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Fritz Reheis
Entschleunigung

Abschied vom Turbokapitalismus

München 2003 (Riemann); 320 Seiten; ISBN 3-570-50049-7






Systeme, die auf permanentem Wachstum und Beschleunigung basieren, kollabieren, wenn sie sich über bestimmte Grenzen hinaus entwickeln. Immer mehr Menschen spüren, wie natürliche Rhythmen verloren gehen, wie ihr Körper und ihre Psyche, wie Partnerschaften, Familien und soziale Netze unter Stress stehen. Beschleunigungsfallen mit wachsenden Zerstörungspotenzial tun sich auf.

Wie kommt es, dass wir scheinbar immer mehr, immer schneller und effizienter produzieren müssen? Welche diabolische Erfindung hat uns den Wachstumszwang beschert? Reheis antwortet: Es ist der freie Markt und vor allem die Qualität des zinsgetriebenen Geldes. Die Logik dieses Geldes bzw. das Wachstum des Kapitals treibt das Hamsterrad an und programmiert den Turbokapitalismus. Sein Wesen ist die immer schnellere Produktion um der Produktion willen. Kapital auf der Suche nach höchstmöglicher Rendite ist somit der Transmissionsriemen für Beschleunigung.

Um dem Hamsterrad zu entkommen, zeigt Fritz Reheis „kleine“, persönliche Ausstiege auf, vom Sabbatical bis zur bewussten Überprüfung der Lebensbereiche, in denen wir uns besonders unter Druck fühlen. Wer an die Wurzel des Problems gehen will, muss sich allerdings nach Synergiepartnern umsehen, nach Menschen und Netzwerken mit dem gleichen Problembewusstsein; denn die entfesselte Geldlogik, die Produktion um der Produktion willen, ist nur gemeinsam zu bezwingen.

„Entschleunigung“ verbindet brillante Analyse mit pragmatischen Vorschlägen, wie wir persönlich Zeitqualität zurückgewinnen und Sand ins turbokapitalistische Getriebe streuen können.


Fritz Reheis


Jahrgang 1949, studierte Deutsch, Geschichte, Sozialkunde und Pädagogik. Er promovierte in Soziologie und absolvierte ein Erweiterungsstudium in Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Seit 1983 unterrichtet er als Gymnasiallehrer in Neustadt bei Coburg. Zusätzlich ist er seit zwölf Jahren nebenamtlich als Lehrbeauftragter für Politik, Zeitgeschichte, Soziologie und Pädagogik an mehreren Hochschulen tätig.


Inhaltsverzeichnis


Dank



Einleitung: „Die Kirche rät: Mehr Zeit für Sex“






Teil I



Die Beschleunigungskrankheit – Symptome und Prognosen



1. Im Hamsterrad: Nur nicht aus dem Tritt kommen!



2. Erschöpft: Wir hetzen uns zu Tode



3. Fluchtwege und Sackgassen: Du hast fast keine Chance, aber nutze sie!






Teil II



Die Beschleunigungskrankheit – Diagnose und Entstehungsgeschichte



4. Die Suche nach dem Motor: Was treibt uns eigentlich so?



5. Die Zeithierarchie der Märkte: Wie wir die „Sach“-Zwänge selbst erzeugen



6. Zeitmaße: Welches Tempo tut uns gut?






Teil III



Die Beschleunigungskrankheit – Therapie und Prävention



7. Zeitgemäßes Wirtschaften: Es gibt viele Alternativen zum Turbokapitalismus



8. Synergien der Entschleunigung: Bringen wir Sand ins Getriebe!



9. Kluge Lust: Wenn wir uns Zeit lassen, geht es uns besser






Anmerkungen / Literaturverzeichnis / Abbildungs- und Quellennachweis


Leseprobe


Gott schuf die Zeit.
Von Eile hat er nichts gesagt



(Über dem Eingang einer Tiroler Berghütte)






EINLEITUNG






Die Kirche rät: Mehr Zeit für Sex. Das Erzbischöfliche Ordinariat in München hat an alle Ehepartner appelliert, sich vom weit verbreiteten Termindruck zu befreien und so mehr Zeit auch für Sexualität zu finden. In einer Gesellschaft, in der häufig schon Kinder Terminkalender benutzen, müssten die Menschen ein ‚neues Zeitgefühl‘ entwickeln, das mehr Gelegenheit biete für ‚Kommunikation und Streitkultur, für Religion und Spiritualität, aber auch für mehr Intimität und Sexualität‘, heißt es in der Mitteilung der Pressestelle.“






Leider keine Zeit






Eine bemerkenswerte Zeitungsmeldung aus der Süddeutschen Zeitung vom 13.1.2000. Bemerkenswert nicht nur, weil es die katholische Kirche ist, die zu mehr Sex aufruft. Bisher war die Kirche eher als lustfeindliche Institution bekannt. Bemerkenswert nicht nur die Begründung: Es geht der Kirche offenbar nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, um die Zeugung neuer Gotteskinder. Motiv des geistlichen Ratschlags ist vielmehr die Sorge um das Familienleben und die eheliche Partnerschaft. Sex wird also endlich als menschliches Bedürfnis ernst genommen. Damit reiht sich die kirchliche Autorität ein in die Reihe jener medizinischen Autoritäten, die seit langem daran erinnern, wie gesund Sexualität für den Menschen ist.






Bemerkenswert ist diese Pressemitteilung des Erzbischofs vor allem aus einem anderen Grund: Dass Sex meist Spaß macht, entspannend und gesund ist und vermutlich sogar unser Leben verlängert, liegt ja bekanntlich an der physischen und psychischen Grundausstattung des Menschen, die er während seiner unvorstellbar langen Entwicklungsgeschichte erworben hat. Dass wir heute zur Nutzung dieser segensreichen Mitgift extra aufgefordert werden müssen, zeigt, wie zweifelhaft die Art von Fortschritt offenbar ist, der sich unsere Gesellschaft verschrieben hat. Diese Gesellschaft, die sich selbst gern als „modern“, „hoch entwickelt“ und „aufgeklärt“ bezeichnet, folgt nämlich einem recht merkwürdigen Programm. Das Programm treibt uns im Laufe unseres Lebens dazu an, dass wir auf unserer Suche nach Wohlbefinden und Glück eine Unmenge von Energie und Zeit fürs Geldverdienen und Geldausgeben aufwenden. Und dieses Programm hat uns im Laufe der Menschheitsgeschichte einen gigantischen technischen Fortschritt und, damit einhergehend, ungeheure Möglichkeiten und Zeitgewinne beschert. Aber dieses Programm sorgt offenbar zugleich dafür, dass wir uns diese Gewinne immer wieder abjagen lassen. Ein Programm also, das dafür verantwortlich ist, dass uns am Ende der rastlosen Suche nach kostspieligen äußeren Genussquellen nicht einmal mehr Zeit bleibt für die Nutzung jener Quelle, die Gott oder die Evolution in unser Inneres gratis eingebaut hat.






Doch zurück zur erzbischöflichen Pressemitteilung. Auch für „Kommunikation und Streitkultur, für Religion und Spiritualität“ sollten wir uns mehr Zeit nehmen. In der Tat: Wie oft heißt es: „Leider keine Zeit.“ Das Wort „Zeit“ ist eines der am häufigsten gebrauchten Wörter der deutschen Sprache und der Satz vom Keine-Zeit-Haben vermutlich einer der beliebtesten Sätze. Mag dieser Satz manchmal auch als Ausrede dienen, allzu oft ist er ehrlich gemeint. Außer für die Sexualität fehlt uns Zeit für die Familie, für Verwandte und Freunde, fürs Lesen, für den Sport, fürs Verreisen, für die Beschäftigung mit uns selbst – auch für die Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens. Allzu oft geht uns bei all dem täglichen Getue und Gehetze das, was uns eigentlich lieb und teuer ist, verloren.






In unserem Umgang mit Zeit zeigt sich ein eigenartiger Widerspruch: Zwar sind wir unablässig bemüht Zeit einzusparen. Wir rüsten uns mit einem gigantischen Arsenal Zeit sparender Maschinen aus. Wir kochen mit Schnellkochtöpfen, fahren mit Hochleistungslimousinen, kommunizieren mit Handys und Internet, produzieren auf Roboterstraßen usw. Wir streichen Pausen und schaffen das Warten ab, wo immer der Fluss der Nonstop-Aktivitäten behindert werden könnte. Wir arbeiten rund um die Uhr, rund um die Woche, rund um das Jahr. Wir konsumieren, was das Zeug hält, verlängern die Ladenöffnungszeiten, verkürzen die Sperrstunden und locken bereits im Herbst mit Schoko-Nikoläusen und im Winter mit Schoko-Osterhasen. Wir ernähren uns im Winter von eingeflogenen Sommerfrüchten. Viele machen im Sommer Winterurlaub und im Winter Sommerurlaub. Wir tun längst mehrere Dinge gleichzeitig, wir entwickeln uns zum „Simultanten“, wie der Münchner Zeitforscher Karlheinz A. Geißler diesen Sozialcharakter treffend nennt. Wir essen während des Fernsehens, wir telefonieren während des Autofahrens, wir erholen uns beim Einkaufen im Erlebniskaufhaus, und manche kaufen und verkaufen angeblich ihre Aktien während des Mittagessens. Aber bei all dem Bemühen um Schnelligkeit, Pausenlosigkeit und Gleichzeitigkeit ist immer irgendwie unklar, wo die eingesparte Zeit eigentlich bleibt. Wann werde ich den Zeitdruck wirklich los? Wann verschwindet die Uhr aus meinem Hinterkopf? Wann bin ich endlich ganz bei mir? Wächst nicht mit dem Bemühen um effiziente Kontrolle und Nutzung der Zeit oft sogar der Berg nicht erledigter Aufgaben und nicht ausgeführter Pläne? Vermehrt sich beim Kampf gegen die zerrinnende Zeit nicht manchmal sogar der Stress?






Die Beschleunigungskrankheit






Schlimmer noch: Beim genaueren Hinsehen zeigt sich, dass unser Umgang mit Zeit noch viel weiter reichende Folgen hat. Aus der Physik des Alltags wissen wir, dass Beschleunigungsphasen nicht nur mit einem besonders hohen Energieaufwand einhergehen, sondern dass mit dem Tempo eines bewegten Körpers auch dessen Steuerung schwieriger wird. So kann eigentlich nicht verwundern, dass die Beschleunigung mit einer fatalen Zwangsläufigkeit immer wieder Rückschläge produziert: Beschleunigungsfallen. Wer zu schnell fährt, der landet schnell im Graben. Wer sich nicht Zeit zum Nachdenken nimmt, der macht schnell einen Fehler. Und wer Raubbau an seinem Körper und seiner Seele treibt und rücksichtslos mit seiner sozialen und natürlichen Umwelt umgeht, der kann eines Tages eine saftige Rechnung präsentiert bekommen. Beschleunigungsfallen werfen uns hinter jenen Punkt zurück, von dem aus wir ursprünglich schneller werden wollten. Das Jagen und Hetzen von Menschen, Tieren, Pflanzen und die Missachtung ökologischer Kreisläufe führen nicht selten zur Erschöpfung und – wie zu zeigen sein wird – am Ende zum Ausbruch enormer Zerstörungspotenziale mit oft tödlichen Konsequenzen. Dass wir alledem nicht hilflos ausgeliefert sind, das ist die eigentliche Botschaft dieses Buches. Und weiter: Wenn wir dem Jagen und Hetzen gemeinsam Einhalt gebieten und uns im Leben mehr Zeit lassen, geht es uns allen besser. Nicht Verzicht ist also angesagt, sondern wir sollten mit dem Verzichten endlich aufhören.






(...)






Entschleunigung






Das Wort „Entschleunigung“ ist eine sprachliche Neuschöpfung mit beachtlicher Ausbreitungsgeschwindigkeit. Von Entschleunigung war zum ersten Mal Anfang der 90er-Jahre in wissenschaftlichen Fachpublikationen der Evangelischen Akademie Tutzing und des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt, Energie zu lesen. Einen Konjunkturschub erhielt der Begriff Ende der 90er-Jahre durch das viel beachtete Buch Die beschleunigte Gesellschaft mit dem Untertitel „Kulturkämpfe im digitalen Kapitalismus“. Darin sieht der Kommunikationswissenschaftler und SPD-Vordenker Peter Glotz einen Kulturkampf zwischen modernen Beschleunigern und antimodernen Entschleunigern heraufziehen. Dieser Kulturkampf ist bisher ausgeblieben. Im Gegenteil: Die Entschleunigungsbotschaft ist hoffähig geworden und begegnet uns in Feuilletons, Managementseminaren, Talkshows und als Blickfang in Katalogen für besonders bequeme Polstermöbel. Und natürlich auch im Internet, wo die Suchmaschine Google im Sommer 2003 über 3000 Fundstellen für das Suchwort „Entschleunigung“ registriert hat. Selbst das Magazin der Deutschen Bahn AG, das in Hochgeschwindigkeitszügen ausliegt, preist die „Kunst der Entschleunigung“ – bei Tempo 250.






Was auch immer unter „Entschleunigung“ verstanden werden mag: Es muss in Bezug auf den Titel dieses Buches ein mögliches Missverständnis von vornherein ausgeräumt werden: Genauso wenig wie Beschleunigung und Schnelligkeit Werte an sich sind, sind Entschleunigung und Langsamkeit von sich aus schon erstrebenswert. Der Notarzt muss schnell am Unfallort sein, aber der, der ihn braucht, weil er vorher mit seinem Auto an den Baum geknallt ist, wäre besser langsamer gefahren. Es geht also um angemessene Geschwindigkeiten und Veränderungen, und zwar in einem sehr umfassenden Sinn: im Umgang mit uns selbst, mit unseren Mitmenschen und mit der uns umgebenden Natur. Und dabei zeigt sich, dass unsere Wirtschafts- und Lebensweise in vielerlei Hinsicht zu schnell und zu atemlos geworden ist. Deshalb wird Entschleunigung als letztlich globales und langfristiges Projekt unverzichtbar – das wir freilich schnellstens (!) auf die Tagesordnung setzen sollten.


Siehe auch


Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit – Neuer Wohlstand durch Entschleunigung



Fritz Reheis: Bildung contra Turboschule – Ein Plädoyer



Fritz Reheis: Wo Marx recht hat