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Jean Ziegler
Der Hass auf den Westen
Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren


München 2009 (Bertelsmann Verlag); 288 Seiten; ISBN 3570011321 (ISBN-13: 978-3570011324)
Originalausgabe: »L'Empire de la honte« (Paris 2008)


Verlagsinformationen


Jean Ziegler erhält CARE-Millenniumspreis für seinen Einsatz im Kampf gegen den Hunger






Wohin seine internationalen Aufgaben ihn auch führen, immer wieder stößt Jean Ziegler auf die tiefe Feindschaft, die die Völker des Südens denen des Westens entgegenbringen. Er ergründet die Motive und historischen Wurzeln dieses Hasses und sucht nach Mitteln, ihn zu besiegen. Für Millionen Männer, Frauen und Kinder auf unserem Planeten ist die Überwindung dieses Konflikts zu einer Überlebensfrage geworden.

Wie können wir den globalisierten Finanzkapitalismus und seine Akteure daran hindern, den Rest der Welt ihrer mörderischen Herrschaft zu unterwerfen? Wie den Westen dazu bringen, seine Verantwortung wahrzunehmen? Wie erreichen, dass Rechtsstaat und Demokratie im Süden nicht abgelehnt werden wegen der Ungerechtigkeiten, die in ihrem Namen begangen wurden und werden?

Bei seiner Suche nach Antworten nimmt der Autor seine Leser mit auf eine lange Reise, die von Nigeria nach Bolivien, von den internationalen Konferenzsälen in New York und Genf in die elendesten Dörfer unseres Planeten führt. Ein engagiertes, aufrüttelndes Buch – auch eine Hommage an die beider Dichter, die für dieses Buch Pate gestanden haben: Aimé Césaire und Wole Soyinka.

Jean Ziegler lehrt uns, die Werte und die Weltherrschaft des Westens mit den Augen der Völker des Südens zu sehen. Nur wenn wir verstehen, welche traumatischen Verletzungen Kolonialismus, Sklaverei und Ausbeutung, gepaart mit Arroganz und moralischer Überheblichkeit, im kollektiven Bewusstsein dieser Völker hinterlassen haben, werden wir in der Lage sein, den daraus resultierenden Hass, der dem Westen entgegenschlägt, durch konkretes Handeln zu überwinden.


Jean Ziegler


geboren 1934 im schweizerischen Thun, Bürger der Republik Genf, Soziologe, ist emeritierter Professor der Universität Genf. Er war bis 1999 Nationalrat (Abgeordneter) im Eidgenössischen Parlament, dann Sonderberichterstatter der Vereinten Natiomen für das Recht auf Nahrung. Seit 2008 ist er AAitglied des Beratenden Ausschusses des U NO-MenschenrechtsTats. Er ist Träger verschiedener Ehrendoktorate und internationaler Preise wie z. B. des CARE-Millenniumspreises (2009) und des Internationalen Literaturpreises für Menschenrechte (2008). Seine Bücher Die Schweiz wäscht weißer; Die Schweiz, das Gold und die Toten; Wie kommt der Hunger in die Weit?; Die neuen Herrscher der Weit und ihregiobalen Widersacher und Das Imperium der Schande, in mehrere Sprachen übersetzt, haben erbitterte Kontroversen ausgelöst und ihm hohes Ansehen verschafft. Zuletzt ist von Jean Ziegler erschienen: Das Imperium der Schande (überarbeitete Ausgabe 2007).


Inhaltsverzeichnis


VORWORT






ERSTER TEIL: An den Quellen des Hasses



I


Vernunft und Wahnsinn



II


Die rätselhaften Wege des Gedächtnisses



III


Sklavenjagd



IV


Die Kolonialmassaker



V


Durban oder wenn der Hass auf den Westen den Dialog blockiert



VI


Sarkozy in Afrika








ZWEITER TEIL: Die abscheuliche Erbfolge



I


Vom Sklavenhalter zum alles verschlingenden Raubtier



II


In Indien, in China








DRITTER TEIL: Die Schizophrenie des Westens



I


Die Menschenrechte



II


Zynismus, Arroganz und Doppelzüngigkeit








VIERTER TEIL: Nigeria, die Fabrik des Hasses



I


Die Paten von Abuja



II


Zur Zeit des Biafrakriegs



III


Die Wahlfarce



IV


Bestechung als Herrschaftsinstrument



V


Blutspur im Delta



VI


Lagos, Mülleimer des Westens



VII


Die Heuchelei der Weltbank



VIII


Die Sklavenkinder von Wuze



IX


Als Angela Merkel Wole Soyinka ohrfeigte








FÜNFTER TEIL: Bolivien: Der Bruch



I


Als die Schweine hungrig waren



II


Ein Indianer im Palacio Quemando



III


Der wiedergewonnene Stolz



IV


»Im Namen des bolivianischen Volkes…«



V


Die Not besiegen



VI


Der Bruch mit dem Kolonialstaat



VII


Das Fest



VIII


Die Ustaschi sind zurück








EPILOG: »Die Stunde unserer selbst ist gekommen«






Danksagung



Anmerkungen, Personenregister, Sachregister


Leseprobe


Dieses Buch ist dem Gedenken von
Jean Duvignaud, Jaime Varga, l‘Abbé Pierre
gewidmet









VORWORT






Ich bewohne eine heilige Wunde



Ich bewohne mythische Ahnen



Ich bewohne einen dunklen Willen



Ich bewohne ein langes Schweigen



Ich bewohne einen unstillbaren Durst



Ich bewohne eine tausendjährige Reise



Ich bewohne einen dreihundertjährigen Krieg



[…].



AIMÉ CÉSAIRE, »Calendrier lagunaire«, Moi, laminaire









Märzschauer peitschten die hundertjährigen Bäume des Chemin de l'Ermitage in Genf. Eine feine Schicht von nassem Schnee bedeckte das leuchtende Rot der Magnoliensträucher, das Rosa der japanischen Kirschbäume und die goldenen Zweige der Forsythien.






Kurz vor Mitternacht, es herrschte Eiseskälte.






Ich ging neben einer eleganten Frau in einem weißen und ockerfarbenen Sari, über dem sie einen Wollmantel trug. Es war Sarala Fernando, Botschafterin von Sri Lanka bei den Vereinten Nationen in Genf.






Wir kamen von einem Dinner, das Paul Kavanagh, der irische Botschafter, in seinem Amtssitz für europäische, asiatische und afrikanische Diplomaten gegeben hatte. Den ganzen Abend lang hatten wir darüber diskutiert, welche Maßnahmen ergriffen werden könnten, um dem schrecklichen Völkermord Einhalt zu gebieten, den der sudanesische Diktator General Omar Bachir schon seit Januar 2003 in den Gebirgsmassiven und Savannen von Darfur verübt.






Die Männer, Frauen und Kinder der Massalit, Fur und Zaghawa sterben zu Tausenden unter den Bomben der Antonows und den Lanzenstößen der Dschandschawid, der arabischen Reitermilizen. Wie die apokalyptischen Reiter fallen diese Mörder über die afrikanischen Dörfer her, vergewaltigen und verstümmeln die Frauen und jungen Mädchen, schneiden ihnen die Kehle durch, werfen die Kinder lebendig in die Flammen der brennenden Hütten, massakrieren Männer, Jugendliche und Greise.






Die Dschandschawid töten auf Befehl der Generale, die in Khartum an der Macht sind und die ihrerseits von den »Vordenkern« der Islamischen Heilsfront ferngesteuert werden.






Wir schreiben den 20. März 2007.






Vier Tage zuvor hatte die Nobelpreisträgerin Jody Williams als Präsidentin der Untersuchungskommission für Darfur im Saal XIV des Genfer Völkerbundpalastes ihren Bericht dem UN-Menschenrechtsrat vorgetragen.






Die unstreitige, belegbare Bilanz des Völkermords: in vier Jahren mehr als zweihunderttausend Tote, hunderttausende verstümmelte Menschen und über zwei Millionen Flüchtlinge oder Vertriebene.












Auf dem von Paul Kavanagh und seiner Gattin organisierten Dinner sollte eine Kompromissresolution aufgesetzt werden, die man noch in derselben Woche den Vertretern der siebenundvierzig Mitgliedstaaten des Rates übergeben wollte.






Seit 2007 spielt der Menschenrechtsrat auf internationaler Ebene eine entscheidende Rolle. Nach der Generalversammlung und dem Sicherheitsrat ist er die drittwichtigste Instanz der UNO. Im Gegensatz zum Sicherheitsrat kennt der Menschenrechtsrat kein Vetorecht. Die Großmächte sind dort dem Gesetz der Mehrheit unterworfen, die ihrerseits von einem Bündnis zwischen den Mitgliedstaaten der OIC (Organisation der Islamischen Konferenz) und den Staaten der Blockfreien Bewegung NAM beherrscht wird. Die wiederauferstandene Bewegung von Bandung nennt sich NAM (Non Aligned Movement; dt.: blockfrei). Der alte Name wurde beibehalten, obschon es den zweiten Block, den kommunistischen, seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 nicht mehr gibt.






Mehr und mehr – und das gilt insbesondere für den Fall Darfur – übernimmt der Menschenrechtsrat die Rolle eines Anti-Sicherheitsrats.






Die Resolution sah vor, vom Tschad aus humanitäre Korridore zu öffnen, um Lebensmittel, Wasser und Medikamente für die Opfer herbeizuschaffen, sowie den Luftraum von Darfur für alle nicht von der UNO genehmigten Flüge zu sperren.






In dem eisigen Wind kommt Sarala Fernando nur mühsam voran. Sie ist eine Frau reiferen Alters mit schönen schwarzen Augen und großem Scharfsinn, die unter den in Genf akkreditierten asiatischen Diplomaten ein hohes Maß an Einfluss und Ansehen genießt.






Plötzlich bleibt sie mitten auf dem Weg stehen.






»Why are they attacking us all the time? ... We are civilized... But sometimes it is very difficult to control ourselves, not to speak out ... « (»Warum greifen sie uns ständig an? ... Wir sind doch zivilisierte Menschen ... Aber manchmal haben wir große Mühe, uns zu beherrschen, unsere Meinung nicht klar und deutlich zu sagen ... «).






Nur mühsam zügelte Sarala Fernando ihren Zorn. Der Vorschlag, der von den Vertretern der Europäischen Union vorgebracht worden war – in einer scharfen Resolution das islamistische Regime des Sudans zu verurteilen –, empörte sie. Am Tisch des irischen Botschafters hatte sie geschwiegen. Aber jetzt explodierte sie.






»And the Germans, what did they do not so long ago?« (»Und was haben die Deutschen vor noch gar nicht so langer Zeit getan?«). Die Anspielung galt dem deutschen Botschafter Michael Steiner, der damals, im März 2007, gerade den Vorsitz in der Gruppe der Botschafter der Europäischen Union innehatte. (1)






»Und die Engländer? Erinnern Sie sich, was sie mit den indischen Webern gemacht haben? Um die indische Textilindustrie zu zerstören und ihr eigenes Monopol durchzusetzen, haben sie den Webern – Männern, Frauen und Kindern – die Finger gebrochen... Und bei uns in Sri Lanka haben die Engländer, als sie kamen, hunderttausende Hektar bestellten Lands, auf dem unsere Bauern arbeiteten und lebten, zu waste lands – herrenlosem Ödland – erklärt. Die Bauern wurden verjagt. Hunderttausende von Dorfbewohnern sind verhungert. Auf den Massengräbern, die mit den Leichen unserer Bauern gefüllt waren, haben die Engländer ihre Teeplantagen angelegt.«






In der eisigen Nacht erkannte ich überrascht, dass diese Intellektuelle buddhistischer Herkunft, die zweifellos gebildet und eingehend über die Gräueltaten von Darfur informiert war, jede Kritik westlicher Vertreter an der Diktatur Omar Bachirs als einen unerträglichen Angriff auf die Völker der südlichen Hemisphäre empfand.






Sarala Fernando ist natürlich nicht blind für die Leiden der Menschen in den drei westsudanesischen Provinzen. Wie jeder fühlende Mensch ist sie entsetzt über das Wüten der Dschandschawid – die Massenvergewaltigungen afrikanischer Frauen, die Verstümmelungen der Kinder und die Massaker an den Vätern vor den Augen der versammelten Familien.






Trotzdem lehnt sie jede Form der Zusammenarbeit mit den europäischen Mitgliedstaaten des Rats für Menschenrechte ab.






Diese Ablehnung hat Konsequenzen. Um die Verwundeten zu evakuieren, die Toten würdig zu bestatten und die noch lebende Bevölkerung zu schützen, muss ein bestimmter UN-Mechanismus ins Werk gesetzt werden, der nur mit der Unterstützung der wichtigsten Staaten – also auch derjenigen des Südens – funktionieren kann. Dieser Mechanismus heißt Responsibility to protect (»Schutzverantwortung«).






Am 6. Oktober 2006 hatte der Sicherheitsrat eine Resolution verabschiedet, der zufolge zwanzigtausend Blauhelme entsandt werden sollten, um den Genozid an der afrikanischen Bevölkening Darfurs zu beenden. Doch die Umsetzung dieser Resolution war aufgrund der Responsibility to protect nur mit der Unterstützung der wichtigsten Staaten möglich. Die Weigerung, mit den westlichen Staaten zusammenzuarbeiten, bedeutete in diesem Fall, dass man den Völkermördern freie Hand ließ.






Sarala Fernando ist ein Musterbeispiel für die hochrangigen Diplomaten der südlichen Hemisphäre. Angesichts der gegenwärtigen und vergangenen Verbrechen des Westens hält sie es für skandalös, wenn sich ein westlicher Botschafter – unter welchen Umständen auch immer – auf die Menschenrechte beruft.






In New York, in Genf denkt die überwältigende Mehrheit ihrer algerischen, philippinischen, senegalesischen, ägyptischen, pakistanischen, bengalischen, kongolesischen und weiterer Kollegen genau wie sie.






Weil deren Gedächtnis die gleichen Wunden aufweist wie das Sarala Fernandos. Auch sie bewohnen die »heilige Wunde«, von der Aimé Césaire spricht.












Der Hass auf den Westen, diese unausrottbare Leidenschaft, beherrscht heute eine große Mehrheit der Völker in der südlichen Hemisphäre. Er ist ein machtvoller Mobilisierungsfaktor.






Dieser Hass ist keineswegs pathologisch, sondern manifestiert sich in einem strukturierten und rationalen Diskurs. Und er lähmt die Vereinten Nationen. Indem er die internationalen Verhandlungen blockiert, verhindert er die Lösung von Konflikten und schwerwiegenden Problemen, obwohl dabei unter Umständen das Überleben der ganzen Menschheit auf dem Spiel steht.






Der Westen seinerseits bleibt taub, blind und stumm gegenüber diesen Identitätsbekundungen, in denen sich der brennende Wunsch der südlichen Völker nach Emanzipation und Gerechtigkeit äußert. Er versteht diesen Hass nicht.






Denn das Gedächtnis des Westens ist hochfahrend, jedem Zweifel unzugänglich. Das der südlichen Völker dagegen ist ein verwundetes Gedächtnis. Und der Westen weiß nicht, wie tief und schwer diese Wunden sind.






Hören wir Régis Debray: »Wem nicht klar ist, dass heute in der Gattung Mensch zwei Arten Seite an Seite leben, die sich gegenseitig nicht wahrnehmen – die Erniedrigenden und die Erniedrigten –, versteht das 21. Jahrhundert nicht. […] Die Schwierigkeit erwächst daraus, dass die Erniedrigenden sich nicht beim Erniedrigen sehen. Mit den Erniedrigten kreuzen sie die Waffen, selten den Blick« (2)






Und noch einmal Debray: »Sie haben den Tropenhelm abgenommen. Doch ihr Kopf darunter bleibt kolonialistisch.«






In ihrer Studie »Histoire, mémoire et mondialisation« kommen Bertrand Legendre und Gaidz Minassian ihrerseits zu dem Ergebnis: »Der Süden bittet den Westen nicht mehr um Hilfe. Er verlangt Wiedergutmachung, wenn nicht gar einen Reueakt […]. Der ganze [afrikanische] Kontinent schreit nach Gerechtigkeit […]. Die Europäer verharmlosen die verheerenden Folgen der Sklaverei. Lieber preisen sie deren Abschaffung […] wie François Mitterrand, als er 1981, am Tag seines Amtsantritts, im Panthéon Blumen am Grab von Victor Schoelcher niederlegte […]. Die Nachkommen der Sklaven verlangen Entschädigung vom Westen, da sie noch heute unter den Folgen der Verschleppung leiden.« (3)






Der Ruf nach Gerechtigkeit, nach Reue erklingt immer häufiger auf den drei Kontinenten.






Legendre und Minassian: »Diese erinnerungsträchtigen Proteste liegen in ihrer Vielfalt und Fülle zeitlich viel zu nahe beisammen, um ein Produkt des Zufalls sein zu können.«






Mit meinem Buch möchte ich die Wurzeln dieses Hasses freilegen und gleichzeitig nach Möglichkeiten seiner Überwindung suchen.






Wie lässt sich verstehen, dass dieser Hass in der heutigen globalen Gesellschaft so plötzlich über den Westen hereinbricht? Ich sehe zwei Erklärungen.






Die erste ist die unvermittelte Wiederkehr des verwundeten Gedächtnisses des Südens. Die lange verdrängten Erinnerungen an die Demütigungen, die seine Völker in dreihundert Jahren Sklavenhandel und kolonialer Besetzung erlitten, tauchen wieder im Bewusstsein auf. Das verwundete Gedächtnis ist eine machtvolle geschichtliche Kraft.






Ihrer Untersuchung widme ich den ersten Teil meines Buchs.






Die zweite Erklärung liegt in einem unerträglichen Widerspruch zwischen Demografie und Macht: Seit mehr als fünfhundert Jahren beherrschen die westlichen Länder den Planeten. Dabei haben die Weißen nie mehr als 23,8 Prozent der Weltbevölkerung gestellt – heute sind es kaum noch 13 Prozent.






Daher ist in den Augen der meisten Frauen und Männer, die in der südlichen Hemisphäre leben, die gegenwärtige, von den Oligarchien des westlichen Finanzkapitals aufgezwungene Weltwirtschaftsordnung das Produkt der einstigen Unterdrückungssysteme, insbesondere des Sklavenhandels und der kolonialen Ausbeutung. Diese Weltordnung bringt einer großen Zahl von Männern, Frauen und Kindern des Südens unsägliches Leid und neue Demütigungen. Auch sie nährt den Hass auf den Westen.






In zweiten Teil des Buchs untersuche ich die Grundlagen dieser kannibalischen Ordnung und ihre Auswirkungen auf das Bewusstsein des Südens.






Seit Jahrhunderten versucht der Westen, das Wort »Humanität« zu seinem alleinigen Vorteil in Beschlag zu nehmen. In seinem meisterhaften Werk Die Barbarei der anderen, Europäischer Universalismus zeichnet Immanuel Wallerstein die historischen Etappen der Entstehung dieser »ethnozentrischen Humanität« nach. (4)






Der Westen sei ein Potentat, ohne es zu wissen, sagt er. Sein liebster Zeitvertreib bestehe darin, der ganzen Welt moralische Lektionen zu erteilen. Sein Gedächtnis sei aus Stein. Es vermische sich mit seinen wirtschaftlichen Interessen.






Seine Arroganz blendet ihn. Schon lange macht sich der Westen nicht mehr klar, wie viel Ablehnung er hervorruft.






Ob bei Abrüstung, Menschenrechten, Kontrolle von Atomwaffen, globaler sozialer Gerechtigkeit – der Westen spricht fortwährend mit gespaltener Zunge.






Und der Süden reagiert mit abgrundtiefem Misstrauen. Er hält diesen Westen, der in seiner Praxis ständig die von ihm verkündeten Werte Lügen straft, für schizophren.






Die Strategie der Doppelzüngigkeit lähmt die internationalen Verhandlungen. Sie verhindert den gemeinsamen Kampf des Südens und des Westens gegen die tödlichen Gefahren, die sie doch beide bedrohen.






Auf verschiedene Beispiele jüngeren Datums gestützt, analysiere ich im dritten Teil diese Gefahren und die Beweggründe für das schizophrene Verhalten des Westens.






Der vierte Teil beschäftigt sich mit dem symptomatischen Schicksal Nigerias. Denn das bevölkerungsreichste Land Afrikas, das zugleich eines der reichsten der Welt ist, wird heute regelmäßig von den Beutejägern des Weltwirtschaftskriegs geschröpft.






Nigeria, der größte Erdölförderer Afrikas und der achte weltweit, wird seit 1966 von einer Reihe aufeinanderfolgender Militärjuntas regiert. Das Land war nie wirklich souverän. Heute ist es eine ohnmächtige Beute von Shell, BP, Total, Exxon, Texaco und anderen Plünderern. Und 70 Prozent seiner Bevölkerung vegetiert in unsagbarer Armut dahin. Natürlich ist diese Realität ein idealer Nährboden für den Hass auf den Westen.






In Bolivien residiert seit Januar 2006 Evo Morales Ayma, ein aymarischer Bauer, im Palacio Quemado. Seit den spanischen Verwüstungen des 15. und 16. Jahrhunderts ist er der erste indianische Präsident eines südamerikanischen Landes.






Morales hat einen historischen Bruch mit der kannibalischen Weltordnung vollzogen und dem Westen eine bittere Niederlage zugefügt. Dadurch mobilisiert das neu erwachte Identitätsbewusstsein der Aymaras, Quechuas, Moxos, Guarani die Kraft zum Kampf, zum Widerstand und zu ungeahnten schöpferischen Leistungen. Im fünften Teil werden wir betrachten, wie die bolivianische Renaissance auf den ganzen Kontinent ausstrahlt. Dabei geht es auch darum, ein genaues Maß anzulegen: Ist die fortwährende Aufwertung indigener Politik und Kultur, geboren aus dem Hass auf den Westen, mit den universellen Rechtsgrundsätzen vereinbar?












In der Zwickmühle zwischen der Doppelzüngigkeit des Westens und dem Hass der südlichen Völker vermag sich die internationale Gemeinschaft gegenwärtig nicht durchzusetzen. Die Vereinten Nationen sind am Rande des Ruins. Und das Verstummen des Dialogs bringt den Planeten in tödliche Gefahr.






So ist die Genfer Abrüstungskonferenz seit zweiundvierzig Jahren vollkommen lahmgelegt. Die Weiterverbreitung von immer mörderischeren Kernwaffen schreitet munter fort.






Im September 2000 versammelten sich einhundertzweiundneunzig Staats- und Regierungschefs in New York. Sie haben die »Millenniumentwicklungsziele« (engl.: Millennium Development Goals, MDGs) festgelegt, mit denen sie sich verpflichteten, innerhalb einer Generation Unterernährung, Hunger, Epidemien und die extreme Not von 2,2 Milliarden Menschen zu beseitigen. Doch bis heute ist auf diesem Weg nicht der geringste Fortschritt zu verzeichnen.






Zu Beginn dieses Jahrtausends stirbt auf einem Planeten von unermesslichem Reichtum alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. An Krankheit oder Hunger.






Der Wirtschaftskrieg schürt die Wut.






Erniedrigung, Ausgrenzung, Furcht vor dem Morgen sind das Schicksal hunderter Millionen Menschen. Besonders in der südlichen Hemisphäre. Für ihre Völker sind die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Charta der Vereinten Nationen nur hohle Phrasen.






Wie kann man den Westen dazu bringen, Verantwortung zu übernehmen und seine eigenen Werte zu respektieren? Wie kann man den Hass des Südens entschärfen? Unter welchen konkreten Bedingungen lässt sich der Dialog in Gang bringen?






Wie lässt sich eine Weltgesellschaft schaffen, die versöhnt und gerecht ist, die die Identität, die Erinnerungen und das Lebensrecht eines jeden Menschen achtet?






Ich möchte mit dem vorliegenden Buch alle Kräfte mobilisieren, die zur Lösung dieser Fragen beitragen und der Tragödie ein Ende setzen können.









Anmerkungen



(1) Der Angriff gegen diesen deutschen Botschafter war besonders ungerecht, da Steiner aus einer bayerischen Familie kommt, die auf eine lange sozialdemokratische Tradition zurückblickt und gegen die Nazis war.



(2) Régis Debray, Aveuglantes Lumières, Paris, Gallimard, 2006, S. 136.



(3) Le Monde, 27. Dezember 2007; Victor Schoelcher (1804-1893) kämpfte erfolgreich für die Abschaffung der Sklaverei.



(4) Immanuel Wallerstein, Die Barbarei der anderen, Europäischer Universalismus, Berlin, Wagenbach, 2007.


Siehe auch:


Jean Ziegler: Woher kommt der Hunger in der Welt? (1999)



Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt – und ihre globalen Widersacher (2003)



Jean Ziegler: Das Imperium der Schande (2005)



Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern (2012)



Jean Ziegler: Ändere die Welt! (2015)



Fernsehinterview im Bayerischen Rundfunk am 1.4.1999



Interview in der Germanwatch-Zeitung 4/2005



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