unterschied liegt in der Reflexionsfähigkeit des Menschen – und in seiner Suche nach ordnenden Zusammenhängen.






Der Urzeitjäger, von einem fallenden Stein verletzt, bekämpft seine Panik; bekommt sie unter Kontrolle. Er kann von sich selbst zurücktreten, kann sich außerhalb dieses panischen Selbst stellen, kann sein Trauma, sein Unglück, objektiv betrachten, oder doch so objektiv, wie es ihm möglich ist, kann daraus seine (richtigen oder falschen) Folgerungen ziehen. Derselbe (oder ein anderer) Urzeitjäger, der den Tod seines Bruders erlebt hat, aber diesen Bruder in zahlreichen Träumen wiedersieht und seine Stimme hört, formt daraus vielleicht die Urangst vor dem Doppelgänger.






Zunächst zweckfreies Bewußtsein also, das unzähligen widersprüchlichen Eindrücken ausgesetzt ist und (mehr oder weniger erfolgreich, mehr oder weniger mißleitet) versucht, sie zu einem sinnvollen Muster zu ordnen: Das ist das Erbe, die neue Qualität, die den Menschen grundsätzlich von seinen Vettern im Tierreich, selbst den allernächsten, unterscheidet.






In diesen Reichen und Bereichen schlummern und wirken Verstandesschärfe und Phantasie, Spekulation und Wahnsinn. Aus ihnen entfaltet sich die Möglichkeit zu großer Kunst und desinteressierter Forschung, aber auch die Möglichkeit, paranoide Beziehungs- und Erklärungsnetze zu weben. Der Anthropologe Edgar Morin hat uns darauf aufmerksam gemacht, daß der Homo sapiens von Anfang an, gewissermaßen von seiner ganzen Anlage her, auch und immer der Homo demens, der verrückte Mensch, gewesen ist, heute ist und auch künftig sein wird.






Aber gerade deshalb ist es voreilig, von vornherein zu behaupten, wie das einige Vertreter der evolutionären Erkenntnistheorie tun, daß der Mensch und seine Erkenntnisfähigkeit aufs Überleben, nicht auf Wahrheitsfindung eingestellt sei. Natürlich ist es richtig, daß die Menschheit immer und immer wieder das, was sie in Raum und Zeit antraf, falsch gedeutet hat, und daß sie dadurch in schlimmste, oft tödliche Fallen geriet und gerät; aber diese Fehldeutungen waren oft genug nicht eine Folge der nackten Überlebensangst, sondern die Folge der überschießenden und dadurch fehlgeleiteten Erklärungswut.






So können etwa Glaubenskriege bis zur Auslöschung beider Parteien geführt werden – und zwar um so wahrscheinlicher, je aufrichtiger sie selbst an ihre Gründe glauben. (Erledigen lassen sie sich nur durch die Einsicht in die Zweitrangigkeit, besser noch in die Nichtigkeit des Konfliktstoffs.) Wenn Zehntausende von russischen Menschen ihre Dörfer aufgeben, in die Wälder flüchten und dort generationenlang wie Tiere leben, weil sie der Zar zwingen will, das Kreuz mit drei, statt, wie sich's für pravoslawische Christenmenschen gehört, mit nur zwei Fingern zu schlagen, kann man wohl nicht davon reden, daß da ein Überlebensprogramm am Werk war ...






Aber: Sind wir mit dieser Folgerung genau genug? Es läßt sich doch durchaus einwenden, daß es für die handelnden Altgäubigen wirklich um Tod oder Leben ging: um die Gefahr, eine ewige Glückseligkeit gegen das Wohlwollen eines ketzerischen Zaren, und das heißt gegen die ewige Verdammnis einzuhandeln. War diese Überzeugung nur stark genug, das heißt in den Köpfen und Herzen wirklich genug, dann war die Entscheidung zur Flucht in die Wälder eine höchst vernünftige Entscheidung, vernünftig selbst im Sinne des Schimpansenprogramms.






Nehmen wir also unsere Folgerungen einen Schritt zurück – nein, treiben wir sie in ausfaltende Genauigkeit vor! Worum es ging und geht, in jeder Menschenzeit (und Menschenangst) ging und geht, ist zunächst die Verstetigung des Lebens, seine Sicherung gegen den immer drohenden Tod. Doch von Geschlecht zu Geschlecht ändert sich die Deutung des Tod/Lebens, je nach der Deutung, die Leben/Tod erfährt.






Die Menschheit hat Hunderte, Tausende von Kulturen hervorgebracht, in denen immer wieder andere Muster entworfen wurden. Viele dieser Kulturen, oft gerade die, welche uns in ihrer Schönheit am meisten ansprechen, wählten bewußt die Begrenzung, die Bändigung weiter ausgreifender Gier und weiterer Entfaltung in Zeit und Raum und Güterpracht und -menge zugunsten einer Stetigkeit der Gesittung und der Bräuche, die ihnen auf die Dauer lebensfähiger schien. (Die Wahrscheinlichkeit ist groß, daß sie damit recht hatten.) Ja, gerade die sogenannten Primitiven hielten und halten (wohl nicht mehr lange) an der Anwendung überlieferter Sinn- und damit Lebensprogramme mit großer Hartnäckigkeit fest.






Mit anderen Worten: Die Art und Weise, wie Menschen und Menschengruppen das Plus, die eins Komma zwei Prozent, den ›überorganischen Faktor‹ (auch so hat man das genannt) einsetzten, hat sich in Zeit und Raum immer wieder verändert. Und es wurden dabei immer wieder Hilfsbrücken ins Unbeweisbare geschlagen, um das Unerforschliche (sowohl das unerforschliche Weben der Welt wie auch das Unerforschliche am eigenen Glück oder Elend) mit Sinn zu füllen.






Sinnsuche und Sinnfindung. Auf seiner Wanderung durch die Rätselwüsten der Welt und der Geschichte hat der Mensch diese Notwendigkeit über jede andere gestellt.






Sicher, der steinerne Druck der Materie (meist des Hungers oder der Gefahr durch Feinde) hat auf die Sinnsuche immer zurückgewirkt; dennoch vermag ein wirklicher (oder vermeintlicher) Sinnzusammenhang stark und einleuchtend genug zu bleiben, um ihn auch noch in Zeiten bitterer Not festzuhalten – selbst einer Not, die durch dieses Festhalten erst entstanden ist. (Neben den Altgläubigen Rußlands sind ein gutes Beispiel jene Inder, die lieber höflich verhungern, als von Parias zubereitete Speisen zu verzehren.)






Die Falle, in die die Menschheit heute zu tappen droht oder schon halb getappt ist, hat einen grundsätzlich anderen Charakter:






Ein Teil der Menschheit, und zwar jener Teil, der sich schon seit mindestens fünfhundert Jahren als ihr umtriebigster erwies, hat sich mehr und mehr von alten Sinngebungen gelöst und beschlossen, das bisherige Verfahren, Stetigkeit des Lebens durch Sinnsuche zu erreichen, grundsätzlich umzukehren; Sinn als solchen gibt es nur in der Suche selbst, und zwar in der grundsätzlichen und vollständigen Bejahung des weitgefaßten biologischen Programms: Suche nach dem Glück (pursuit of happiness). Es geht also um Erweiterung, Verstetigung, Verlängerung des einzelnen und des Gruppenlebens durch die stetige Verbesserung des Schimpansen-Arsenals. Für diese Verbesserung werden alle Kräfte des überorganischen Faktors zusammengefaßt und eingesetzt. Was darüber hinaus noch an vereinzelten Sinnbedürfnissen herumliegt, wird in die Ecke der Sozialbetreuung, der geisteswissenschaftlichen Lehrstühle und des Kulturbetriebs gefegt, zu dem heute auch die Kirchen zu rechnen sind.






Das neue Programm war innerhalb seiner selbstgestellten Aufgabe über alle Maßen erfolgreich. Der Reichtum der Welt und die Zahl der Menschen haben sich innerhalb eines Jahrhunderts vervielfacht, und wenigstens für einen, nämlich den genannten umtriebigsten Teil der Menschheit, haben sich Lebensverhältnisse von einer Bequemlichkeit ergeben, wie sie bisher noch nie erreicht wurde.






Das Peinliche ist nur: Es ist ein Bierhefeprogramm geblieben. Und das besagt, daß die Menschheit, wenn sie daran festhält, in absehbarer Zeit das Schicksal der Bierhefe teilen wird: in den eigenen Exkrementen zu ersticken. Das und nichts anderes ist das Wesen der Gattungsfrage, wie die Gegenwart sie stellt; zum ersten Mal in dieser Form und Unausweichlichkeit stellt.






(...)






Zwischenstand






Der zeitweilige Erfolg des B&S-Programms [Bierhefe- und Schimpansen-Programm], der sich in diesem Jahrhundert aufgipfelt, ist in erster Linie dadurch bedingt, daß mit Hilfe der Artüberlegenheit des Menschen die alten Taten Gottes zurückgedrängt wurden: Pest, Hunger und Krieg, die Diener des Todes.






Gerade aus diesem Erfolg ergibt sich der unvermeidliche Zusammenbruch des Programms, der wahrscheinlich weite Bezirke des übrigen Erdenlebens mit sich reißen und trostlose Wüsten schaffen würde, ehe sich GAIA neue evolutionäre Wege sucht.






Diese Tatsachen sind mindestens seit Beginn des Jahrhunderts bekannt. Ihre Wichtigkeit übertrifft logischerweise die jeder anderen Tatsache.






Die politische und wirtschaftliche Welt zieht es vor, sie zu übersehen oder sie als »Umweltproblem« zu bagatellisieren.






Zwei Programme in diesem Jahrhundert machten eine Ausnahme: das Programm des Adolf Hitler in Europa und das des Pol Pot in Südostasien.






Ihre Stoßrichtungen waren sehr verschieden, aber beide waren bewußt auf erdgeschichtliche, nicht nur humangeschichtliche Nachhaltigkeit angelegt.






Daß die beiden Programme niedergerungen wurden, war möglich, weil noch genügend Widerstand im zivilisierten Bewußtsein der Welt mobilisiert werden konnte.






In diesem Bewußtsein spielt jedoch das Bewußtsein von der tödlich gefährdeten Nachhaltigkeit noch keine verändernde Rolle. B&S läuft unter verschiedenen Titeln weiter, ja, es hat in der zweiten Jahrhunderthälfte erst seine volle Vernichtungskraft gefunden. Sie ergibt sich aus der steigenden Gefährlichkeit der Abfälle (im weitesten Sinne) und dem dadurch gestörten Gleichgewicht der Leben/Tod-Wirklichkeit.






Daraus wiederum ergibt sich, daß weder Hitlers noch Pol Pots Programm als endgültig widerlegt gelten darf. Solange die Zivilisation keine Antwort findet, die sowohl mit der biosphärischen Nachhaltigkeit wie mit der Sonderentwicklung der Menschheit, also ihren vermehrten und sich vermehrenden Wahlmöglichkeiten, vereinbar ist, bleibt die Option für diese und ähnliche Barbareien offen.






Wird eine solche Antwort nicht gefunden, werden sie wiederkehren – natürlich nicht in der völlig gleichen Gestalt. Aber etwa die gegenwärtige Mord- und Brandpraxis der deutschen Neonazis (jung und alt) knüpft unmittelbar an sie an; und eine Reihe von Metzeleien, die sich nah und fern ereignen, sind höchstwahrscheinlich schon mitbedingt durch das Fehlen einer wirksamen, schlüssigen und der menschlichen Würde entsprechenden Antwort.






Das letzte Gefecht der Machbarkeit: Planet Management






(...) Nun drohen der Nachhaltigkeit, also einer von Menschen bewohnbaren Zukunft, zwei Hauptgefahren:






erstens der maßlose Energie- und Schadstoffausstoß der Metropol-Regionen,






zweitens die gewaltige Vermehrung der Bevölkerung vor allem in den ärmeren Erdteilen.






Die beiden Gefahren erwachsen aus der gleichen Wurzel: Es sind zwei Methoden, dem uralten, blinden Drang nach Lebenssicherung zu genügen. Und sie ergänzen sich sozusagen spiegelbildlich: Der durchschnittliche Bewohner von Bangladesh verbraucht wohl kaum ein Sechzigstel der Primärenergie pro Kopf, die ein Westeuropäer oder gar ein US-Bürger zwecks lebenswerten Lebens zu benötigen glaubt. Andererseits blicken wir Gesättigte voll Angst und Grauen auf die Vermehrungsrate der Armen – ein Ärgernis, das wir, so scheint es, durch unsere generative Disziplin – lies: durch die niedrigen Geburtenraten, bereits abgeschafft haben.






Und so beeilen wir uns, den Armen die Segnungen und Hilfsmittel dieser Disziplin möglichst leicht zugänglich zu machen.






(...)






Grundsätzlich gilt: Was immer man heute an Werkzeugen und Elementen eines möglichen künftigen planet management zurechtlegt, sie sind fast alle in erster Linie für die von uns wahrgenommenen Probleme der Dritten Welt gedacht. Unser eigener Zustand, die buchstäblich unerträgliche Lebensfeindlichkeit unseres Kulturentwurfs, wird niemals grundsätzlich in Frage gestellt, Notwendigkeit für Management wird immer nur auf dem Gebiet der Effizienz bereits vorhandener Mittel und Bräuche gesehen.






Wenn es aber richtig ist, daß die Welt, wenn überhaupt, dann möglichst rasch auf die nächsten paar Jahrhunderte vorbereitet werden muß, kann es längst nicht mehr darum gehen, mit welchen neuartigen (und sei es umweltfreundlichen) Mitteln wir uns im gegenwärtigen Komfortbett einrichten, das wir so liebgewonnen haben. Die erste Frage muß vielmehr lauten, ob dieser Kulturentwurf überhaupt und grundsätzlich von Dauer sein kann. Und das richtet sich nicht nach unseren Mehrheitswünschen und nicht nach irgendwelchen Regierungsdekreten, sondern nach den Gesetzen der Natur, insbesondere den Gesetzen der Energieerhaltung und der Entropie.






Warum ist unser Kulturentwurf nicht haltbar? Dafür gibt es mehrere Gründe.






Erstens: Unsere sogenannte generative Disziplin, das heißt unser Eineinhalb-Kinder-Regime, ist aufs engste mit einem auf persönlichen Lustgewinn getrimmten Lebensstil verknüpft, dessen Zerstörungskraft moralisch und energetisch gar nicht hoch genug angesetzt werden kann.






Zweitens: Dieses Regime ist sinnlos, solange die Kluft zwischen Reichen und Armen klafft und immer tiefer wird. So ist die Bevölkerung Deutschlands trotz der Geburtenbeschränkung, die uns längst schrumpfende Einwohnerzahlen bescheren müßte, immer noch am Steigen, weil a) die Industrie erst gestern das massenweise Hereinholen von Menschen aus ganz anders orientierten Kulturen begünstigte, weil sie b) gerade wegen der Schrumpfung der Geburtenziffern auch heute eine jährliche Einwandererquote von 400.000 verlangt, damit der Motor weiter brummt, und weil c) nicht das kleinste Kräutlein gegen die Hunderttausende von gescheiten und energischen Armen gewachsen ist, die beschließen, der politischen oder auch nur der wirtschaftlichen Misere in ihren Heimatländern den Rücken zu kehren und in die (zusätzlich durch die Medien aufgedonnerte und verkitschte) Glorie der reichen Länder zu entrinnen. Man kann noch soviele Störenfriede aus dem teuren, westlich gestylten Freßlokal hinausschmeißen lassen, sie werden notfalls durch die Kanalisation wieder eindringen. Und solange uns dazu nichts anderes einfällt, als die Methoden des Hinausschmisses immer unmenschlicher zu machen, haben zum Beispiel Christenmenschen das volle moralische Recht, ja sogar die Pflicht, den Verprügelten und Getretenen gegen den Polizeistaat Hilfe zu leisten – was immer staatsfromme Erzbischöfe verlauten mögen.






Drittens: Unsere Art zu wirtschaften und das Erwirtschaftete zu verteilen, ist nicht durchzuhalten, aus moralischen und (was wichtiger ist) aus ökologischen Gründen. Und so ist auch die vage Hoffnung gegenstandslos, daß die Armen zusammen mit unserer Produktions- und Verbrauchsweise auch unsere Mittelchen zur Drosselung der Geburtenziffern lernen würden, jene Mittelchen, mit denen wir uns in den letzten hundertfünfzig Jahren wenn nicht angefreundet, so doch abgefunden haben.






Denn jedermann weiß, daß eine planetarische Industrialisierung des bisher einzig bekannten Typs der Atmosphäre, dem Bodenleben, dem Leben der Ozeane einen Zustand bescheren würde, der weitere Bewohnbarkeit durch Lungen- und Kiemenatmer ausschließt. (Trotzdem bauen wir weiter auf die diesbezügliche Verführbarkeit der Armen, jauchzen vor Wonne, wenn die Chinesen zur Massenmotorisierung aufbrechen, verkaufen den malayischen Reisbauern Farbfernseher, bevor eine Stromleitung in ihr Dorf gelegt ist, helfen den armen Ukrainern beim Schließen einer maroden Atomanlage und beim Bau von drei neuen – und was des kriminellen Schwachsinns mehr ist.)






Das ist die Lage, von der etwaige Planeten-Manager auszugehen hätten. Sie haben das sicher auch längst begriffen. Was innerhalb unserer erstarrten Systeme an Verbesserungen stattfindet, ja auch nur denkbar ist, sind Flickschustereien und Ablaßkrämerei.






(...)






Leben/Tod/Würde: Der endgültige Test






Soviel ist klar: Wir stehen, was die mögliche Rettung der Lebenssphäre betrifft, am Anfang des Anfangs. Mit den bisher feststellbaren oder wenigstens erahnbaren Zielen eines planetarischen Managements muß von vornherein radikal gebrochen werden. Statt wie bisher an unserem eigenen tötenden Lebensstil festzuhalten und ihn, wenn und wo irgend möglich, dem Rest der Menschheit aufzudrängen, wobei wir höchstens Geburtenkontrolle als einziges Gegengift verordnen, gilt es, den genau umgekehrten Weg einzuschlagen: Vor allem andern gilt es, unseren Kulturentwurf auf eine drastisch zurückgefahrene Energiefreisetzung einzurichten, die unmittelbaren und mittelbaren Preise für Transportkosten und Transportmittel jeder Art anhand der wirklichen ökologischen Kosten festzusetzen, darüber hinaus das Steuer- und Abgabensystem auf Energie-, Rohstoff- und Schadstoffeinheiten zu gründen. Ganz recht: Das und nur das wäre der Weg zu einem gegenüber der Zukunft vertretbaren Zustand des Lebens in unserem Raum, er entspräche ungefähr den Normen der Jahre 1948-1952. Und der trügerische faule Glanz, den bisher unser Lebensstil zum Verderben der ganzen Welt ausstrahlt, wird erlöschen müssen. Dabei werden wir kaum darum herumkommen, so zentrale, aber über die wahren Lebenskosten täuschende Säulen unserer Zivilisation wie Marketing und Zinseszins in Frage zu stellen. Hier ist nicht der Ort, um die genauen Gründe für diese Notwendigkeit auszubreiten; das geschieht und ist geschehen, oft und oft, ausgiebig und überzeugend. Und die meisten denkenden oder mitdenkenden Zeitgenossen wissen ohnehin Bescheid, auch wenn sie es nicht zugeben beziehungsweise durch ihre famose Existenz als Entscheidungsträger und Entscheidungsblockierer daran gehindert werden, es zuzugeben. (Sie bekämpfen uns bei Tageslicht als Radikale und Traumtänzer, reden von Sachzwängen oder vom Prinzip Pflicht, und gestehen uns spätabends, ins vierte oder fünfte Bier weinend, daß wir alle Gefangene des Systems seien.)






(...)






Wenn die zukünftige Welt bewohnbar sein soll, muß sie fehlerfreundlich sein; und was heißt das anderes, als daß sie vielfältig sein muß? Das notwendige Straucheln und Irren, das nicht ins Verderben, sondern in immer neue Lösungsversuche münden muß, findet am besten in einer Welt vieler bunter Kulturen statt; Kulturen, die nicht im Glashaus gezogen werden können, sondern die auf vielfache Weise in den Mutterböden der geschichtlichen Vergangenheit wurzeln. Und viele dieser Wurzeln werden alte Traditionen, alte Worte, alte Bilder sein — ganz neu gesehen wie jede Tradition, die durch neu hinzukommende Tage und Werke verändert wird, zwangsläufig verändert wird.






Causa finalis – oder Der Dritte Bund






(...) Und nun ereignete sich in diesem Jahrhundert das, was wir als sein wichtigstes Merkmal erkannt haben: das unabweisliche Eindringen der Gattungsfrage ins öffentliche Bewußtsein. Damit ändern sich die Voraussetzungen nicht nur des profanen Denkens, sondern vor allem auch der Religionen gründlich und vollständig.






Die nichtmenschliche Welt bis tief hinab in die Welt der Rohstoffe und Ressourcen tritt plötzlich und sozusagen überfallartig auch ins religiöse Bewußtsein. Das Leben in seinen bisherigen Formen und vor allem das Überleben der Menschheit steht als solches auf dem Spiel. Das ist die ungeheuerliche Unheilsgeschichte, das Dysangelium, die schlimme Botschaft, die heute im Hinterkopf jedes Zeitgenossen bohrt, ob er sich das bewußt macht oder nicht. Dies ist die Drohung mit Letzten Dingen, mit einer Apokalyptik und Eschatologie, die sich grundlegend von denen unterscheidet, die wir in einer jüdisch-christlichen Erziehung erfuhren. Schwierigste Folgefragen ergeben sich: Ist Hiroshima nicht konkreter als die Hölle, Tschernobyl nicht realer, vor allem aber genauer definierbar als das Fegefeuer? Ist die Erbsünde nicht in Wahrheit eine Erblast — die Begrenztheit unseres Erkenntnisvermögens und die stete Wiederholung des Versuchs, sie mit unzureichenden Mitteln und Deutungen zu überlisten? Und was ist das Gericht? Was sind seine Kriterien und Paragraphen? Wird es uns nur den anerzogenen Beichtspiegel abfragen — oder werden in seiner Jury vielleicht die Delphine und Wale, die Robben und Nashörner sitzen, die wir ausrotten oder ausgerottet haben?






Nun, es gibt eine Art von Gläubigen, denen diese Fragen gleichgültig sind: die Fundamentalisten jeder Spielart. Ob Krieger Allahs oder protestantische Sektierer, ob Scientologen oder katholische Engelwerker: Ihre Glaubens- und Lebenssysteme sind in sich geschlossen, in sich logisch wie alle paranoiden Systeme, man geht einfach hinein und haut die Tür hinter sich zu. Was soll's, wenn uns die Trümmer der Welt um die Ohren fliegen? Es gibt eine amerikanische Sekte, die fest davon überzeugt ist, daß die kleine Minderheit der Bekehrten in einer Weltsekunde — ja, im Bruchteil einer Weltsekunde von Gott auf einen fernen wunderschönen Planeten entrückt wird, während der unsere explodiert oder implodiert. Sie vergibt oder verkauft Autoaufkleber, auf denen zu lesen steht: In case of rapture, this car will be empty — "Im Fall der Entrückung wird dieser Wagen leer sein". Jeder Fundamentalismus ist im Grunde ein System der Entrückung, ein System, das durch keine Lebens- oder Schöpfungskausalität mit der tatsächlichen Welt verbunden ist. Die Welt ist Schein und Schall und Rauch, und wir werden einzig und allein nach den Kriterien gerichtet werden, die dem jeweiligen fundamentalistischen Credo entsprechen. (Übersehen wir nicht, daß dies auch für den wichtigsten Fundamentalismus von allen gilt: die derzeit herrschende Wirtschaftsreligion. Ihre Frohbotschaft, die Volkswirtschaftslehre, wird als geschlossenes System ohne wesentliche Berücksichtigung der Lebenswelt gelehrt.)






Nun, geben wir's zu: Ein solches Parallelweltschema war bis vor ganz kurzer Zeit Allgemeinglaube der Christenheit. Die Großkirchen, die keine Sekten werden wollten, haben es Stück um Stück zurückgenommen, haben die letzten Reste naiver kosmischer Verbundenheit verschwinden lassen oder abstrahiert, haben Heil und Heilsgeschichte immer innerlicher definiert, als Seelenheil und Seelengeschichte, während die Geschäfte dieser Welt von Christen und Nichtchristen immer ununterscheidbarer betrieben wurden. Und die Geschäfte dieser Welt sind die Geschäfte der Bierhefe, die blind und hartnäckig alles Genießbare ringsum auffrißt, um folgerichtig an den eigenen Exkrementen zu ersticken. So erging und ergeht es auch den anaeroben Bakterien, die unsere Atmosphäre schufen — wir zollen ihnen dafür selten den schuldigen Dank, aber vielleicht haben sie demnächst, wenn uns die Kontrolle über das B&S-Programm nicht gelingt, wieder ihre Chance...






(...)


Siehe auch


Carl Amery: Das Ende der Vorsehung – Die gnadenlosen Folgen des Christentums (1972)



Carl Amery: Natur als Politik – Die ökologische Chance des Menschen (1976)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 22.2.2001



Carl Amery: Global ExitDie Kirchen und der Totale Markt (2002)



Carl Amery (Hrsg.): Briefe an den Reichtum – mit einem Brief an den Bundesbräsidenten (2005)



Carl Amery: Eine andere Welt ist nötig – Vorschlag für eine Rede zum 8. Mai 2005



Carl Amery: Arbeit an der ZukunftEssays (2007)



Carl Amery – Der Poet für die Erde. Ein Nachruf von Claus Biegert